Hohenstein Eine Hommage an die Eigenheiten der Älbler

Susanne Wahl und Mona Weiblen präsentierten als „Traufgängerinnen“ ihre besondere Art, eine Maultasche zu essen.
Susanne Wahl und Mona Weiblen präsentierten als „Traufgängerinnen“ ihre besondere Art, eine Maultasche zu essen. © Foto: Maria Bloching
Hohenstein / Maria Bloching 02.07.2018

Bereits der Freitagabend hatte mit „Wendrsonn“ als der zurzeit erfolgreichsten Dialektband im Südwesten ein tolles Programm zu bieten. Rotzfrech und charmant warfen Sängerin Biggi Binder und ihre kongenialen Jungs aus dem wilden Süden haufenweise Klischees über Bord und zelebrierten Mundart als virtuosen und anspruchsvollen Folkrock-Crossover, bei dem ordentlich die Fetzen flogen. 

Einen grandiosen Kabarettabend mit temporeichem und hintersinnigem Wortwitz und toller Musik wurde am Samstagabend von den „Traufgängerinnen“ aus St. Johann geboten. Susanne Wahl und ihre Tochter Mona Weiblen begeisterten rund 300 Besucher inmitten der alten Gemäuer, deren einzigartiges Ambiente die beiden schlagfertigen und sympathischen Älblerinnen für sich nutzten. Das erstklassig aufeinander eingestellte Duo beleuchtete die Geschichte der Alb ganz neu und ging 200 Millionen Jahre zurück, als es im Jurameer statt „Forella ond Kaulquappa“ bloß „Raubfisch, Saurier ond Schnecka“ gab. Bis es den Schnackler tat und die „granada tektonische Verschiebung“ den Albtrauf entstehen ließ. Til Eder und Bernhard Krause stimmten dazu auf Gitarre und E-Piano an.

Die „Traufgängerinnen“ brachten im zweistimmigen Gesang und mit ihren facetten- und dialektreichen Schilderungen der älblerischen Eigenheiten stets die Liebe zur schwäbischen Natur zum Ausdruck. Mutter und Tochter warfen mit altgedienten und lang nicht mehr gehörten schwäbischen Urwörtern um sich, plauderten über das mystische Geranium, übers Wetter und natürlich über die schwäbische Maultasche. „Ronzlig ond blass, außa hui ond enna pfui“.

Angesichts dieses „Luders“ konnte Susanne Wahl nicht mehr an sich halten. Mit Beil und einer regelrechten Fresslust machte sie sich über die Delikatesse her. Gemeinsam mit Mona Weiblen sinnierte die älblerische Sirene mit Wuschelkopf darüber nach, was „ma däd, wenn ma könnt wia ma wet“: „Oimal no barfuaß en an frischa Kuahflada dabba“ oder „morgens aufwacha ond et wissa, mo ma isch“. Immer wieder trieb das Duo mit seiner schrägen und skurrilen Art dem Publikum vor Lachen die Tränen in die Augen. Doch es sorgte auch für gefühlvolle und nachdenkliche Momente. Etwa, wenn sie von Opa Julius berichteten. Auf dem Foto von 1912 ein schöner stolzer Mann, noch nichts gesehen von der Welt, aber forsch in die Zukunft blickend. Schnell wurde er seiner Illusionen mit dem Marschbefehl 1914 beraubt. Und dann der Zweite Weltkrieg: „De dümmschte Kälber wählet ihren Metzger selbst“, heißt es im Lied. 96 Jahre alt wurde er. Karg aufgewachsen, zwei Kriege, vier Kinder, eine Frau und „ällaweil viel gschaffa“. Und doch hatte er ein gebrochenes Herz. Auch das gehört zur Alb.

Und weil Susanne Wahl und Mona Weiblen behutsame „Indietiefegeherinnen“ und „poetische Schichtenfreilegerinnen eines modernen Heimatbegriffes“ sind, schafften sie es stets, ernste und irrwitzig-humorvolle Töne feinfühlig zu vermischen und mit ihrer temporeichen, hintersinnigen, wortwitzigen und musikalisch-niveauvollen Revue aufs Beste zu unterhalten.

Veranstaltet wurde die Kulturveranstaltungen auf der Ruine von der Gemeinde Hohenstein und dem Verein für angewandte Lebensfreude.

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