Region Gefahrgut braucht Spezialisten

Region / ALEXANDER THOMYS 15.08.2015
Chemikalien in Industrie und Handel, radioaktive Medizinprodukte und Biogasanlagen: Nur drei Beispiele, wie alltäglich Gefahrstoffe sind. Kommt es beim Umgang damit zum Unfall, ist die Feuerwehr gefordert.

Für die Helfer bilden solche Gefahrguteinsätze aber ganz besondere Herausforderungen: Radioaktive Strahlung etwa kann der Mensch ohne technische Hilfsmittel nicht wahrnehmen, Chemikalien können mit Wasser oder der Umgebungsluft reagieren und Säuren normale Schutzkleidung angreifen - die Ausrüstung der Floriansjünger kommt da schnell an ihre Grenzen.

Damit im Ernstfall dennoch geholfen werden kann, halten die Feuerwehren Spezialausrüstung vor. Begonnen hat diese Entwicklung im Kalten Krieg, als im Rahmen des Katastrophenschutzes erstmals ABC-Abwehrzüge gebildet wurden. So auch 1975 im Landkreis Reutlingen: Die Feuerwehren Reutlingen, Metzingen und Pfullingen erhielten eine vom Bund bezahlte Ausrüstung, die vor allem im Verteidigungsfall genutzt werden sollte, um die Einheiten des Katastrophenschutzes sowie die Bevölkerung zu dekontaminieren - also von atomaren, biologischen und chemischen Gefahrstoffen zu reinigen - und die Notversorgung mit sauberem Trinkwasser zu gewährleisten. Ein Teil dieser Ausrüstung wurde auch bei "normalen" Gefahrguteinsätzen verwendet, so wie heute auch Löschgruppenfahrzeuge des Bundes (LF KatS) bei vielen Feuerwehren im Einsatz sind.

Weitere Ausrüstung finanzieren die Gemeinden. Dies allerdings nur dort, wo es beispielsweise große Industrieanlagen zur Gefahrenabwehr notwendig erscheinen lassen. Schließlich sind die Gemeinden nach dem baden-württembergischen Feuerwehrgesetz verpflichtet, "eine den örtlichen Verhältnissen entsprechende leistungsfähige Feuerwehr aufzustellen, auszurüsten und zu unterhalten".

Hier wird schnell klar, dass die Leistungsfähigkeit der Feuerwehren in diesem Bereich sehr unterschiedlich ist. Umfangreiche Ausrüstung für Chemieunfälle vorzuhalten, können sich kleine Gemeinden kaum leisten, zumal entsprechende Industriebetriebe vor Ort nicht existieren. Doch über die Bundes- und Landstraßen kann es auch dort zu Unfällen mit Gefahrgütern kommen - dann helfen im Rahmen der Überlandhilfe die Feuerwehren aus, die über die nötige Ausrüstung verfügen.

Doch die adäquate Ausrüstung ist nur ein Faktor. Der andere ist der Feuerwehrmann an sich. Vor allem bei den Freiwilligen Feuerwehren gibt es viel zu lernen und zu üben, um im Ernstfall effektiv reagieren zu können. Der klassische Brandeinsatz oder die technische Hilfeleistung nach einem Verkehrsunfall liegen da oftmals näher als die vergleichsweise seltenen Gefahrguteinsätze.

Aber gerade die dafür abgestimmte Ausrüstung erfordert eine Menge Training. Allein das Anlegen der unhandlichen Chemikalienschutzanzüge (CSA) samt Atemschutzgerät erfordert einige Routine - von der Arbeit in diesen Anzügen ganz zu schweigen. Hinzu kommt die körperliche Belastung: In den schnell warm werdenden CSA sollten Einsatzkräfte höchstens eine Viertelstunde arbeiten, denn anschließend erfolgt im Gefahrguteinsatz die obligatorische Dekontamination - die Reinigung der Einsatzkräfte, ehe sie die Vollschutzanzüge ablegen können. Bis die Dekontamination abgeschlossen ist, sollte die mitgeführte Atemluft aus der Pressluftflasche ausreichen.

Aber auch der Umgang mit Messgeräten, Gefahrstoffumfüllpumpen, das richtige Handeln am Dekon-Platz, um eine Verschleppung des Gefahrstoffes zu verhindern, erfordern viel Wissen und Übung. Dies wird zum Teil bei den Feuerwehren vor Ort vermittelt, zum Teil aber auch in Lehrgängen an der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal. Dort sind die Plätze im Bereich des Katastrophenschutzes aber rar, die Wartezeiten sind entsprechend lang.

Bei vielen Feuerwehren gibt es daher Sondereinheiten, deren Mitglieder sich in zusätzlichen Diensten mit Gefahrguteinsätzen und der Spezialausrüstung beschäftigen. Im Landkreis Reutlingen gibt es solche Gefahrstoffeinheiten bei den Feuerwehren in Reutlingen, Metzingen und Pfullingen.

Doch die Spezialisierung hat auch Nachteile: Nicht alle Feuerwehrleute sind in diesem personalintensiven Bereich geschult, vor allem während der Arbeitszeit sind auch bei Weitem nicht alle Kräfte vor Ort verfügbar. Pendler sind oftmals zu weit weg und auch nicht alle Freiwilligen Feuerwehrleute können jederzeit ihren Arbeitsplatz verlassen.

Im Landkreis Reutlingen hat Kreisbrandmeister Wolfram Auch daher im vergangenen Jahr nach Lösungen gesucht, um die Einsatzbereitschaft in diesem Bereich zu erhalten. Die Lösung sieht der Kreisbrandmeister in der Kooperation der Feuerwehren: Im Mai 2014 wurde daher die erste interkommunale Vereinbarung beschlossen und der Gefahrstoffzug Reutlingen/Pfullingen gegründet.

Kräfte aus Reutlingen und Pfullingen werden nun gemeinsam alarmiert, wenn die Leitstelle entsprechende Hinweise auf einen Gefahrguteinsatz bekommt. So ist sichergestellt, das im Ernstfall genug Personal und Ausrüstung zur Verfügung steht. Im Juli 2014 wurde der Gefahrstoffzug Ermstal mit den Feuerwehren Dettingen und Metzingen aufgestellt, im September wurde dann der Gefahrstoffzug Alb ins Leben gerufen - hier arbeiten die Feuerwehren Hohenstein, Münsingen und Trochtelfingen Hand in Hand.

Die GAMS-Regel

Feuerwehren, die nicht für Gefahrguteinsätze ausgerüstet sind, gehen im Ernstfall nach der sogenannten GAMS-Regel vor: Demnach gilt für diese Kräfte, die Gefahr zunächst richtig zu erkennen und die Einsatzstelle entsprechend abzusperren. Mit der normalen Feuerwehr-Schutzausrüstung ist dann die Menschenrettung durchzuführen - kurzfristig bietet diese genug Schutz. Anschließend sind Spezialkräfte anzufordern, um die Gefahr zu beseitigen.

 

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