Landkreis Mehr Personal für die Umsetzung

Erfahrungen aus der Praxis von Kindertageseinrichtungen tauschten in Mariaberg bei der Inklusionskonferenz des Landkreises aus (von links): Manuela Kügler, Irene Freund, Anette Fink, Marianne Grüninger, Sandra Schneegans, Professor Jo Jerg und Andrea Schwaiger.
Erfahrungen aus der Praxis von Kindertageseinrichtungen tauschten in Mariaberg bei der Inklusionskonferenz des Landkreises aus (von links): Manuela Kügler, Irene Freund, Anette Fink, Marianne Grüninger, Sandra Schneegans, Professor Jo Jerg und Andrea Schwaiger. © Foto: Ralf Ott
Region / Von Ralf Ott 13.04.2018

Die neunte Sitzung der Inklusionskonferenz im Landkreis Reutlingen fand im Kreis Sigmaringen statt – allerdings ist das Kommunikationszentrum im Kloster Mariaberg gerade einmal 300 Meter von der Kreisgrenze entfernt, wie Vorstand Michael Sachs eingangs sagte. Und die einst von Reutlinger Bürgern gegründete „Heil- und Pflegeanstalt“ bietet selbst das beste Beispiel für Inklusion. Seit zwölf Jahren werden stationäre Wohnheimplätze in die Gemeinden in der Region verlagert und im Gegenzug der frei werdende Wohnraum an Menschen ohne Behinderung vermietet. So entstehen auch in dem hoch über dem Laucherttal gelegenen Gammertinger Stadtteil neue Begegnungsmöglichkeiten.

„Respekt“ für diesen Weg zollte der Reutlinger Landrat Thomas Reumann dem heute laut Sachs in sieben Landkreisen arbeitenden „differenzierten diakonischen Sozialunternehmen“. Als Schwerpunktthema stand am Donnerstagnachmittag die Inklusion in Kindertageseinrichtungen auf dem Programm. Dazu wurde auf der einen Seite von Nadine Zinn das Projekt „Inklusion“ des evangelischen Landesverbandes Tageseinrichtungen für Kinder vorgestellt und über praktische Alltagserfahrungen in einer Gesprächsrunde mit Erzieherinnen und Eltern diskutiert.

Eingebunden ist das Kita-Projekt „Inklusion“ in den Aktionsplans „Inklusion leben“ der Württembergischen Landeskirche. „Kitas soll prüfen, wo es Teilhabemöglichkeiten gibt und wo Benachteiligungen feststellbar sind, die vermieden werden könnten“, erläuterte Zinn. Von den rund 2000 Einrichtungen kommunaler, kirchlicher und freier Träger, die dem Landesverband angehören, haben sich 31 für eine Teilnahme beworben. Ausgewählt wurden 24 Einrichtungen. „Wir wollten eine geografische Streuung, unterschiedliche Träger und Größen“, so Zinn. Die Einrichtungen werden in dem Projekt, das bis März 2019 läuft, auf ihrem Weg zu einer inklusionsorientierten Praxis begleitet. Dazu wurden Multiplikatoren ausgebildet, die bei Besuchen in den Einrichtungen konkrete Themen und etwaige Problemfelder ausfindig machen sollen. „Es ist wichtig die komplette Einrichtung miteinzubeziehen“, so Zinn, „von den Mitarbeitern über die Leitung und den Träger bis hin zu den Fachberatern“. In den Kindertageseinrichtungen sollte mit Blick auf die gemeinsame Betreuung eine „Willkommenskultur“ für Kinder mit Einschränkungen entwickelt und bei Bedarf die Räumlichkeiten angepasst werden. Letztlich gehe es nicht darum, dass die Kinder nur „dabei sind“, sondern es sollen „Beziehungen stattfinden“, verdeutlichte Zinn. Dazu können beispielsweise auch gängige gemeinsame Aktivitäten überprüft und verändert werden, so dass alle Kinder teilnehmen können. Klar sei, dass Inklusion zusätzliches Wissen erfordere und mit vielen kleinen Prozessen im Alltag beginne. Im Verlauf des Projekts wurde bereits ein erweiterter Inklusionsansatz deutlich: Betroffen sind im Grunde nicht nur Kinder mit Behinderungen sondern ganz allgemein mit „herausforderndem Verhalten“, betonte Zinn. Entscheidend sei die Haltung der Fachkräfte und deren Engagement und Auseinandersetzung mit dem Thema. Aber auch personelle Ressourcen sind gefragt, denn, so die Erfahrung, sobald ein Kind zum Beispiel aus dem Rollstuhl genommen werde, sei eine Erzieherin gebunden. Auch für die Leitung der Einrichtungen gibt es zusätzlichen Arbeitsaufwand, der berücksichtigt werden muss.

Das wurde auch in der Diskussionsrunde unter der Moderation von Professor Jo Jerg von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg erkennbar. „Wir wünschen uns mehr Personal und mehr Zeit für die zusätzlichen Aufgaben auf Leitungsebene“, betonte Andrea Schwaiger, Kindergartenleiterin in Nagold. „Wir haben viele Ideen, aber keine Kapazitäten für die Umsetzung“, bestätigte Anette Fink, Kindergartenleiterin in Ensingen. „Trotz der 20-jährigen Erfahrung in der integrativen Betreuung von Kindern mit Behinderung haben wir von dem Projekt profitiert“, verdeutlichte Irene Freund, Kindergartenleiterin in Mariaberg und nannte den positiven Effekt durch den „Blick von außen“ auf bestehende Strukturen.

Das Thema „Gesundheit“ stand beim Beirat Selbsthilfe weiter im Fokus. Helga Jansons berichtete von Problemen bei der Brustkrebsvorsorgeuntersuchung, da sie nicht aus dem Rollstuhl aufstehen kann. „Alternativen wurden mir nicht angeboten, trotz mehrerer Nachfragen“, berichtete sie. „Wie ergeht es erst jemand, der sich nicht so äußern kann?“

In Vertretung für Günter Klinger, dem Geschäftsführer des Diakonieverbands im Kreis Reutlingen, berichtete Sascha Kopetzky von der Umsetzung der unabhängigen Teilhabeberatung. Drei Mitarbeiterinnen konnten gewonnen werden, diese werden in dem zentral von Berlin aus gesteuerten Projekt auch dort geschult. Geplant ist, dass sie ihre Dienste in Reutlingen, Bad Urach und Münsingen anbieten.

Die Geschäftsstelle Inklusion wiederum hat in Kooperation mit der VHS Reutlingen das Projekt „ich sag dir was“ gestartet. Sechs Menschen mit Behinderung sollen ihre Kompetenzen einbringen und anderen Menschen mit Behinderung zugänglich machen, erläuterte Heike Goller-Lenz. Die Baden-Württemberg-Stiftung fördert das Projekt mit 21 000 Euro.

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