Engstingen / GUDRUN GROSSMANN  Uhr
Bolimera Drakshavali sah sich lange Zeit als Einzelkämpfer. Bis er brutal angegriffen wurde. Danach suchte er Mitstreiter. Er fand sie in Bern und in Engstingen bei Mitgliedern der Freikirche Shelter Alb.

. Viele Organisatoren bemühen sich um die Linderung des unendlichen Leids. Auch wenn manche glauben mögen, Indien sei eine aufstrebende Macht und mit dem Aufschwung ließe sich der Hunger besiegen, so profitiert doch nur eine Minderheit vom anhaltenden Boom. Millionen kämpfen täglich ums Überleben, die Schwächsten sind die Kinder. Sie sterben zuerst.

Pastor Bolimera Drakshavali und seine Frau Valipadma sahen sich bereits 1991 zum Handeln gezwungen. Obwohl sie selbst in sehr bescheidenen Verhältnissen lebten, nahmen sie zwei Waisenkinder bei sich auf. Heute ist es für ihre drei Töchter mit den sonnigen Namen Shiny, Shily und Smily ganz normal, dass sich die Tür immer wieder für notleidende Jungen und Mädchen öffnet. Zwanzig sind es gerade, die im Haushalt der Familie leben. Wird Pater Bolimera, der einer Freikirche angehört, gefragt, warum er sie alle um seinen Tisch versammelt und versorgt, nennt er eine Bibelstelle: Jakobus 1, Vers 27. Er zitiert den Auftrag, sich um Waisen und Witwen zu kümmern. Hinzu kommt, dass er selbst unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen ist und sehr gut nachvollziehen kann, was Hunger und Krankheit bedeuten, wie es ist, vollkommen mittellos zu sein.

In der mehr als 70 000 Einwohner zählenden Stadt Bapatla am Golf von Bengalen bilden Christen eine Minderheit. Religiöse Toleranz schützt vor Übergriffen. Vor neun Jahren jedoch machte Pastor Bolimera eine bittere Erfahrung. Als er in einem Dorf Kontakt mit den Bewohnern aufnehmen wollte, wurde er eindringlich gewarnt, sich nicht mehr dort blicken zu lassen. Er hielt sich nicht daran. Die Folge: Er wurde mit einem Auto angefahren und überlebte nur knapp. Das war die Zeit, als er sich eine entscheidende Frage stellte: Was wird aus den vielen Kindern, wenn mir etwas passiert? Er machte sich auf die Suche nach Unterstützern. Im Ausland. Und fand den christlichen Verein Delta Bern in der Schweiz. Die Gründer Fränzi und Matthias Nowak haben wiederum über den Internationalen Gemeindeverbund Foursquare USA Kontakt zu Shelter Alb, einer Freikirche in Engstingen, aufgenommen, deren Mitglieder gerne bereit sind, die wichtige Aufbauarbeit in Bapatla mit zu unterstützen.

Ein regelrechter Schub konnte 2014 verzeichnet werden. Das "Bethel Children Home", in dem zirka hundert Waisen und Halbwaisen untergebracht werden sollen, nahm Formen an. Erst konnte sich Pastor Jürgen Zeeh vor Ort von den Fortschritten überzeugen, wenige Tage später folgte Horst Dollinger, der sich ebenfalls stark für das Shelter-Alb-Projekt einsetzt. "Mein persönlicher Eindruck war überwältigend. Es hat mich sehr bewegt, wie intensiv gemeinsam gearbeitet wird." Für das Heim und die Seelsorge. Pastor Bolimera Drakshavali liegen nicht nur die Kinder am Herzen. Er kümmert sich auch um viele Christen in der Stadt und hält Gottesdienste in den Dörfern der Umgebung. Die Stadtverwaltung achtet ihn. Dennoch dauert es manchmal lange, bis ein Antrag genehmigt ist. "Schmiergelder werden grundsätzlich nicht bezahlt", sagt Dollinger. Erschwerend kommt hinzu, dass die Regierung des Bundesstaates Andra Pradesh hohe Steuern auf Sand und Steine erhebt. Viele Inder haben sich vorsorglich eingedeckt, was eine Materialknappheit zur Folge hat.

Niemand lässt sich dadurch beirren. Es ist sogar geplant, das Heim noch vor der endgültigen Fertigstellung in Betrieb zu nehmen. Teilweise. Drei Schlafräume werden eingerichtet, die Küche und der Speisesaal ausgebaut. "Dieses Projekt ist wirklich erstaunlich und kann nur durch sehr hohen persönlichen Einsatz durchgeführt werden," sagen die Engstinger. Es sei die Fortsetzung einer "ehrlichen und kontinuierlichen Arbeit". Knapp 60 Kinder befinden sich bereits in der Obhut des Ehepaars, sie sind entweder in ihrem Haus oder in Gastfamilien untergebracht. Spenden machen dies möglich. Dringend werden weitere Paten und Unterstützer gesucht. Nicht mehr als 40 Euro sind notwendig, um ein Kind einen Monat lang zu versorgen - mit Nahrung, Kleidung, mit Schulbildung. Das Bethel Children Home ist keine Utopie mehr. Eines Tages wird es fertig sein, dank vieler Spenden.

Info Wer sich für das Projekt interessiert, erhält bei Pastor Jürgen Zeeh weitere Infos, Telefon: 0 71 29/93 09 64, E-Mail: office@shelter-alb.de oder unter www.shelter-alb.de.