Prozess Tödlicher Unfall: Jugendliche haben Erinnerungslücken

In den Abendstunden ist eine 76-Jährige überfahren worden, sie starb noch am Unfallort.
In den Abendstunden ist eine 76-Jährige überfahren worden, sie starb noch am Unfallort. © Foto: Archiv
Münsingen / Alexander Thomys 30.03.2017

Es klingt wie der Beginn eines schlechten Filmes: Jugendlichen ist langweilig, sie beschließen gemeinsam auf Rollern durch die Stadt zu fahren. Ein 16-Jähriger will sich anschließen, schnappt sich spontan die Autoschlüssel seines Bruders, überfährt mit dessen VW eine Fußgängerin und flüchtet anschließend vom Unfallort.

Nicht im Film, sondern im November 2015 hat sich dies so in Trochtelfingen zugetragen. In den Abendstunden ist eine 76-Jährige von dem Auto überfahren worden, das mit „nicht angepasster Geschwindigkeit“ fuhr, wie sich eine Polizeibeamtin ausdrückt. Die Frau wird vom Wagen erfasst und auf die Windschutzscheibe geschleudert, prallt dort ab und fliegt 15 Meter durch die Luft, bis sie auf eine Hauswand prallt.

Gegen Hauswand geschleudert

Zwei Passantinnen, die wie die 76-Jährige auf dem Weg zum Training in der Sporthalle waren, kommen der Frau zu Hilfe. Um 18.48 Uhr tätigen sie einen Notruf, um 19.30 Uhr stirbt das Unfallopfer trotz der umfangreichen Hilfe durch die Trochtelfinger Helfer vor Ort, den Rettungsdienst und den Notarzt. Sogleich laufen umfangreiche Ermittlungen an, die Verkehrspolizei aus Tübingen kommt auf die Alb, auch Beamte aus den Revieren in Trochtelfingen und Münsingen sind im Einsatz und befragen auf den bekannten Parkplätzen die Jugendlichen, die Freiwillige Feuerwehr Trochtelfingen leuchtet die Unfallstelle großflächig  aus.

Noch in der Nacht zahlt sich der Ermittlungsdruck aus, der 16-jährige Unfallfahrer stellt sich in Begleitung seiner Mutter. Das Verfahren gegen den Minderjährigen wurde vor dem Jugendschöffengericht in Reutlingen nichtöffentlich geführt, zum Urteil gibt es auf Anfrage keine Angaben.

In Münsingen stehen nun zwei Jugendliche vor dem Amtsgericht, die als damalige Beifahrer der unterlassenen Hilfeleistung angeklagt sind. Der Ältere von beiden, damals 19 Jahre alt, macht Angaben zum Geschehen. Man sei zunächst auf Waldwegen herumgefahren, habe sich auf einem Parkplatz mit einigen Rollerfahrern zusammengetan und sei dann durch die Stadt gefahren.

Zwei Runden im Kreisverkehr

„Wir sind dann zwei Runden durch den Kreisverkehr gefahren und dann weiter, das Licht war an und man hat alles gesehen“, erinnert er sich. Bis zum eigentlichen Unfall. Dann sind da doch erhebliche Erinnerungslücken – es habe einen lauten Knall gegeben, gesehen habe er aber nichts, erzählt der entwicklungsverzögerte junge Erwachsene. Und den Gedanken an einen Unfall mit einem Menschen habe er damals im Auto zwar ausgesprochen, aber nicht weiterverfolgt. „Ich war ja unter Schock“, sagt der Auszubildende, der zwar erklärt, nach vorne geschaut zu haben, der aber vom eigentlichen Unfall „nichts gesehen“ haben will.

Sein Mitangeklagter, damals 16 Jahre alt, macht vor Gericht keine Aussagen. Pech für den Angeklagten: Es gibt die Aufzeichnung einer Helmkamera, die damals das Gespräch des Jugendlichen mit einem verzögert nachfolgenden Rollerfahrer aufgezeichnet hat. Dem Landeskriminalamt gelang es die Stimmen deutlich zu machen. „Der hat einen Typ umgefahren. Vorhin“, erzählt er dem Rollerfahrer. Erst im Schlusswort meldet sich der Schüler dann vor Gericht wieder zu Wort, nachdem er zuvor nur leise auf Türkisch mit seinem Anwalt gesprochen hatte: „Das war ein echt schlimmer Vorfall. Ich habe viel daraus gelernt. Es tut mir leid.“

Amtsgerichtsdirektor Joachim Stahl folgt in seinem Urteil der Forderung von Staatsanwalt Tobias Freudenberg und verpflichtet die beiden Jugendlichen auf eigene Kosten zur Teilnahme an einem Erste Hilfe-Kurs, außerdem müssen sie 80 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. „Die Betroffenheit hat mir gefehlt“, schildert Stahl seinen Eindruck der Angeklagten. „Es war etwas Schlimmes passiert, sie hätten etwas tun können.“

Staatsanwalt Freudenberg zeigte sich ebenfalls gespalten. „Man merkt ihnen an, dass ihnen das arg ist“, sagte er zu Beginn seines Plädoyers. Um dann aber im Hinblick auf die erheblichen Erinnerungslücken des Angeklagten und der jugendlichen Zeugen zu sagen: „Ich bin fast entsetzt von dem, was ich hier heute erlebt habe.“

Themen in diesem Artikel