Bad Urach „Verrückt, aber das ist mein Hobby“

© Foto: Kirsten Oechsner
Bad Urach / KIRSTEN OECHSNER 28.11.2013
Ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland: Nicht nur junge Menschen aus der Region absolvieren diesen Dienst in aller Welt, die Welt kommt dafür auch nach Bad Urach. Wie Wendy Kyere aus Ghana.

Sie kommt aus einem Land der steten Sonne und der Wärme. Und genau dies strahlt Wendy Kyere im winterlichen Bad Urach aus: Sie empfängt Menschen mit einem strahlenden und offenen Lächeln, hat keine Scheu vor Kontakten und ist vor allem eines – neugierig. Sie ist neugierig auf die Menschen, ihre Kultur und vor allem auf fremde Sprachen: „Das hört sich verrückt an“, sagt sie, „aber das ist mein Hobby.“

Da Stillstand nicht ihr Ding ist, lag es nahe, nach dem Studium der „Computer Science“ eine aktive Pause zu machen. „Ich habe überlegt, was ich gerne tue und recherchierte im Internet.“ Dabei ist die 24-Jährige bei dem Programm des Freiwilligen Sozialen Jahres gelandet, das Interesse war geweckt und dass es letztlich das Stift in Bad Urach wurde, hat seinen Grund: „Ich wollte etwas machen, dass mit Kirche zu tun hat“, meint die Protestantin.

Und weil sie in ihrem Heimatland schon in einem Hotel gejobbt hat, war die Kombination im Einkehrhaus der Evangelischen Kirche geradezu perfekt: „Es passte eines zum anderen.

Es ist genau das, was ich mir vorgestellt habe, hier werden christliche Werte vermittelt“, freut sie sich. Die Möglichkeit, in einer solcher Einrichtung Erfahrungen zu sammeln, sei für sie ein großes Glück.

Seit Mitte September ist Wendy Kyere im Stift quasi Mädchen für alles und schnuppert als Springerin in die verschiedenen Bereiche rein: „Ich lerne das Haus ganz genau kennen.“ Mal kümmert sie sich im Restaurant um die Gäste, auch in der Hausreinigung arbeitete Wendy Kyere bereits und wer eine Veranstaltung im Stift besucht, wird von ihr freundlich an der Kasse begrüßt: „Normalerweise bin ich aber im Empfang und mache Büroarbeiten.“

Sprachlich gibt’s dabei keine Probleme, das Deutsch der jungen Frau aus Ghana ist flüssig und der Sprachschatz enorm – manchmal schwäbelt sie sogar etwas. Denn ganz neu zurecht finden muss sich Wendy Kyere in Schwaben nicht, In den Jahren 2007 und 2808 verbrachte sie als Schülerin mehrere Monate bei einer Gastfamilie in Biberach und besuchte dort das Gymnasium: „Es ist besser eine Sprache dort zu lernen, wo man sie spricht“, weiß die junge Frau.

Schon früh hat sie ihre Liebe zur deutschen Sprache entdeckt: „Ich habe immer ‚Derrick’ und die Kindersendung ‚1,2,3’ geschaut“, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Die Sendungen wurden in ihrer Heimat in der Originalsprache mit Untertiteln gezeigt: „Ich fand die Sprache schön und lustig“, meint Wendy Kyere zur Motivation, sich mit Deutsch intensiv zu beschäftigen. „Und ich wollte eine Sprache sprechen, die nicht jeder kann.“ In Ghana werden über 25 Sprachen gesprochen, Amtssprache ist Englisch und auch Französisch wird in der Schule gelehrt.

Doch die USA und Frankreich reizten Wendy Kyere noch nie wirklich, Deutschland war stets ihr Traumland.

Nun lebt sie hier den Alltag als berufstätige junge Frau in einem eigenen Appartement mit der Möglichkeit zum Familienanschluss – wenn Zeit dafür bleibt. Denn Wendy Kyere hat sich ein großes Pensum aufgebürdet, absolviert noch bis Februar einen Intensiv-Sprachkurs in Reutlingen inklusive Hausaufgaben und Tests. Mittags und an den Samstagen geht’s dann ins Stift zum arbeiten, wo sie sich wunderbar aufgenommen fühlt: „Es ist cool dort, die Kollegen sind sehr nett und helfen mir, wo sie können.“ Durch den Kurs hat sie bereits einige Bekannte in der Kreisstadt gefunden, hat Kontakte zu anderen FSJ’lern und alten Freunden aus Biberach. In Bad Urach selbst ist sie noch auf der Suche nach Bekannten, was aus Zeitmangel jedoch schwierig sei: „Bis Februar habe ich wegen der Schule volles Programm.“ Dann möchte die Ghanaerin auch endlich die Heimat auf Zeit genauer kennen lernen, am liebsten wandernd oder radelnd. „Das Thermalbad habe ich auch noch nicht besucht“, verrät sie.

Doch Wendy Kyere hat sich nicht nur in Sachen Freizeit Ziele gesetzt, auch sprachlich gibt’s ein neues: „Ich möchte Spanisch lernen. Gerade schaue ich mir immer spanische Filme an.“

Klar, dass eine Reise ins neue Land der Träume ganz oben auf der Wunschliste steht. Und wenn es irgendwann mal wieder nach Ghana zurück geht, gibt’s auch schon ein Fernziel: „Am liebsten würde ich in einem internationalen Unternehmen in einem Bereich arbeiten, wo ich Sprachen einsetzen kann und viel mit Menschen zu tun habe“, erklärt die 24-Jährige.

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