Immer noch waren die Vernissagebesucher von Jochen Meyders Kunstprojekt tief beeindruckt von der Wirkung der Installation "Grafeneck 10654", als sie Platz nahmen zum Gedenkkonzert. Die Geschichte des einstigen Jagd- und Lustschlosses Grafeneck musikalisch nachzuzeichnen, war der Ansatz der Musiker: Thomas Fortmann, Komponist, Pianist und Arrangeur Carlo Alessandro Lapegna, Komponist und Violinist Helmut Lipsky sowie Perkussionist Federico Poli. Das ist ihnen meisterhaft gelungen, mit Musik aus der Renaissance, dem Barock, der Wiener Klassik und einer zeitgenössischen Musikperformance "Grafeneck 1940". Dieses letzte der vier aufgeführten Werke, komponiert von Thomas Fortmann, sprengte sichtlich alle Erwartungen für diesen besonderen Gedenktag:

In eine Melodieschleife voller Wildheit hinein hämmert Pianist Lapegna die Tonleiter rauf und runter, Poli haut hart die Pauke, immer wieder weint die Violine. Im Innern entsteht das Bild einer Treppe nach unten - geradewegs in die Hölle. Zupfende Geige, weite Legatobögen, nadelspitze Stakkati, harte Zäsuren; mal chaotisch wild, dann von Todesstille zeugende Ruhepassagen; absurd schräge Dissonanzen wechseln mit sich in tiefste Körperregionen bohrenden Resonanzen von Vibrafon und Marimbafon, welche der Italiener Poli im fliegenden Wechsel der Instrumente spielt. Dann zugesetzt eine elektronische Aufnahme: ein tickendes Metronom im klingenden Hall eines Melodiefragments. Diese expressive Musik bohrte sich in die Zuhörer, setzte sich in jede Faser bis tief in die Seele. Schließlich bleibt nur noch das monotone Ticken. Jeder Klack steht für einen der 10654 getöteten Menschen in Grafeneck, 10654 Schläge, das sind drei weitere Stunden Musik, klärt der Violinist auf, bevor die Musiker stumm von der Bühne gehen und die Menschen nach und nach aufstehen, nach draußen drängen, mitten im Ticken, das für Menschen ertönt, deren Lebensuhr mit verabscheuungswürdiger Gewalt viel zu früh längst abgelaufen ist. Nachhaltiger kann Musik nicht wirken.

Auch wenn "Grafeneck 1940" die Superlative dieses Konzerts darstellte, so waren die drei weiteren Werke dieses Gedenkkonzerts nicht weniger aussagekräftig. Im ruhigen Gleichmaß der Spätrenaissance erklang wie zur Konzerteinführung die Introduktion "Allemande con Tripla" aus der Feder Fortmanns. Carl Philipp Emanuel Bach's Württembergische Sonate zeugte noch vom lustvollen Leben im Jagdschloss doch schon mit Schillers "Ode an die Freude" in Beethovens Neunter Sinfonie trat die intensive musikalische Auseinandersetzung mit den unbegreiflichen Geschehnissen auf Grafeneck deutlich an die Oberfläche: intensiv und ausdrucksstark bauten die Musiker einen großen Spannungsbogen auf.

Komposition eine Metapher für Euthanasie und Kunstprojekt

"Eigentlich sind die Installation von Jochen Meyder und das Konzert nicht zu trennen", sagte Dr. Claudia Zonta vom Verein der Gedenkstätte im Gespräch mit dem ALB BOTE. Und kaum deutlicher, als in "Grafeneck 1940" kam das zutage: Diese Komposition von Fortmann ist eine außerordentliche musikalische Metapher, nicht nur der Euthanasie an sich, sondern auch des Kunstprojekts von Jochen Meyder, wo jeder einzelnen ermordeten Person gedacht wird. Die Idee zu dieser Kunst- und Musikperformance kam auf, als Jochen Meyder sich mit seinen Künstlerfreunden über sein Projekt unterhielt. Angespornt von der künstlerischen Kreativität ist ein expressionistisches Gesamtkunst-Musikwerk entstanden, das keinesfalls in irgendeiner Schublade verschwinden, sondern jedes Jahr von Neuem an Verbrechen an Menschen erinnern sollte.

SWP