Mehrstetten Immer wieder wortkarge Menschen

Lenny Zuber (links) umrahmte die Vorstellung des Buches "Allein über die Alb" von Bertram Schwarz musikalisch.
Lenny Zuber (links) umrahmte die Vorstellung des Buches "Allein über die Alb" von Bertram Schwarz musikalisch. © Foto: Maria Bloching
Mehrstetten / MARIA BLOCHING 17.11.2015
"Allein über die Alb" von Bertram Schwarz ist ein humoristischer Spaziergang durch das eigenartige Seelenlabyrinth der Älbler. Bizarre Erlebnisse wie auf dem Fohlenhof machen dieses Werk einzigartig.

Zurück zu den Wurzeln - so hat es sich Autor Bertram Schwarz gewünscht. Am Freitagabend nahm er unter dem Gemälde von Martin Luther im Fohlenhof seinen Platz ein und las aus seinem Buch "Allein über die Alb" vor. Eben hier war er schon im Winter 2013 gesessen und hat dem Treiben in der Gaststätte Fohlenhof aufmerksam zugesehen - ja, er wurde sogar ein Teil dessen, was sich am Stammtisch abspielte. Da war ihm klar, dass er sein neues Buch hier vorstellen muss. Denn darin beschreibt er äußerst humoristisch, wie er an diesem abgelegenen Teil der Alb gelandet ist.

Nachdem er schon einige Ortschaften und seltsame Begegnungen mit echten Älblern hinter sich hatte und auf alles gefasst war, tat ihm dieser Menschenschlag am Rande von Mehrstetten sichtlich wohl. Wer "Allein über die Alb" liest oder dem Autor zuhört, der bekommt ein Bild von der bemerkenswerten und heiteren Reise, die der Tübinger Rundfunkjournalist absolviert hat, um Menschen kennen zu lernen, ihre Geschichten zu hören und herauszufinden, was die Alb so einzigartig macht.

"Die Alb ist wirklich schön, aber nichts davon werden Sie heute von mir hören", schickte Bertram Schwarz seiner unterhaltsamen und abwechslungsreich gestalteten Lesung voraus.

Er hat sein Buch nicht geschrieben, um die Landschaft zu beschreiben, sondern mit Leuten auf der Straße ins Gespräch zu kommen. Bewusst hat er Bürgermeister und Funktionäre gemieden und so ergaben sich skurrile Begegnungen mit eigensinnigen Menschen, die sich an ihre Lebensumstände angepasst haben und so manches Klischee aufs Vorzüglichste bedienen. Bizarre Erlebnisse waren ebenso wie das Aufnahmegerät seine stetigen Begleiter.

Immer wieder traf er auf wortkarge Menschen, die dann aber doch nach und nach auftauten und ihre Lebensgeschichten zum Besten gaben. All sie waren es wert, niedergeschrieben zu werden. So wie Frieder Arnold und seine Fohlenhof-Gäste, die es dem SWR4-Reporter ganz besonders angetan haben. Schwarz war viel zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, seine Reise führte ihn von Aalen über Münsingen, Gammertingen bis in den Zollernalbkreis, manchmal streckte er auch einfach seinen Daumen raus und fuhr per Anhalter.

So verschlug es ihn auch nach Mehrstetten. Eine betagte Frau mit Kopftuch in einem altersschwachen Golf las ihn bereitwillig in der Nähe von Münsingen auf. Doch als sie von seinem Beruf erfuhr, schmiss die alte Dame ihn kurzerhand aus dem Auto.

Also folgte er dem Schild "Fohlenhof" und beschloss, hier zu bleiben. Beim Anblick des Gästezimmers sah er sich plötzlich live eine Rolle in "Polanskis Tanz der Vampire" spielen, abends am Stammtisch gehörte er einfach dazu. "Der Wirt bewegte sich hier wie in seinem Wohnzimmer. Er begann mit seiner Lebensgeschichte, stellte seine selbstgemachten Pralinen und seinen Lebensgefährten André vor", schreibt Schwarz. Frieder Arnold sei in Fahrt gekommen, hätte über Alblinsenschweine, chinesische Erdbeeren ("wer die frisst und davon die Scheißerei bekommt, ist selber schuld") und die Love Parade schwadroniert und sei wie "Rauschgift für seine Gäste" gewesen.

Am nächsten Morgen hallten die "Frieder-Rufe" noch nach, als er vergeblich auf einen Bus wartete. Eine Versicherungsvertreterin aus Gammertingen nahm ihn schließlich in ihrem Auto mit nach Trochtelfingen und Meßstetten. Zurück geblieben sind Eindrücke, die jetzt schwarz auf weiß in seinem Buch zu lesen sind und mit denen sich die zahlreichen Besucher seiner Lesung voll und ganz identifizieren konnten.

Er hätte "Träumer und Heimatlose, Liebende und Verständnislose, Mitteilsame und Abweisende" kennengelernt - kurz: einen Artenreichtum, der auch 150 Millionen Jahren nach dem Ichthyosaurus auf der Alb Bestand hat. Schwarz erzählt in seinem Buch wunderbar von entlegenen Gegenden, von bissigen Hunden und von der Spezies Mensch, die Albstadl, Atomsprengköpfe und größter Kokain-Fund in einem Atemzug ausspricht.

Für echte Roadmovie-Stimmung sorgten bei der Lesung Bilder, Filmsequenzen, Klaviermusik und Gesang von Lenny Zuber, der der Buchvorstellung einen eindrucksvollen Rahmen verlieh.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel