Bad Urach Als man Kurmark rauchte

Bad Urach / WALTER RÖHM 27.06.2014
Zu den kleinen Kostbarkeiten die neben den stattlichen Fachwerkhäusern das historische Gesicht der Bad Uracher Altstadt prägen, gehören die historischen und modernen Laufbrunnen.

Die historischen Brunnen, allen voran den Christophorus-Brunnen vor dem Rathaus, kennen alle Einheimischen. Auch jeder Besucher der Stadt bestaunt diesen spätgotischen Brunnen mit seiner aufstrebenden Brunnensäule, umgeben von hohen Fachwerkhäusern. Die wenigen neuzeitlichen Brunnen dagegen, finden kaum Beachtung. So beispielsweise der "Vogelbrunnen" am Rande des Parkplatzes "Im Greuth" gegen den Wilhelmsplatz hin.

Dass es ihn gibt, verdankt die Stadt der Hamburg-Bremischen Zigarettenfabrik Brinkmann AG (HB), die, um den Absatz ihrer Regionalmarke "Kurmark" anzukurbeln, 1974 in Baden-Württemberg einen Wettbewerb um die beliebteste Stadt des Landes ausschreibt. Urach beteiligt sich an diesem Wettbewerb und erringt den ersten Preis in Höhe von 10 000 D-Mark.

Zunächst ist geplant, das Preisgeld zum Wiederaufbau des in Einzelteile zerlegten "Prunktors", dem früheren Tor der Webervorstadt zu verwenden. Allein der Wiederaufbau des Tors liegt noch in weiter Ferne. Ja, es steht sogar noch nicht einmal fest, ob es überhaupt dazu kommt. So beschließt der Gemeinderat, den Gewinn für ein anderes, schneller realisierbares Projekt der Stadtverschönerung zu verwenden. Er entscheidet sich letztlich zum Bau eines Brunnens.

Voraussetzung für den Standort des neuen Brunnens ist, dass er aus einer Quelle gespeist werden kann, denn an die öffentliche Wasserversorgung möchte man ihn keinesfalls anschließen. Der Standort kann deshalb nur in der Nähe eines historischen Brunnens liegen, der von einer der Quellen gespeist wird, die außerhalb der Altstadt gefasst sind. Da ist einmal die "Eckisquelle" am Fuße der Eichhalde, die schon zu Zeiten des Grafen Eberhard im Bart, also im späten Mittelalter unter anderem das Wasser für den Schlossbrunnen und den Brunnen im Mönchshof liefert. Ihr Wasser fließt heute noch aus dem Marktbrunnen, dem Klosterbrunnen, der an der Bismarckstraße vor dem Stift steht, und aus dem Brunnen vor dem Haus am Gorisbrunnen, der in seiner heutigen Form erst 1981 gebaut wird, als Ersatz für einen historischen Brunnen, der 1964 der Verbreiterung der Ortsdurchfahrt zum Opfer fällt.

Dann ist da noch die "Geyerbadquelle" an der Straße nach Graben-stetten, deren Wasser seit 1861 unter anderem den Weberbleiche-Brunnen, den Espach-Brunnen auf dem Eberleplatz und den Brunnen an der Lange Straße versorgt.

Beide Quellen liegen höher als die Brunnen im Stadtgebiet. Das Wasser fließt deshalb problemlos entlang des natürlichen Geländegefälles direkt bis zu den Brunnen. Das Quellwasser gilt bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts hinein als "trefflich". Aber schon die Oberamtsbeschreibung von 1831 weiß, dass "es nicht jedem Magen zuträglich ist". Tatsächlich entspricht es nicht den Anforderungen für Trinkwasser. Schilder mit der Aufschrift "Kein Trinkwasser" weisen insbesondere den durstigen Wanderer darauf hin. Im Bereich der Brunnenleitungen wird also nun ein Brunnen-Standort gesucht. Schnell zeigt sich, dass dieser nur im Bereich der Leitung liegen kann, die von der Geirenbadquelle in die Stadt führt. Denn einmal ist die Schüttung der Quelle reichlich und zum andern ist auch der Querschnitt der Leitung so dimensioniert, dass ein weiterer Brunnen problemlos versorgt werden kann.

Die Fachleute vom Stadtbauamt schlagen vor, den Brunnen am Rande des neuen Parkplatzes "Im Greuth" zu bauen, wo in unmittelbarer Nähe die Leitung mit dem Wasser der Geierbadquelle in Richtung Brunnen an der Lange Straße vorbeiführt. Der Gemeinderat ist mit diesem Standort einverstanden.

Nun will es der Zufall, dass zur gleichen Zeit die ehemalige Drogerie Schneider in der Wilhelmstraße in eine Apotheke umgebaut wird. Der mit dem Umbau beauftragte Münchener Architekt Werner Griemann erfährt vom städtischen Brunnenprojekt und bietet sich an, hierfür einen Entwurf zu fertigen. Der Gemeinderat nimmt das Angebot an und stimmt im Sommer 1975 dem vorgelegten Entwurf zu.

Der Entwurf sieht vor, dass auf einem etwa 150 Zentimeter hohen, gespaltenen Kalkstein, dem Brunnenstock, ein großer schwarzer Vogel mit gespreizten Schwingen sitzt, der offensichtlich aus der darunter liegenden Rinne trinkt, aus der das Wasser in einen von Tuffsteinplatten umrahmten Brunnentrog plätschert.

Der Entwurf wird umgesetzt. Die Metallteile fertigt der renommierte Kunstschmied Manfred Bergmeister aus Ebersberg bei München, den Brunnenstock und den Trog der Uracher Steinmetz Gerhard Reutter. Damit hat Urach einen weiteren Laufbrunnen, der nun ganz offiziell "Vogelbrunnen" heißt.