Politik Wildtiere müssen „gemanagt“ werden

Vor dem Beginn der Diskussionsveranstaltung in der Münsinger Zehntscheuer sprachen Kreisbauernchef Gebhard Aierstock und Pia Münch, Vorsitzende der Kreislandfrauen, mit Landwirtschaftsminister Peter Hauk und dem CDU-Landtagsabgeordneten Karl-Wilhelm Röhm (von links).
Vor dem Beginn der Diskussionsveranstaltung in der Münsinger Zehntscheuer sprachen Kreisbauernchef Gebhard Aierstock und Pia Münch, Vorsitzende der Kreislandfrauen, mit Landwirtschaftsminister Peter Hauk und dem CDU-Landtagsabgeordneten Karl-Wilhelm Röhm (von links). © Foto: Ralf Ott
Münsingen / Von Ralf Ott 12.04.2018

Die Landwirtschaft wird mit immer neuen Herausforderungen konfrontiert. Die Konkurrenz auf dem zunehmend globaleren Markt erhöht den Preisdruck auf die Erzeugnisse und gleichzeitig steigen die politischen und gesellschaftlichen Anforderungen. Das führt zu schärferen Auflagen im Bereich der Tierhaltung sowie von Wasser- und Klimaschutz und damit letztlich zu höheren Produktionskosten. Vor diesem Hintergrund hatte der Kreisbauernverband den baden-württembergischen Minister für Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Peter Hauk, in die Zehntscheuer nach Münsingen eingeladen. Rund 150 Interessierte nutzten die Gelegenheit, mit dem Politiker über „Herausforderungen und Perspektiven einer zukunftsfähigen Landwirtschaft“ zu diskutieren.

Die von Kreisbauernchef Gebhard Aierstock eingangs skizzierten neuen Herausforderungen spiegeln ihm zufolge die Tatsache, dass die „Art und Weise der Lebensmittelproduktion zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema geworden ist“. Der Verbraucher wolle sichere und gesunde Lebensmittel und verbinde damit zugleich hohe Ansprüche an deren Erzeugung. Derzeit müssten die Landwirte die neue Düngeverordnung umsetzen und der Rückgang der Artenvielfalt werde mit Pflanzenschutzmitteln in Verbindung gebracht. Dazu kommen Probleme durch Biber und Wolf sowie die Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU vor dem Hintergrund des Austritts von Großbritannien und der zunehmenden Kopplung von Ausgleichszahlungen an gesellschaftliche Leistungen, erläuterte Aierstock.

Hauk warb für ein besseres Verständnis auf Seiten der Verbraucher für die landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen und umgekehrt sollten Landwirte verstehen, dass dieses den Verbrauchern fehlt. In den vergangenen Jahren sei die „Sensibilität für die Lebensmittelproduktion viel größer geworden“. Er erinnerte an die Diskussion um das Tierwohl oder die „Extensivierung“ von Flächen. Im Gegenzug jedoch führe Deutschland Lebensmittel ein, zu deren Produktion 13 Millionen Hektar benötigt werden. „Heimische Produkte bedeuten aber kurze Wege und das Wissen um deren Herkunft“.

Als große Herausforderung skizzierte Hauk den bevorstehenden „Brexit“. Der Anteil des Agrarsektors am EU-Haushalt betrage immerhin 37 Prozent. Die rund 1300 Landwirte im Kreis Reutlingen erhalten einschließlich der Landesmittel jährlich 18 Millionen Euro Agrarzahlungen, so Hauk. Als „Nettozahler“ hinterlassen die Briten eine Lücke von 10 bis 15 Milliarden Euro, die im Agrarsektor wohl zu finanziellen Einbußen zwischen fünf und 15 Prozent führen werde. Positiv wertete Hauk die Absicht von EU-Agrarkommissar Phil Hogan am „Zwei-Säulen-Modell“ aus Direkt- und Agrarumweltzahlungen festzuhalten. Die Mitgliedstaaten könnten künftig größeren Einfluss auf die Ausgestaltung nehmen. „So können wir regionale Unterschiede berücksichtigen“. Noch nicht entschieden sei, ob die Direktzahlungen künftig degressiv erfolgen. In Irland soll die Obergrenze von 200 Hektar gelten. „Es ist schwierig, diese Diskussion in Deutschland zu führen“, betonte Hauk, „dennoch brauchen wir einen gemeinsamen Nenner“.

Die Forderung der Umweltverbände nach einer Umschichtung von Mitteln von der ersten in die zweite Säule sei nicht gänzlich falsch. „Hier wird der Bauernverband seine Haltung ein Stück weit aufgeben müssen“, sagte Hauk. Voraussetzung sei die Verwendung der Gelder zu originär landwirtschaftlichen Zwecken und nicht für eine pauschale Entwicklung des ländlichen Raums sowie die Einführung einer „Anreizkomponente“: Der finanzielle Ausgleich für den höheren Aufwand bei geringerem Ertrag sollte etwas höher ausfallen als die tatsächliche finanzielle Einbuße.

Mit Blick auf die Artenvielfalt habe Baden-Württemberg „gute Startvoraussetzungen“ – und doch könne mehr getan werden. „Wir wehren uns aber gegen eine pauschale Verurteilung der Landwirtschaft“, betonte Hauk. Diese sei nicht für das Insektensterben verantwortlich. Dessen Ursachen seien nicht geklärt. Es sei sinnvoll, Pestizide zu reduzieren und die Forschung mit „Nützlingen“ zu verstärken. „Aber die Öffentlichkeit hat keinen Anspruch, die Pestizidbilanz oder den Düngereinsatz einzelner Landwirte zu erfahren“, sagte Hauk. Er versprach, sich bei dem geplanten Glyphosat-Verbot für Ausnahmeregelungen zum Beispiel in Steillagen oder im Obstbau stark zu machen. Der Einsatz von Antibiotika habe sich in den vergangenen zehn Jahren bereits halbiert.

Die „Schweinepest“ sorgt derzeit für Unruhe. Im Herbst ist eine Stabsübung der Veterinärbehörden vorgesehen. Ein Ausbruch werde gravierende Folgen für die Schweinhalter haben. Hauk plädierte dafür, den Wildschweinbestand präventiv zu reduzieren.

Kein leichtes Unterfangen, wie sich in der Diskussion zeigte, in der der Umgang mit Biber, Wolf und dem Schwarzwild einen gewichtigen Raum einnahm. „Kein anderes Tier ist schwieriger zu jagen“, sagte Hauk – auch aus seiner eigenen Erfahrung als Jäger heraus. Derzeit werde die Erlaubnis zum Einsatz von Nachtsichtgeräten in Ausnahmefällen vorbereitet. Und: „Man muss entgegen der traditionellen Auffassung eben auch junge Bachen schießen“. Hauk plädierte mit Blick auf den Wolf für dessen Aufnahme ins Jagdrecht. „Ohne Eingriffe liegt die Vermehrungsrate der Population bei jährlich 30 Prozent“. Bei Bibern falle der Zuwachs noch höher aus. „Wildtiere müssen in einer Kulturlandschaft gemanagt werden“, sagte der Minister. Derzeit genießen Wolf und Biber Totalschutz. Die CDU setze sich für eine unbegrenzte Staatshaftung bei Schäden durch Wildtiere ein – also auch bei etwaigen Folgeschäden durch ausbrechende Schafe oder Pferde.

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Millionen Euro betragen die Direkt- sowie Agrarumweltzahlungen der EU und des Landes, die rund 1300 Landwirte im Kreis als Ausgleich für gesellschaftliche Leistungen erhalten. rot