Webkunst Webkunst für den Louvre des Nordens

Von Gudrun Grossmann 05.02.2017

Ungewöhnliche und anspruchsvolle Aufträge sind ihnen schon oft ins  Haus geflattert. Aber Verantwortliche für ein Museum hatten in den vergangenen  28 Jahren keine Anfragen gestellt.  So lange leben Isolde Hellberg und Christoph Dresely  schon in Magolsheim. Sie hatten sich von Augsburg aus nach Häusern umgeschaut, wären fast im Traditionsort Laichingen („aber das dortige alte Weberhaus war zu klein“) gelandet und sind dann im Münsinger Teilort fündig geworden.  In unmittelbarer Nähe der evangelischen Kirche steht der wuchtige in drei Bauteile gegliederte Fruchtkasten.  Beim Kauf  war er in einem erbärmlichen Zustand. Es hatte Pläne gegeben, das geschichtsträchtige Anwesen mit Holzbalken, die  aus dem Jahr 1320 stammen, abzutragen und durch Reihenhäuser zu ersetzen. Das Denkmalamt verhinderte den Sündenfall. Es  folgte eine aufwendige Renovierung,  heute ist der Magolsheimer Fruchtkasten ein Gebäude, das den Ort prägt. Ein Schmuckstück. Außen und innen.

In der Textilwerkstatt von Isolde Hellberg und Christoph Dresely ist ein uraltes Handwerk lebendig – die Weberei. Entworfen und gefertigt  werden Einzelstücke, ebenso zahlreiche Muster für maschinelle Produktionen. Privatpersonen, Firmen, auch ein Domordinariat gehören zum großen Kundenkreis, der jetzt durch ein namhaftes Museum erweitert wurde. Die Kunstsammlungen des Welfenherzogs Anton Ulrich von Braunschweig haben dem nach ihm benannten Museum die Bezeichnung „Louvre des Nordens“ eingebracht.  Es kann mit klingenden Namen wie Rubens, van Dyck, Tintoretto, Picasso und Veronese  werben. Besonders stolz ist man auf Jan Vermeers  Ölgemälde „Mädchen mit dem Weinglas“  und David Giorgiones „Selbstportrait als David“, das der italienische Renaissancemaler im Jahr 1508 erschaffen hat.

Die Erweiterung und Sanierung des Museums, das 1754 eröffnet und damit zu den ältesten Kunstsammlungen Europas zählt, dauerte sieben Jahre. Heute  stehen knapp viertausend Quadratmeter  Ausstellungsfläche zur Verfügung. Allein die graphische Abteilung umfasst 145 000 Werke, mit Gemälde- und Skulpturengalerie sind es zusammen viertausend Exponate.

Und auf was fällt der Blick zuerst? Auf neun jeweils 1,65 mal 2,65 Meter große in grauem Grundton gehaltene Teppiche „made in Magolsheim“.  Isolde Hellberg und Christoph Dresely erhielten den Auftrag  für die textile zeitgenössische Kunst, die für das dreiteilige „Foyer des Apoll“, das auch für Veranstaltungen genutzt wird, konzipiert war. Die Teppiche sollen sich positiv auf die Akustik auswirken. Sie sollen „einzeln gelesen“ werden können, für sich wirken und gleichzeitig miteinander in Verbindung stehen. Die Gestaltung erfolgte „in Anlehnung an das in diesem Museum ständig präsente Gedankengut des Barock“, wie es in einer Einführung heißt, und in einem engen Bezug zu Apoll, einem bemalten Gipsabguss aus dem Jahr 1888, der direkt vom Original im Belvedere-Hof des Vatikans genommen worden ist.

„Es war ein schöner Auftrag“, sagt  Dresely,  „technisch relativ anspruchsvoll“.  Verwendet wurde dicke graue Wolle mit einem weißen dünnen Einleger.  Die Schrift musste aus einem Guss sein.  Diese Balken im Verhältnis des „Goldenen Schnitts“  verlangten absolutes  Können und höchste Konzentration.  Grundlage ist  das ikonografische Wörterbuch des italienischen Gelehrten Cesare Ripas. Asia, America, Africa und Evropa stehen gemäß der antiken römischen Schrift in den Farben Gelb, Rot, Schwarz und Weiß für die bis zum 18. Jahrhundert bekannten vier Erdteile. Laut der  „Iconologia“ von 1593 werden die vier Jahreszeiten durch die Göttin Flora, sie repräsentiert die Blumen und Blüten im Frühjahr, durch Ceres, die Göttin des Ackerbaus (Sommer),  Bacchvs, den Gott des Weins und der Vegetation (Herbst) und Venvs, die Göttin der Liebe (Winter), vorgestellt.

Apoll ist Heil- und Sühnegott, der Gott aller Künste. Ihm gegenüber hängt  ein Wandteppich mit diesen Inschriften: Calvmnia (Verleumdung), Veritas (Wahrheit), Apoll, Mvsae (Musen), Parnassvs (Berg bei Delphi) und  Aeternitas (Ewigkeit).  Sie erzählen wie das Laster überwunden wird, wie Apoll die Musen beschützt, die neun Schwestern der Lyrik, der Poesie, der epischen Dichtung und der Wissenschaft, der Geschichtsschreibung, des Gesanges und der Tragödie, des ernsten Gesanges, des Tanzes, der Komödie und der Astronomie. Es ist eine Geschichte, die über die Jahrhunderte hinweg ihre Bedeutung nicht verloren hat. Im Herzog Anton Ulrich-Museum  ist sie mit Kette- und Schussfaden verewigt.  Isolde Hellberg und Christoph Dresely haben ihre Werke an ihrem Bestimmungsort noch nicht gesehen. Die nächste Reise führt nach Braunschweig.

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Jahre dauerte die Renovierung des Museums in Braunschweig. Von der Antike bis zur Moderne: Die Kunstwerke repräsentieren eine Zeitspanne von über 3000 Jahren.