Bad Urach/Dettingen Acht schlug die Turmuhr der Amanduskirche

Die Hinrichtung von Matthäus Enzlin am 22. November 1613 auf dem Uracher Marktplatz . Zeichnung: A. Federer in Wilhelm Zimmermanns Erzählung über Jakob von Gültlingen
Die Hinrichtung von Matthäus Enzlin am 22. November 1613 auf dem Uracher Marktplatz . Zeichnung: A. Federer in Wilhelm Zimmermanns Erzählung über Jakob von Gültlingen
Bad Urach/Dettingen / GR 22.11.2013
Die Hinrichtung von Matthäus Enzlin auf dem Uracher Marktplatz jährt sich heute zum 400. Mal. Auch der frühere Dettinger Pfarrer Wilhelm Zimmermann hat darüber einst geschrieben.

"Die kalten Novemberwinde sausten um die Burgfeste Hohenurach." So steht es in Wilhelm Zimmermanns Erzählung "Kabinets-Justiz oder Jakob von Gültlingen", erstmals erschienen 1854 in Band 2 der Reihe "Württemberg wie es war und ist".

Der frühere Dettinger Pfarrer und Historiker schilderte aus Archivquellen die "Kabinets-Justiz" Herzog Friedrichs I. von Württemberg (und seines Kanzlers Matthäus Enzlin) in Bezug auf die Enthauptung ohne Urteil und Rechtsspruch des Schorndorfer Obervogtes Jakob von Gültlingen wegen eines an Konrad von Degenfeld "aus Unvorsichtigkeit" begangenen Mordes, geschehen im Oktober 1600 im Haus des Geradstettener Schultheißen.

Da in den letzten Aufzeichnungen Gültlingens neben Degenfeld auch der Name Züllenhart erwähnt wird, liegt wohl auch eine Beziehung vor zu den damaligen Eigentümern des Dettinger Schlössles oder zu deren Verwandten.

Nach dem Tod Herzog Friedrichs 1608 (1599 gründete Friedrich die Uracher Weberbleiche) wurde dessen 1556 als Enkel des Reutlinger Reformators Matthäus Alber geborener Kanzler Matthäus Enzlin (zeitweiliger Tübinger Universitätsprofessor und Rektor) gestürzt und verhaftet. Er war laut Zimmermanns "Geschichte Württembergs" von 1838 zwar "ein feiner Kopf", jedoch aber auch "arglistig, in allen Praktiken und Schikanen des römischen Rechts unübertroffen, geschmeidig wie ein Aal." Zimmermanns historisches Urteil: "Der Umstürzer der Landesversammlung war zugleich der niedrigsten Verbrechen, des Betrugs, der Unterschlagung, der Erpressung und der Urkundenfälschung angeklagt."

Hohenurach/Stadt Urach, am 22. November vor 400 Jahren: "Es war frühmorgens, da erschien eine Schar von 100 Bewaffneten vor dem Festungstor. Die übernahm den Gefangenen und führte ihn in die Stadt hinab auf das Rathaus." Zimmermann zeichnet detailliert das Ende des Ex-Kanzlers und Ex-Rektors nach: "In Gegenwart der Blutrichter und des Stadtgerichts wurde ihm sein Urteil vorgelesen. Es lautete auf Tod durch das Schwert. Einige Richter hatten noch dazu gestimmt, es solle ihm die rechte Hand abgehauen und der Kopf auf einen Pfahl gesteckt werden. Der neue Herzog, der Sohn Friedrichs, hatte ihm zum einfachen Schwert begnadigt. Er wurde vom Rathaus auf den Marktplatz herabgeführt, da sah er einen Stuhl und im roten Mäntelchen den Scharfrichter von Tübingen daneben. Der verurteilte Kanzler legte Pelzrock und Wams ab, setzte sich auf den Stuhl und schob seine Sammetmütze vor die Augen. Acht schlug die Turmuhr der Amanduskirche, als sein schuldiges Haupt fiel. Vier Männer von den Hausarmen legten seinen Leichnam in den Sarg und trugen ihn auf den Kirchhof. Da begruben sie ihn auf dem Armensünderplätzchen, das für Missetäter und Selbstmörder abgesondert war." Die 60-seitige Erzählung von Wilhelm Zimmermann aus der Reihe "Württemberg wie es war und ist" (um 1890 neu von Carl Weitbrecht mit Illustrationen von A. Federer herausgegeben) wird vom Dr. Wilhelm und Louise Zimmermann Geschichtsverein in Form eines Sonderdrucks vorgestellt im Rahmen der Sonntagsmatinee am 1. Dezember, 11 Uhr, in der Wilhelm-Zimmermann-Gedenkstätte im Johann Ludwig Fricker-Haus, Milchgasse 6 in Dettingen.