Region Mitgefangen in der Krankheit

Thema Depression: Dr. Berthold Müller richtet sich an Angehörige von Betroffenen.
Thema Depression: Dr. Berthold Müller richtet sich an Angehörige von Betroffenen. © Foto: Gudrun Grossmann/Archiv
Region / GUDRUN GROSSMANN 13.10.2015
Sie leiden mit, werden aber oft außer Acht gelassen: Angehörige und Freunde von depressiven Menschen sind mitgefangen in der Krankheit. An sie richtet sich ein Vortrag im evangelischen Gemeindehaus.

Münsingen - Das Thema sagt schon aus, dass es kein allgemein gültiges Rezept für die Hilfe und das eigene Verhalten gibt: "Wenn der Mensch neben dir depressiv ist. Möglichkeiten und Grenzen für Angehörige." Referent ist Dr. Berthold Müller, Chefarzt der SINOVA Klinik (Psychosomatische Medizin und Psychotherapie) in Zwiefalten und Reutlingen, der immer wieder an die Öffentlichkeit geht, um über das komplexe Krankheitsbild aufzuklären.

Das Dickicht der Therapiekonzepte ist für Laien kaum durchschaubar, Betroffene fühlen sich ausgegrenzt und stigmatisiert. Starke Schuldgefühle lassen in vielen Fällen gar keine Diagnose zu. Man hat ja zu funktionieren . . . Vordergründig sind es dann körperliche Beschwerden, die zu schaffen machen. Der Rücken schmerzt, das Herz rast - es kommt nicht selten auf den achtsamen Blick des Hausarztes an, ob eine Depression überhaupt erkannt und dann auch behandelt wird.

Allein auf Medikamente zu setzen, egal, welche Ausprägung die Krankheit hat, dürfte nicht ausreichend heilsam sein. Als sehr entscheidend gilt der psychotherapeutische Zugang, das Reflektieren der eigenen Geschichte, Ursachenforschung bei sich selbst - und anderen.

Diese Zwischenmenschlichkeit hält Dr. Berthold Müller für einen zentralen Aspekt. In einem Interview mit unserer Zeitung meinte er: "Als Menschen sind wir auf Bindung angelegt. So haben wir das ganz früh als Säugling schon gelernt. Früher Bindungsverlust führt zu einer großen Verunsicherung und eben auch zu depressivem Verhalten. Und deshalb ist es eben so wichtig, dass Menschen wieder frühzeitig in Bindungen kommen und sie auch halten können. Gespräche, nicht nur im therapeutischen, sondern auch im menschlichen Sinn sind wichtig."

Voraussetzung ist der gute Wille der Angehörigen, ihre Bereitschaft, zu unterstützen, ohne sich selbst dabei zu vergessen. Wie mit dem Schmerz umgehen, der Wut und Unsicherheit? Wie verhält man sich, wenn der Mensch, den man liebt, in dieser Krankheit gefangen ist, unerreichbar wird? Wenn aus einer diffusen Traurigkeit eine fürchterliche Starre wird, das unerträgliche Gefühl der Sinnlosigkeit jede Handlung zum Kraftakt macht? Was bedeuten Scham und Schuldgefühle? Was kann gegen die Entfremdung unternommen werden?

Auf die Angehörigen und Freunde das Augenmerk zu richten, macht mehr als Sinn. Einem K.o.-Schlag kommen Sätze gleich wie: "Stell dich nicht so an. Reiß dich zusammen. Du hast doch alles, dir fehlt doch nichts. Geh unter die Leute. Unternimm was . . ." Es hört sich an, als ob eine Depression einfach weggewischt werden könnte. Während der eine also das Leichte, die Veränderung herbeisehnt, versinkt der andere immer mehr.

Helga Hock kennt solche Beispiele aus ihrer Arbeit als Logotherapeutin und als Leiterin der Selbsthilfegruppe "Mein Leben in die Hand nehmen". Da sind diese beiden Seiten. Die direkt Betroffenen und die Menschen in ihrem Umfeld, "die die Heftigkeit der Gefühle mit aushalten". Angehörige leiden mit, sollen Verständnis aufbringen, kommen oft selbst an ihre Grenzen. Wer gesund ist, könne nur erahnen, welche schwere Tiefe hinter einer Depression steckt, gibt Helga Hock zu bedenken. "Man hat mit einer sehr empfindlichen Seele zu tun." Dem pflichtet Margarethe Müth, Evangelische Bildung Reutlingen, zu. Wenn viel verlangt, wenig Verständnis gezeigt wird, kann dies in eine noch größere Isolation führen und die quälenden Selbstzweifel verstärken, dennoch muss das Bestreben da sein, die Teilnahme am gemeinsamen Leben aufrecht zu erhalten und aktiv zu sein. Helga Hock: "Weniger ist mehr, aber weniger ist mehr als nichts."

Es sei höchste Zeit, Angehörigen ein Angebot zu machen. Der Vortrag ist ein Einstieg, Ende Januar wird in Münsingen eine geleitete Selbsthilfegruppe gegründet.

Info Der Vortrag von Dr. Bertold Müller "Wenn der Mensch neben dir depressiv ist - Möglichkeiten und Grenzen für Angehörige" findet am Donnerstag, 15. Oktober, um 19.30 Uhr im Evangelischen Gemeindehaus Münsingen statt. Eintritt: 5 Euro. Veranstalter sind die Diakonische Bezirksstelle Münsingen, die Gesprächsgruppe "Mein Leben in die Hand nehmen", die Evangelische Bildung Reutlingen und die vhs Bad Urach-Münsingen.

Für Angehörige: Neue Selbsthilfegruppe trifft sich erstmals Ende Januar

Depression ist eine Volkskrankheit. Und sie nimmt rasant zu. Schätzungen zufolge leiden weltweit inzwischen circa 350 Millionen Menschen daran, Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Allein in Deutschland sollen es mehr als vier Millionen Kranke sein, 2,2 Prozent sterben durch Suizid.

Der Vortrag am Donnerstag soll der Impuls für die Gründung einer geleiteten Selbsthilfegruppe sein. "Wie helfe ich meinem depressiven Angehörigen?" Diese Frage wird alle Teilnehmer jeweils einmal im Monat (an jedem letzten Freitag) verbinden. Start ist am 29. Januar, um 17 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Münsingen. "Betroffene können sich austauschen, aktiv werden und gemeinsam nach individuellen Möglichkeiten im Umgang mit der Depressionserkrankung ihrer Angehörigen suchen", heißt es in der Ankündigung. Außerdem: "Die Selbsthilfegruppe bietet ein geschütztes Umfeld, das geprägt ist von Verständnis und Solidarität." Die Kosten: 15 Euro. Die Treffen enden um 18.30 Uhr.

Geleitet wird die Gruppe von Logotherapeutin Angelika Haug aus Bad Saulgau. Infos unter www.logotherapie-haug.de, Telefon: (0 75 81) 20 31 41.

SWP

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