Serie Lebendiger als Briefmarken

Münsingen / Von Joachim Lenk 09.04.2018

Sie ist nicht totzukriegen“, sagt Dieter Schmalenbach und zeigt mit Stolz eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1896. Auf der Lithografie steht „Ein Gruss vom Truppenübungsplatz Münsingen“ und sie wurde am 22. Juli vor knapp 122 Jahren abgestempelt. Sie ist die älteste Postkarte, die der Philokartist aus Auingen in seiner Sammlung hat. Diese umfasst inzwischen mehrere Tausend Stücke. Philokartie ist der offizielle Begriff für das Sammeln von Postkarten und Ansichtskarten, ein Steckenpferd, das in Deutschland auf der Beliebtheitsskala an dritter Stelle nach Münzen und Briefmarken steht.

Schmalenbach ist in der Szene kein Unbekannter. Seit beinahe einem halben Jahrhundert geht der 76-Jährige diesem Hobby leidenschaftlich nach. Briefmarken sammeln war ihm zu langweilig, zu unpersönlich, erzählt der Auinger. Deshalb hat er sich auf Postkartenmotive aus der Region, genauer gesagt aus dem Bereich der ehemaligen Oberämter Münsingen und Urach spezialisiert. „Nichts dokumentiert den Zeitgeist der vergangenen Jahrzehnte besser als die Ansichtskarte“, sagt Schmalenbach, der seine Schmuckstücke fein säuberlich nach Orten in Klarsichthüllen aufbewahrt.

Vom Alten Lager und dem Truppenübungsplatz Münsingen hat der 76-Jährige die meisten Motive. Mehr als 500. Klar, zu Zeiten des Kaiserreiches, der Reichswehr, der Wehrmacht und zur Gründungszeit der Bundeswehr waren E-Mail, SMS, WhatsApp und Skype noch nicht erfunden. Die Soldaten schrieben damals noch Postkarten, um ihre Liebsten aus der Ferne zu grüßen. Glück für die Männer in Uniform. Die Beförderung der Karten als Feldpost war damals kostenfrei.

Schmalenbach zieht eine Lithografie aus dem Jahr 1900 aus dem Ordner. Auf der Motivseite ist ein schmaler, weißer Streifen zu sehen. Nur dort war es erlaubt, Mitteilungen zu schreiben. Die Rückseite war für die Briefmarke, den Poststempel und die Adressierung bestimmt. Die Anschrift verlief über fast die gesamte Breite der Kartenseite. Das änderte sich erst 1905 mit der geteilten Rückseite. Von nun an waren dort auch Mitteilungen an den Empfänger möglich. „So kann man das Alter einer Postkarte bestimmen, wenn die Briefmarke fehlt“, erklärt der Sammler.

Die Jahre zwischen 1890 und 1910 gelten als goldene Zeit der Ansichtskarte. Die Lithografien wurden zunächst einfarbig, später mehrfarbig hergestellt. Die Motive von damals zeigen vor allem Ortsansichten und Sehenswürdigkeiten.

Ach ja, „gebrauchte Postkarten“, solche also, die gelaufen sind, sind wertvoller, informiert Schmalenbach. Der Wert ist zudem davon abhängig, ob das Motiv in Farbe oder Schwarz-Weiß ist und ob es sich um eine Lithografie oder ein Foto handelt. Bei diesem Thema zieht der Sammler eine seltene Karte aus den 1920er-Jahren hervor, die Gruorn mit drei Bildern zeigt. „Die hat mich damals 45 D-Mark gekostet“, erinnert er sich.

Früher, als Postkarten schreiben noch „in“ war, hat sich Schmalenbach seine Schätze in erster Linie im Schreibwarengeschäft gegenüber dem Alten Lager und in Münsingen gekauft. Viele hat er auch auf Flohmärkten und bei Händlern ergattern können. Zuletzt wurde er vergangenen Montag in Laichingen beim Ostermarkt fündig. Dort hat er auch einige Karten verkaufen können.

Ab und zu tauscht der Auinger mit Gleichgesinnten. Von Online-Auktionen hält der Sammler übrigens nicht viel. Kein Wunder. „Ich habe gar keinen Computer“, lacht er über ganze Gesicht.

Was macht den Reiz aus, Postkarten zu sammeln? Schmalenbach denkt kurz nach und sagt: „Viele Motive machen vergessene Geschichte wieder lebendig.“ Recht hat er und legt Zeugnisse längst vergangener Tage auf den Tisch: Da schwebt ein Zeppelin über das Münsinger Kalkwerk, in der Mehrstetter Hüle schwimmen Enten, durch Justingen fährt eine Kutsche, um die Münsinger Skisprungschanze stehen mehrere Hundert Schaulustige. Und es gibt noch Lokale, die man heute vielleicht nur noch vom Namen her kennt: Café Helga und Restaurant Paradies in Münsingen, das Hardt-Hotel in Auingen, und das Plesdonat in Böttingen. Mitte des 20. Jahrhunderts war es übrigens gang und gäbe, dass es Ansichtskarten von den jeweiligen Schulhäusern im Flecken gab. Schmalenbach hat sie alle.

Interessant ist auch, dass sich früher viele Orte mit Sehenswürdigkeiten auf Mehrmotivkarten geschmückt haben, die sie gar nicht haben. So zum Beispiel warb Münsingen mit dem Schloss Lichtenstein oder mit Schloss Grafeneck, Sontheim mit der Böttinger Mühle auf dem Schießplatz und Gomadingen mit der Bärenhöhle, schmunzelt Schmalenbach.

Eine Postkarte zu schreiben, gilt heute fast schon ein wenig antiquiert, bedauert er. Daher gibt es in Münsingen kaum noch aktuelle Postkarten zu kaufen. Deshalb wird es dem Auinger aber nicht langweilig. Das Schöne an seinem Hobby ist, dass seine Sammlung nie vollständig sein wird.

Und da sind ja auch noch die kolorierten Glückwunschkarten von anno dazumal. Die sammelt Schmalenbach ebenfalls. Davon hat er unzählig viele. Ein Grund mehr, demnächst mal wieder bei Schmalenbach zuhause vorbeizuschauen und bei dieser Gelegenheit in Erinnerungen zu schwelgen.