Tübingen Unfall wirft labilen Mann völlig aus der Bahn

Tübingen / ALEXANDER THOMYS 23.03.2016
Ein psychisch kranker Mann muss sich derzeit vor dem Landgericht Tübingen verantworten. Der 37-Jährige hat während seiner Behandlung in Grafeneck und Zwiefalten Patienten und Betreuer angegriffen.

Es ist eine tragische Geschichte, die derzeit vor dem Landgericht in der Universitätsstadt verhandelt wird. Sieht man den Angeklagten vor Gericht, kann man sich kaum vorstellen, dass von dem schmächtigen jungen Mann eine "Gefahr für die Gesellschaft ausgeht", wie es Staatsanwalt Nikolaus Wegele in der Anklageschrift formuliert. Geständig, in schwer verständlichen Sätzen und wild gestikulierend spricht der Mann, dem es sichtbar schwer fällt, ruhig zu bleiben vor Gericht über das Geschehen.

Die fünf ihm vorgeworfenen Taten - jeweils Körperverletzungsdelikte während seines Aufenthaltes im Samariterstift Grafeneck und am Zentrum für Psychiatrie in Zwiefalten - gibt der frühere Kickboxer im Großen und Ganzen zu. Eifersucht habe oft eine Rolle gespielt, wohl auch Alkohol. Einmal schlug er einen seiner Betreuer, weil dieser ihn nicht zum Rauchen lassen wollte, sondern ihm den Ruheraum empfahl, um sich zu entspannen.

"Immer wenn Ihnen etwas nicht gefallen hat, regeln Sie das auf Ihre Art", hält Richter Ulrich Polachowski dem Angeklagte vor: "Sie reden nicht, sondern schlagen zu." Der gebürtige Mannheimer antwortet etwas kleinlaut: "Ich rede nie. Das muss ich erst noch lernen."

Die Lebensgeschichte des Mannes ist tragisch: Schon als Kind wird bei ihm ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom festgestellt. Er wächst bei seinen Großeltern auf, nachdem sich die Eltern trennten, als der Angeklagte 14 Jahre alt war. Mit 16 nahm er erstmals Drogen: "Speed, Kokain, Heroin, Marihuana, Haschisch und Ecstasy." Hinzu kommt Alkohol. In einem Kinderheim schafft er dennoch den Hauptschulabschluss. Bei einer Ausbildung zum Maler und Lackierer wird er gekündigt, schließt dann aber eine Lehre als Gas/Wasser-Installateur ab. Später arbeitet der heute 37-Jährige bei einem Baumarkt als Lagerist und bei einem Schrotthändler, jeweils nur wenige Monate.

2008 verunglückt Marc S. dann bei einem schweren Verkehrsunfall. Einen Monat lang schwebt er mit schwersten Hirnverletzungen in Lebensgefahr und liegt im Koma. Seitdem leidet er an einer organischen Persönlichkeitsstörung. Die Körperverletzungsdelikte seien daher in einem Zustand der "erheblich verminderten Steuerungsfähigkeit" geschehen, so Staatsanwalt Wegele.

Deshalb soll der 37-Jährige nach dem Willen der Staatsanwaltschaft dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden. Damit dürfte der Angeklagte kein Problem haben - vielmehr äußerte er immer wieder die Angst, nun ins Gefängnis zu müssen. Was mit Sicherheit nicht der Fall sein wird. Ob die Sicherheitsverwahrung in der Psychiatrie angeordnet wird, muss nun die erste Große Strafkammer des Landgerichtes entscheiden. Dafür werden in drei Prozesstagen zehn Zeugen gehört. Als Sachverständiger ist zudem Professor Dr. Klaus Foerster geladen.