Unlingen Windkraft gehört zur Energiewende

Den Fragestellern antworteten vom Podium aus Jörg Lange-Eichholz, Stefanie Bürkle, Walter Göppel, Dr. Peter Seiffert, Markus Riethe und Hans Petermann (von links). Foto: Waltraud Wolf
Den Fragestellern antworteten vom Podium aus Jörg Lange-Eichholz, Stefanie Bürkle, Walter Göppel, Dr. Peter Seiffert, Markus Riethe und Hans Petermann (von links). Foto: Waltraud Wolf
Unlingen / WALTRAUD WOLF 20.01.2012
Rund 400 Interessenten nutzten am Dienstagabend die Gelegenheit, sich in Unlingen zum Thema Windkraftanlagen zu informieren.

Mucksmäuschenstill war es während der fast dreistündigen Veranstaltung. Auch die Diskussion, an der sich mehrere Fragesteller aus dem Zwiefalter Raum beteiligten, verlief äußerst sachlich. Zwiefaltens Bürgermeister Hubertus-Jörg Riedlinger dankte der Verwaltungsgemeinschaft Riedlingen mit Bürgermeister Hans Petermann an der Spitze für die Möglichkeit der Teilnahme und kündigte für den Gemeindeverwaltungsverband Zwiefalten-Hayingen-Pfronstetten die Teilfortschreibung des Flächennutzungsplanes an. Dieser wolle über die Regionalplanung hinaus eigene Flächen für eventuelle örtliche Genossenschaften ausweisen.

"Wir hoffen, dass wir über alle Grenzen hinweg zu guten Lösungen kommen", vermerkte der Riedlinger Bürgermeister Petermann zum Schluss der Versammlung. Deshalb stellte außer Verbandsdirektor Markus Riethe vom Regionalverband Donau-Iller auch der Regionalplaner des Regionalverbandes Neckar-Alb, Dr. Peter Seiffert, in der Raumschaft in Frage kommende Standorte für Windenergie vor. Dass die Windhäufigkeit eine Rolle spielt, war klar, doch gibt es eine ganze Reihe von Ausschlusskriterien, wie Abstandsflächen zu Siedlungen (800 Meter) und kleinen Dörfern (500 Meter), Schattenwurf (nicht mehr als 30 Minuten am Tag und höchstens acht Stunden im Jahr), Infrastruktureinrichtungen, wie Straßen oder Leitungstrassen, Rohstoffsicherung, Radar und Tiefflugschneisen für das Militär. Weitere Konflikte sind Landschafts- , Vogelschutz- und Fauna-Flora-Habitatgebiete. Korridore für Zugvögel und ihre Rastplätze.

Ganz ohne Konflikte seien im Regionalverbands-Gebiet Donau-Iller 75 Hektar und damit 0,01 Prozent, hielt Verbandsdirektor Riethe als Größenordnung fest. Seine eindringliche Mahnung an alle Interessenten: vor einer Investition verlässliche Messungen durchführen zu lassen, wobei er die Kosten dafür auf bis zu 300 000 Euro bezifferte. Seine Feststellung: "Wir sind für Windenergie, aber nicht auf Kosten aller. Wir wollen Menschen und Landschaft schützen".

Dr. Peter Seiffert sprach von einer "unglaublichen Meinungsdynamik", die 2010/2011 innerhalb des Gebietes des Regionalverbandes Neckar-Alb entstanden sei. Der Unterschied zum Regionalverband Donau-Iller: Er kennt nur noch Vorrang- und keine Ausschlussgebiete. Es sprach von 80 bis 90 Prozent "Tabuflächen", da bleibe für die Windkraft nicht mehr so viel übrig. Einzelanlagen wolle man nicht, machte er deutlich, sondern mindestens drei an einem Ort. Von den 122 Anlagen im Gebiet des Regionalverbandes Neckar Alb mit 500 Gigawatt Stunden Strom pro Jahr könnten auf knapp 86 Hektar in einem Gebiet auf den Gemarkungen Huldstetten, Geisingen und Gauingen bis zu sechs Anlagen erstellt werden, in Zwiefalten-Nord auf den Gemarkungen Zwiefalten, Sonderbuch und Hayingen auf 114 Hektar bis zu neun und im Zwiefalter Tautschbuch auf 177 Hektar bis zu zehn. Allerdings können hier Tiefflugschneisen des Militärs noch Einschränkungen bringen. Er hoffe bis Ende 2012 auf einen rechtsgültigen Regionalplan, sagte Dr. Seiffert.

Walter Göppel, Geschäftsführer der Energieagentur Biberach/Ravensburg, bejahte die Frage, ob die Energiewende in der Region erreichbar sei. Wege dazu seien die Eigenstromnutzung von Photovoltaikanlagen, die Erhöhung der Wasserkraft durch Sanierungen, mehr Blockheizkraftwerke und Gasturbinen und die Nutzung von Wärme und Kühlung. Auch die Windkraft gehöre zur Energiewende. Für vier Millionen Kilowattstunden Strom bräuchte man bei einer Windkraftanlage 0,05 Hektar, bei den "Fütterungsflächen" für eine Biogasanlage 250 Hektar, stellte er einen Vergleich an. Die Energieeinsparung jedoch sei das größte Potenzial: "Die Kilowattstunde, die wir nicht verbrauchen, müssen wir nicht erzeugen".

Ausführungen zum Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen machte die erste Landesbeamtin im Landkreis Biberach, Stefanie Bürkle. Sie empfahl, immer die Öffentlichkeit zu beteiligen, auch wenn dies nicht vorgeschrieben sei und frühzeitig den Kontakt zu den Behörden zu suchen. Relevante Prüfungspunkte seien Lärm, Schattenwurf, Diskoeffekt, Eiswurf, Lichtimmission, Abstandsflächen, Brandschutz, Standsicherheit, naturschutz- und forstrechtliche Vorgaben, artenschutzrechtliche Verbote, Denkmalschutz, Straßen- und Luftverkehrsrecht, militärische Anlagen. Bei der Genehmigung müsse man sehr genau ins Detail gehen. Auch das Widerspruchsrecht gäbe es, bei Ablehnung für Antragsteller, bei Genehmigung für Betroffene.

Jörg Lange-Eichholz, der für die Naturschutzverbände sprach, hielt fest: Die Energiewende wird in der Landschaft sichtbar werden. Auch der Naturschutz müsse seinen Preis bezahlen. Er tue sich schwer mit formalen Grundlagen, so störe in einem Naturschutzgebiet für Magerrasen eine Windkraftanlage nicht. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn mehr Standorte vorgestellt worden wären und er fragte: "Warum soll nicht jedes Dorf seine Windkraftanlage haben?" Wichtig sei ein Mix von regenerativer Energie.