Gomadingen Ein passionierter Radler

Aus dem einstigen Radmuffel Jens Altenmüller ist ein begeisterter Fahrradfahrer geworden.
Aus dem einstigen Radmuffel Jens Altenmüller ist ein begeisterter Fahrradfahrer geworden. © Foto: Maria Bloching
Gomadingen / Maria Bloching 29.08.2018

Fahrradfahren hat Jens Altenmüller eigentlich nie Spaß gemacht. Doch mittlerweile ist für den Gomadinger Krankenpfleger aus der Not eine Tugend geworden, die ihm zum Berufsalltag Ausgleich, Wohlbefinden und ein gutes Gefühl verschafft.

2006 kaufte er sich mit seiner Frau in Gomadingen ein altes Bauernhaus, seither ist er damit beschäftigt, es umzubauen und herzurichten. Das Hobbyhandwerk bietet ihm eine willkommene Abwechslung zur Krankenpflege in der Psychiatrie, der er in Reutlingen auf einer Depressionsstation nachgeht. Doch all dies kostet Zeit und die Familie ist ja auch noch da: „Da bleibt nichts mehr übrig für Sport“.

23 Kilometer lang ist der Weg von seinem Heimatort zur Arbeit, nie hätte er sich vorstellen können, diesen mehrmals in der Woche von März bis November bei jedem Wetter auf dem Fahrrad zurückzulegen. „Als ich zum ersten Mal nach Reutlingen und vor allem wieder zurück strampelte, bin ich tausend Tode gestorben und habe mir vorgenommen, dies nie wieder zu tun“, lacht er.

Kondition besaß er keine, auch wenn er früher einmal ziemlich viel Sport getrieben hatte. Doch dann kam vor drei Jahren der ärztliche Rat: „Ich sollte Ausdauersport betreiben, um meine ständig anhaltende körperliche Erschöpfung zu überwinden“.

Vom Schwiegervater bekam er dessen „alten Bock“ geschenkt und er freundete sich langsam mit ihm an. Das überrascht ihn wohl selbst am meisten. Eine Stunde nach Reutlingen, eineinhalb Stunden nach Feierabend vom Schichtdienst zurück. Die Frühschicht gefällt ihm ganz besonders. Jens Altenmüller steht um 4 Uhr auf und fährt eine Stunde später los: „Da begegnen einem allerlei Kreaturen, die man sonst überhaupt nicht sieht“.

Mutterseelenallein fährt er durchs Lonsinger Tal und den Albtrauf hinunter – zumeist trifft er dabei nur Fuchs und Hase. Und natürlich regelmäßig Biber und Dachs, einmal sprang ihn fast ein Reh vom Rad. „Im März ist es am Schönsten. Der Sternenhimmel ist zu dieser Jahreszeit besonders klar und sticht in der verkehrsfreien Landschaft besonders hervor“. Er fühle sich eins mit der Natur, fahre im Dunkeln los und könne hautnah miterleben, wie die Sonne über ihm aufgehe. Die Kondition kam von ganz allein, mittlerweile ist es für den 49-Jährigen ein Geschenk, nach der Arbeit den Berg nach Gomadingen wieder hochzufahren.

Der Maikäferschwarm

Kaum sitzt er auf seinem Rad freut er sich, auf diese Art und Weise unterwegs zu sein, den Wechsel der Jahreszeit intensiv mitzuerleben, mit allen Sinnen zu riechen und zu sehen, wie die Natur wächst und sich wandelt. „Mein schönstes Naturerlebnis gewann ich eines Abends nach der Spätschicht, als ich in einen Maikäferschwarm fuhr und einige Maikäfer auf mir bis nach Gächingen mitgefahren sind“.

Wenn Jens Altenmüller vor sich hin strampelt, wendet er die Therapieform der „Achtsamkeit“ bei sich selber an. „Ich komme während der Fahrt ganz zu mir, nehme mich und meine Umgebung bewusst wahr und lasse alle Belastungen, die ich bei der Arbeit erlebe, hinter mir“. Wenn Nachtschicht ist, nimmt er das Auto. „Probiert hab’ ich es auch mit dem Fahrrad, aber das war mir dann für meinen Biorhythmus doch zu anstrengend“. Und auch im Winter weicht er aufs warme Auto aus, allerdings dauert es dann im Frühjahr einige Tage, bis er sich wieder an die Umstellung aufs Rad gewöhnt hat und die Kondition wieder aufgebaut ist. Doch dann genießt er es, den Fahrtwind endlich wieder im Gesicht zu spüren und sich mit der Natur zu verbinden.

Damit ist jetzt jedoch erst einmal Schluss, denn Jens Altenmüller ist zum dritten Mal Vater geworden und befindet sich nun für ein Jahr in Elternzeit. Aufs Fahrradfahren will er aber nicht ganz verzichten. „Ich radle jetzt halt in der Freizeit oder wenn ich zur Krankenpflegeschule nach Bad Urach oder Pfullingen fahre, um Unterricht zu geben“. Jede Möglichkeit wolle er nutzen, betont er, schließlich sei er längst ein begeisterter Radler geworden und wolle dies auch beibehalten, weil er weiß, dass ihm das gesundheitsmäßig guttut.

Natürlich hat er schon mit dem Gedanken gespielt, auf ein E-Bike umzusteigen, aber noch will er ausschließlich aus eigener Kraft mit seinem Rad ans Ziel kommen. „Das mach ich, solange es geht und es sich aufgrund des hohen Zeitaufwands mit der Familie vereinbaren lässt“.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel