Natur Ein Verwandter und kein „Albino“

Auf dem Vormarsch: Der weiße Silberreiher ist inzwischen im Winter regelmäßig in der Region zu beobachten.
Auf dem Vormarsch: Der weiße Silberreiher ist inzwischen im Winter regelmäßig in der Region zu beobachten. © Foto: Günter Künkele
Von Günter Künkele 05.01.2018

Wie in den Vorjahren sind seit einigen Wochen wieder in den Tälern von Großer Lauter, Schmiech, Zwiefalter Ach oder auch Erms große, weiße Reiher zu sehen. In fast allen alten Vogelbestimmungsbüchern zur Vogelwelt Deutschlands findet man keine Beschreibung zu einem Reiher mit völlig weißem Gefieder. Und noch vor rund 35 Jahren galt der Silberreiher (Casmerodius albus) in seinem reinweißen Federkleid als Ausnahmeerscheinung. Der überraschende Wintergast war für Vogelbeobachter im Ländle eine ornithologische Sensation.

Vereinzelt im 19. Jahrhundert als Durchzügler auftauchende Silberreiher wurden von Trophäenjägern sofort abgeschossen. So zum Beispiel im Jahre 1841 an der Donau zwischen Erbach und Donaustetten, wie die Oberamtsbeschreibung Ehingen berichtet. Der Exot gibt bis heute Rätsel auf. Laien verwechselten ihn zunächst mit einem Weißstorch, der den Zug nach Süden verpasst hatte oder dachten, es handele sich um einen albinotischen, also einen weiß gefärbten, Graureiher (Ardea cinerea).

Nach anfänglichen Einzelbeobachtungen sind die attraktiven Silberreiher seit der Jahrtausendwende verstärkt auf dem Vormarsch und bereichern die einheimische Vogelwelt. Immer häufiger kommen sie im Spätherbst aus ihren klassischen Brutgebieten in Ost- und Südeuropa nach Baden-Württemberg, um hier den Winter zu verbringen. Auch außerhalb der Schilflandschaften in Oberschwaben oder am Bodensee können sie im Winterhalbjahr in beinahe allen Fluss- und Bachtälern regelmäßig beobachtet werden.

Manche Vogelexperten sehen eine rasante Vermehrung der Silberreiher-Brutbestände im nicht allzu weit entfernten Ungarn und am Neusiedler See in Österreich als Ursache. Andere vermuten, dass nicht so sehr der Klimawandel dafür verantwortlich sei, sondern vielmehr eine Zunahme von Brutpaaren auch in klimatisch ungünstiger gelegenen Regionen in Russland und der Ukraine mit sehr harten, kontinentalen Wintern. Für wahrscheinlicher halten Ornithologen, dass dort zufrierende, stehende Nahrungsgewässer und Feuchtgebiete mit einhergehender Verknappung des Nahrungsangebots die Winterflucht notwendig machen. Dagegen scheint es an unseren eisfreien Fließgewässern auch noch bei geschlossener Schneedecke möglich zu sein, genügend Nahrung zu finden. Dies dürfte ein gewichtiger Grund sein, warum Silberreiher ausgerechnet hierher ziehen.

Bei ausreichender Nahrungsgrundlage können die kälteunempfindlichen weißen Reiher mit ihrem außerhalb der Brutzeit gelben Schnabel und ihren langen, im unteren Teil dunklen Beinen auch bei Frost überleben. Andere Experten begründen die anstrengenden Winterreisen und die inzwischen regelmäßigen Einflüge in mitteleuropäische und deutsche Winterquartiere mit der Fähigkeit der langbeinigen Schreitvögel, sich neue Nahrungsquellen zu erschließen. Sie gehen nicht mehr nur an Gewässern und in Feuchtgebieten auf Jagd, sondern haben sich trockene, landwirtschaftlich genutzte Flächen wie Äcker und Wiesen als Nahrungsareal erschlossen. Dadurch erweiterte sich ihr Beutespektrum. Auf dem Speiseplan stehen nicht mehr nur Amphibien wie Frösche, Kröten, Molche und Fische, sondern zusätzlich Mäuse, Schnecken und verschiedene Insektenarten wie zum Beispiel Heuschrecken. Mit der Besiedelung neuer Lebensräume ging seit den 80er Jahren eine Bestandszunahme einher, welche zwangsläufig zu Nahrungskonkurrenz und dadurch zu Ausbreitungstendenzen führen musste.

Die Rätsel über die Herkunft bei uns überwinternder Silberreiher und die Ursachen für ihre alljährlich sich wiederholenden Besuche, sollen mit Hilfe von Vögeln, welche in ihren Brutgebieten beringt werden, gelöst werden. Deshalb bedarf es wohl noch einiger Jahre der Forschung, bis feststeht, welche Mutmaßungen der Ornithologen sich als schlüssig erweisen.

Der erste Brutnachweis von zwei Silberreiherpaaren gelang in der Bundesrepublik im Jahre 2012 in Nordostdeutschland. Nachdem sich einige dieser weißen Schreitvögel inzwischen ganzjährig bei uns aufhalten, darf man gespannt sein, wann die ersten erfolgreichen Bruten von Silberreiherpaaren stattfinden. Im Winter bestehen gute Chancen, interessante Beobachtungen zu machen und einheimische Graureiher gemeinsam mit ihren weißen Familienangehörigen zu studieren.

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