Oberstetten Hightech im Ackerbau

Oberstetten / Von Ralf Ott 21.06.2018

Vor annähernd zwei Jahren hat der Deutsche Bauernverband in einem Positionspapier unter der Überschrift „Landwirtschaft 4.0 – Chancen und Herausforderungen“ auf die Potentiale der Digitalisierung in der Landwirtschaft verwiesen und gefordert, die dafür notwendigen Voraussetzungen unter anderem im Bereich der Datenübertragung, Wetterprognosen und der Satellitensteuerung zu schaffen. Der Oberstetter Landwirt Alfons Raach hat den Weg in die landwirtschaftliche Zukunft schon eingeschlagen. Auf einem Großteil seiner Flächen betreibt er Ackerbau. Wintergerste, -weizen, -triticale und -roggen stehen genauso auf dem Anbauplan wie Braugerste, Silomais oder Luzerne im Sommer.

Um zu wachsen benötigen die pflanzen Stickstoff, der im Boden zu Nitrat umgewandelt und aufgenommen wird. Der aktuelle Bedarf kann dabei stark variieren, denn er hängt vom Wachstumsstand und der Bodenbeschaffenheit ab. Mit der herkömmlichen Düngung während der Wachstumsperiode lassen sich die unterschiedlichen Gegebenheiten nicht berücksichtigen. Genau hier setzt die N-Senor-Düngung an, die Raach als einziger Landwirt in der Region verwendet und damit nicht nur Dünger auf seinen eigenen Ackerbauflächen ausbringt, sondern im Lohnverfahren für vier weitere Landwirte.

High-Tech auf dem Feld: Auf dem Dach des John Deere Schleppers ist der „Yara N-Sensor ALS (Active Light System)“ der Firma Agricon montiert. Er ermittelt auf einer Breite von drei Metern links und rechts vom Schlepper den aktuellen Stickstoffbedarf der Pflanzen. Dazu schickt er in einem Stroboskop-Signal Infrarotstrahlen auf die jeweiligen Kulturen, die reflektiert werden. Der einmal pro Sekunde gemessene Wert zeigt das Wachstum der Pflanzen in Form von Biomasse wie auch ihren Chlorophyllgehalt an. „Sind die Pflanzen dunkelgrün und fester als der Durchschnittsbestand, wird die Düngermenge reduziert, andernfalls erhöht“, erläutert Wendelin Heilig, Pflanzenbauberater beim Kreislandwirtschaftsamt. Als Ausgangsbasis dient der durch ein N-Sensor-Handmessgerät an einer kleinen Fläche mit gesundem Pflanzenbestand gemessene Stickstoffgehalt. Das System wird auf dieser Basis sowie der sortenspezifischen Vorgaben kalibriert. Während der Düngung erfolgt die Erfassung des Ist-Zustands fortlaufend und das Ergebnis wird unmittelbar an den Düngerstreuer weitergeleitet. Der durchschnittliche Düngebedarf bei der zweiten Düngergabe liegt bei 80 Kilo Stickstoff pro Hektar. Die erste Düngung – wenn die Pflanzen noch zu jung sind – erfolgt ohne N-Sensor, erst im zweiten und dritten Durchgang, der „Schossergabe“ und der „Ährengabe“, kommt der N-Sensor zum Einsatz.

Die Erfahrungen sind positiv: Der Verbrauch an Mineraldünger sinkt bei gleichbleibendem Ertrag durch den Einsatz des N-Sensors um 10 Prozent und im Herbst befindet sich 30 Prozent weniger Restnitrat im Boden, so Heilig. Das dient vor allem dem Schutz des Grundwassers. „So hat sich der Kreis mit zehn Prozent an der Finanzierung des N-Sensors und des Wiegestreuers beteiligt“, berichtet Heilig weiter. Denn die Sensortechnik kann nur in Verbindung mit einer variablen Düngerausbringung zu Einsparungen führen. „Der N-Sensor kommuniziert direkt mit dem Wiegestreuer“, erklärt Raach. Die Ergebnisse der Sensormessung fließen dabei genauso in die Berechnung der konkret benötigten Düngermenge ein, wie das spezifische durch Sensoren gemessene Gewicht der unterschiedlich großen Düngerkügelchen und natürlich die aktuelle Fahrgeschwindigkeit. Mit dem Ergebnis justiert der Wiegestreuer laufend den Aufgabepunkt, die Drehzahl der Streuscheibe und die absolut ausgebrachte Menge. Die Streubreite umfasst zwei mal 10,5 Meter auf jeder Seite. „Ein wichtiges Ziel der präzisen Düngung ist natürlich auch der gleichmäßig wachsende Bestand“, verdeutlichte Raach. Zuvor habe er beispielsweise in Senken immer einen zu dichten Bestand gehabt mit der Folge einer schlechteren Ausreifung.

Mit Hilfe der auf der Grundlage von sechs bis acht Satelliten erfolgten Standortbestimmung zeichnet der Computer während des Düngevorgangs die bearbeiteten Flächen auf und schaltet den Streuer ab, falls aufgrund der Örtlichkeit und der Lage der Fahrgassen ein Stück doppelt gedüngt werden würde. Die Abweichung von zwei Fahrspuren darf innerhalb von 20 Arbeitsminuten maximal fünf Zentimeter betragen. Als Basis dient die Grundvermessung des Flurstücks, die idealerweise beim Säen erfolgt, im System gespeichert und vom Landwirt vor dem Beginn der Düngung abgerufen wird. Die Steuerung durch Satelliten ermöglicht es Raach auch, den Schlepper auf autonomen Fahrbetrieb umzustellen. Bei Problemen kann sich ein Fachmann des Herstellers online auf das Steuergerät aufschalten. „Das benötigt manchmal viel Zeit, die an anderer Stelle fehlt“, lautet die Erfahrung von Raach. Unterm Strich jedoch rechnet sich für ihn die moderne Technik in jedem Fall – ganz abgesehen von den Vorteilen für die Umwelt. „Aber man muss davon überzeugt sein“. Denn für den N-Sensor müssen immerhin 40 000 Euro investiert werden, dazu kommen noch einmal 20 000 Euro für den Wiegestreuer. In seiner Kostenberechnung finden sich Ausgaben von 25 Euro pro Hektar für die neue Technik, schließlich kommen zur Anschaffung die Beratungs- und Wartungskosten hinzu.

Durch die präzise Aufgabepunkt- und -teilbreitensteuerung mit satellitengestützter Erfassung der Position im jeweiligen Schlag, kann ein moderner Düngerstreuer auch ohne den Einsatz des N-Sensors eine Düngungsüberlappung beziehungsweise eine doppelte Düngung  vermeiden. Diese Technik wird vor allem in spitzwinklig auslaufenden Fahrspurbereichen benötigt, welche auf der Alb häufig anzutreffen sind.

Landwirtsschaftsserie: N-Sensor-Düngung

Lebensmittel werden zwar täglich benötigt, doch zumeist belässt es der Verbraucher mit dem Einkauf im Supermarkt und denkt nicht über diejenigen nach, die Ausgangsprodukte für unsere Nahrungsmittel erzeugen. Mit einer Serie möchte unsere Zeitung Einblicke in die Arbeits- und Produktionsbedingungen moderner Landwirtschaft bieten. Das Themenspektrum ist letztlich so vielfältig wie der Beruf des Landwirts. Heute geht es um die N-Sensor-Düngung. rot

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