Engstingen / Von Ralf Ott

Eine „Neue Heimat“ – zumindest auf Zeit – haben seit Anfang April die drei jungen Kunstschaffenden Micha Kranixfeld, Susanne Schuster und Felix Worpenberg in Engstingen auf der Alb gefunden: Und wie im Song der Neue-Deutsche-Welle Band wollen auch sie ein Schloss bauen. Nicht für sich allerdings, sondern für die Engstinger und deren Schlosshof-Hockete, die – heuer übrigens zum 25. Mal – am 8. und 9. Juli über die Bühne geht. Dafür haben sie bereits eine ordentliche Menge Altholz in diversen Haushalten gesammelt, um daraus eine Laube im Stil des alten Schlosses zu zimmern. Dort wiederum werden an den beiden Festtagen die „Schlossduelle“ als spielerischer Wettstreit zwischen Groß- und Kleinengstingern ausgetragen. Die Aktion ist eines der Projekte, die das Trio während seines viermonatigen Aufenthalts auf der Alb umsetzen möchte.

Künstler unter sich? Beileibe nicht, schließlich kennen sie vermutlich nach kurzer Zeit fast so viele Einheimische, wie manch Alteingesessener. Und: Sie agieren beruflich und haben allesamt ein Studium im Bereich der Kulturwissenschaften (mit ästhetischer Praxis im Fall von Felix Worpenberg), „Urban Design“ bei Micha Kranixfeld oder Dramaturgie (Susanne Schuster) absolviert. Ihre Arbeit ist Teil der Theaterwerkstatt Schwäbische Alb, die als eines von vier Projekten in Deutschland von der Kulturstiftung des Bundes für die Dauer von zwei Jahren finanziell gefördert wird. Das Programm trägt den Titel „Trafo – Modelle für Kultur im Wandel“ und wurde von Seiten des LTT inhaltlich durch Dramaturgiechefin Kerstin Grübmeyer mit Leben erfüllt. Für den Bereich „Lernende Kulturregion Schwäbische Alb“, zu dem als weitere sogenannte Kulturwerkstätten zum Beispiel die Opernfestspiele Heidenheim oder das inter!im-Festival gehören, sind unter LTT-Regie zwei Projekte, die in Winterlingen stattfanden, bereits abgeschlossen, das Engstinger Projekt ist erfolgreich gestartet und Nummer Vier steckt in der Vorbereitungsphase, erzählt LTT-Projektbetreuerin Franziska Weber. Nicht zuletzt gehört eine Kooperation zwischen LTT und dem Theater Lindenhof zum Gesamtpaket.

Doch zurück zu den „Älblern auf Zeit“: Sie kennen sich aus dem  Studium und haben sich gemeinsam für die Ausschreibung des LTT beworben. Ihren auf vier Monate befristeten Arbeitsplatz haben sie im Atelier 32 auf der Haid gefunden. Dort stellt ihnen die Gemeinde einen Raum zur Verfügung. Das Trio möchte unter der Überschrift „Im Verschwinden erscheint es“ untersuchen, inwieweit gängige Klischees von einem aussterbenden ländlichen Raum der Realität standhalten. Als „Fremde“ haben sie bereits in der Zeit vor ihrer Ankunft in Engstingen die ersten Kontakte geknüpft, dann nach ihrer Ankunft ab April die Gegend erkundet und mit vielen Engstingern Gespräche geführt. Sie leben gemeinsam im Obergeschoss eines Einfamilienhauses in Kleinengstingen und nutzen dort die früheren Kinderzimmer.

Fünf Projekte haben sich bereits herauskristallisiert: Zum einen das Marionettentheaterstück „Stadt kommt nicht in Frage“ über das Leben von jungen Leuten in Engstingen. „Schüler und Jugendliche aus dem Bauwagen haben uns ihre Erfahrungen geschildert“, berichten sie. Das Gespräch soll am Wochenende nach den beiden Aufführungen (siehe Infokasten) in gemütlicher Runde fortgesetzt werden. In den Pfingstferien soll ein „Walk durch den Ort“ entwickelt werden: Im Fokus stehen die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen. Es werden verschiedene Stationen per Codes zu entdecken sein, die wiederum als SMS in den Handys der Teilnehmer eintreffen. „Die Zuschauer werden so durch den Ort geleitet“, berichtet Schuster. Die Sammlung wird unter „#CiaoAmore“ veröffentlicht. In einem weiteren Workshop soll eine Zeitkapsel entstehen, die wichtige Dokumente aus dem heutigen Engstingen enthält. „Wir kommen in 25 Jahren wieder auf die Alb und sehen nach, wie sich der Ort entwickelt hat“, versprechen sie gemeinsam. Auf der Agenda ihrer Aktivitäten steht auch ein Filmdreh: Mit dem Video sollen filmerisch Zukunftsperspektiven für die Einrichtung entwickelt werden. Wichtig ist ihnen, die Nachhaltigkeit ihrer Projekte und die Tatsache, dass sie nur Impulse geben wollen. „Die Leute hier sind ja schon sehr aktiv“, unterstreicht Kranixfeld.

Für das freiberuflich arbeitende Trio, das die Offenheit des LTT für die Formate lobt, geht es nach Engstingen mit anderen Projekten weiter – „wir sind dann halt andernorts auf Montage“.

Info Weitere Informationen im Blog zur Theaterwerkstatt unter: albkulturen.wordpress.com

Theaterwerkstatt: Angebote und Programm

Das Figurentheater „Stadt kommt nicht in Frage“ wird am 13. und 14. Mai, jeweils um 16 Uhr gezeigt. Im Anschluss gibt es Gespräch und Gebäck. Ort: Atelier 32, Graf-von-Moltke-Platz 2, Haid. Der Eintritt ist frei.
Am 13. Mai, wird als Public Viewing um 20 Uhr der Eurovision Song Contest ebenfalls im Atelier 32 gezeigt. auf der Haid
Ort: Atelier 32, Graf-von-Moltke-Platz 2, Engstingen-Haid. Der Eintritt ist frei.

Der Filmdreh- und Bauworkshop „Wie sieht das Jugendhaus der Zukunft aus?“ findet am 20. und 21. Mai, von 11 bis 19 Uhr statt. Den Trailer gibt es unter: „http://tiny.cc/jugendhaus“. Ort: Jugendhaus (Kleinengstinger Str. 2/2) in Großengstingen

Eine Zeitkapsel für das Jahr 2042 wird unter dem Titel „Wie sammelt man ein Dorf?“ vom 6. bis 10. Juni, jeweils von 10-16 Uhr mit Kindern und Senioren gebaut. Anmeldung: vhs.engstingen@gmx.de. Ort: Kunstraum in der Freibühlschule, Großengstingen.

Kontakt unter Micha Kranixfeld, Telefon (0162) 970 31 58.