Region Integration nach Paulus

Pfarrerin Barbara Wurz.
Pfarrerin Barbara Wurz. © Foto:  
SWP 17.10.2015
Mit der Integration der Flüchtlinge beschäftigt sich Barbara Wurz, Pfarrerin der Kirchengemeinde Dottingen/Rietheim im Kirchenwort.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, in den letzten Tagen fragt man mich immer wieder: Glauben Sie wirklich, dass sich die vielen Flüchtlinge bei uns integrieren werden? Wer so fragt, der zweifelt offensichtlich daran. So allmählich wird uns immer bewusster, wie fremd die Kulturen sind, die die Menschen aus den Krisengebieten dieser Welt mitbringen. Das fängt mit Ess- und Kleidungsgewohnheiten an, geht weiter zur Stellung von Mann und Frau, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und hört auch bei Fragen der Religion nicht auf.

In all diesen Bereichen haben wir in Deutschland große Freiheiten und Möglichkeiten. Dass diese Freiheit in Gefahr sein könnte weil viele Neuankömmlinge sie in Frage stellen könnten, das beunruhigt immer mehr Einheimische.

Dass Integration eine zentrale Frage in der Flüchtlingspolitik ist, das ist mittlerweile allen klar. Zwei Aspekte sind mir dabei besonders wichtig. Zum ersten meine ich, dass wir uns bewusst sein müssen, dass unsere eigenen Freiheiten - was zum Beispiel Gleichberechtigung oder Familienbild angehen - sehr jung sind. Nach 30.000 Jahren Kulturgeschichte haben wir gerade einmal 50 Jahre Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erreicht - und wirklich vollständig erreicht ist sie ja noch gar nicht, und schon gar nicht auf der ganzen Welt. In Mitteleuropa leben wir da auf der Insel der Seligen. Eine so junge Errungenschaft ist zerbrechlich, und wir müssen sorgfältig darauf achten.

Dem gegenüber steht mein zweiter Punkt: Wir müssen und darüber im Klaren sein, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Wer meint, dass die Neuankömmlinge ohne Zögern oder Verunsicherung die eigenen Wertvorstellungen ablegen können um die einheimischen eins zu eins zu übernehmen, der ist naiv. Denn wenn ein Flüchtling von klein auf gelernt hat, dass zum Beispiel Homosexualität etwas Böses ist, der kann diese Vorstellung nicht einfach ablegen wie ein Paar alter Schuhe. Eine solche Konfrontation zwischen Kulturen erschüttert in den Grundfesten! Beide Punkte zeigen: Integration bedeutet, die eigenen Werte zu prüfen und zu schützen und gleichzeitig die Neuankömmlinge damit nicht zu überfordern.

So beunruhigend unsicher der Ausgang dieser Aufgabe auch vor uns stehen mag, dieses Problem ist nicht neu. In der Bibel im Neuen Testament finden sich Beispiele dafür, und die sind durchaus ermutigend. So hat der Apostel Paulus das Christentum auf der ganzen damalig bekannten Welt verbreitet. Mit anderen Worten: Er hat die jüdisch christliche Kultur mit den unterschiedlichsten Völkern, Traditionen und Glaubenswelten konfrontiert. Sein Prinzip dabei war einfach und wirksam: Er hat sich mit den Menschen, denen er predigte auseinandergesetzt. So schreibt er in einem Brief an die Gemeinde in Korinth: Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden () Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette." (1. Korinther 9, 20-23) Paulus hat also von den Menschen nicht die bedingungslose und nicht hinterfragte Übernahme seiner Überzeugungen verlangt. Er hat die Relevanz seiner Überzeugungen für das Leben seines Gegenübers deutlich gemacht. Das geht nur, wenn Menschen miteinander sprechen und sich begegnen.

Was heißt das für die Integrationsproblematik? Es bleibt dabei, dass Neuankömmlinge unsere Gesetze einzuhalten haben. Aber dann muss es weiter gehen, und das geht uns alle an: Ohne Begegnung und Gespräch geht es nicht.