Kultur Leidenschaft und Dramatik pur

Das Orbis-Streichquartett mit (von links) Tilman Hussla, Meike-Lu Schneider, Kundri Lu Emma Schäfer und Taneli Turunen überraschte beim Konzert in der Zehntscheuer am Sonntagabend mit offenkundiger Experimentierfreude.
Das Orbis-Streichquartett mit (von links) Tilman Hussla, Meike-Lu Schneider, Kundri Lu Emma Schäfer und Taneli Turunen überraschte beim Konzert in der Zehntscheuer am Sonntagabend mit offenkundiger Experimentierfreude. © Foto: Sabine Graser-Kühnle
Münsingen / Von Sabine Graser-Kühnle 07.02.2018

Gerade mal knappe vier Jahre musizieren die Violinisten Tilmann Hussla und Meike-Lu Schneider mit Kundri Lu Schäfer (Viola) im Orbis-Quartett, erst jüngst ersetzte Taneli Turunen den bisherigen Cellisten. Doch ihre Musik strahlt in einer außerordentlichen Transparenz und Aussagekraft, ja, man spürt hinter den jungen Musikern einen kaum gezügelten Drang, das Wesen der von ihnen gespielten Werke dem Zuhörer erlebbar zu machen.

Das äußert sich nicht nur in einer eindrucksvollen Interpretation bekannter klassischer Werke, sondern in einer offenkundigen Experimentierfreude mit unterschiedlichsten Genres der Musik. So verwundert es kaum, dass sie ihr Programm in der Zehntscheuer am Sonntagabend aus Werken von Beethoven und Mendelssohn Bartholdy, sowie der in Deutschland lebenden, aserbaidschanischen Komponistin Franghiz Ali-Zadseh zusammenstellten.

Schon die musikalischen Requisiten auf der Bühne setzten außergewöhliche Akzente für ein Streichquartett: Ein Gong und eine Triangel komplettierten das Stillleben von vier Notenständern und Stühlen. Sie kamen erst an zweiter Stelle zum Einsatz und dennoch sei zuerst davon berichtet, denn die Zuhörer im nahezu vollen Saal erlebten außergewöhnliche Musik. Licht aus, Spot an: Der Cellist entlockt seinem Instrument monotone Klänge in gemächlichen Ostinati. Wie aus dem Nichts gesellen sich aus der Dunkelheit nach und nach Viola und Violinen mit die Töne biegenden Glissandi hinzu. Allmählich formt sich eine Melodie, doch bevor sie sich herauskristallisieren kann, verschwindet sie in einem wilden Chaos: Abrupt wechselnde Klangfarben, harte Fragmente und wilde Tänze, mal im Pizzicati, dann mit sanften Bogenschlägen, stets untermalt vom meditativen Cello, oder effektvoll verstärkt durch den dunkel gefärbten Hall des Gongs oder der silberhellen Triangel.

Mit dieser Musik wurden in früheren Zeiten Gefühle ausgedrückt, die auszusprechen tabu waren. Das Quartett erschuf Leidenschaft und Dramatik pur in Klangbildern, wie von einem anderen Stern. Am Ende verklingt diese wunderbare Musik wieder in der Dunkelheit, irgendwo in kosmischen Äonen.

Da mutet ein Beethoven oder Mendelssohn Bartholdy doch brav an, ist man versucht zu sagen. Doch nein, das Orbis-Quartett entlockt auch Beethovens Opus 18/4 und dem Frühwerk des 18-jährigen Mendelssohn, Opus 13 in a-Moll, spannungsgeladene und vielfarbige Klänge. Im Beethovenquartett laden die vier zum Träumen ein, nur um unvermittelt mit aufsteigenden drängenden Linien wieder aus der Traumwelt herauskatapultiert zu werden. Fast neckische Kadenzfiguren im zweiten Satz zaubern ein Lächeln in die Gesichter der Zuhörer, die akuraten Einsätze im polyphonen dritten Satz und die perfekte Fingerakrobatik im Allegro Prestissimo erzeugen höchsten Hörgenuss.

Nicht minder schillernd in allen Facetten der Romantik, mal die Seele umschmeichelnd, dann im wilden Galopp oder von unheilvollem Gewölk erfüllt, kam der Mendelssohn daher. Beeindruckend: Die herrlich singende Violine von Tilmann Hussla, ganz nah an der menschlichen Stimme. Der Gesellschaft der Musikfreunde ist es mit einem erneuten Engagement junger Musiker wieder gelungen, ihrem Publikum die Klassische Musik erfrischend neu und unverbraucht zu servieren.

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Jahre spielen die Mitglieder des Orbis-Streichquartetts erst gemeinsam zusammen. Kürzlich kam Cellist Taneli Turunen neu hinzu als Ersatz für Martin Knörzer.

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