Marbach Ein neuer Stil und ein Fest für das Volk

Marbach / Von Ralf Ott 15.06.2018

Eigentlich sind die Pferde des Haupt- und Landgestüts Marbach mit der Arena vertraut und halten sich an die Anweisungen ihrer Reiter. Doch an diesem Nachmittag hängt ein 60 Meter langes, grelles grünes Tuch von der Tribüne der Blöcke G und H und bedeckt obendrein einen gut sechs Meter breiten Streifen auf dem Boden. Während Pferdewirt Lukas Maier mit seinem Tier kein Problem hat, über die grüne Fläche zu reiten, zögert der Hengst des nachfolgenden Auszubildenden zuerst, senkt dann den Kopf und die Vorderbeine, bricht schließlich nach hinten aus. Er wiehert laut und denkt offenbar nicht daran, wie vorgesehen durch den riesigen „Greenscreen“ zu traben.

Aber Geduld gehört zum Geschäft des 18-köpfigen Teams der AV Medien GmbH aus Stuttgart, das jetzt zwei Tage lang in Marbach Aufnahmen für eine Spielfilm-Dokumentation gemacht hat. Sie haben auch die „grüne Wand“ aufgebaut, um vor dieser die Reiter in historischen Uniformen sowie einen Vierspänner mit Kutsche abzufilmen. Der Computer rechnet alle grünen Farbtöne aus dem Bild heraus und ersetzt sie durch die gewünschten Hintergründe, vor denen die Reiter dann zu sehen sind. Aus dem offenen Fenster winkt die spätere württembergische Königin Katharina – die Szene wird im Film mit dem Titel „Das Jahr ohne Sommer“ illustrieren, wie sie gemeinsam mit ihrem Gemahl Friedrich Wilhelm, nach der Hochzeit, die Ende Januar 1816 in St. Petersburg gefeiert wurde, im April desselben Jahres in Stuttgart eintrifft.

Die Dokumentation stellt die Entstehung des Cannstatter Volksfestes, das vor 200 Jahren erstmals gefeiert wurde, in den Mittelpunkt, erzählt Geschäftsführer Bernd Stegmann im Gespräch mit unserer Zeitung. Damit rückt automatisch auch das Leben von König Wilhelm von Württemberg und seiner bereits 1819 verstorbenen Frau Katharina in den Fokus. „Die beiden haben viel für das württembergische Volk gemacht“, betont Stegmann.

Es war eine harte Zeit für die Menschen in Württemberg, denn der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr zuvor sorgte für kühle Temperaturen, heftige Regenfälle, Hagel und einen frühen Wintereinbruch. Missernten und damit steigende Lebensmittelpreise waren die Folge. „Es war eine Art Endzeitstimmung, viele verließen das Land und der amtierende König Friedrich lebte weiter im Luxus“, erläutert Autorin Ulli Stegmann, die sich seit September vergangenen Jahres mit den Anfängen des Cannstatter Volksfestes befasst hat. Nach der Regentschaft des „Dicken Friedrich“, der sich mit Napoleon verbündet hatte und so das württembergische Territorium vergrößern konnte und sich 1806 als erster württembergischer König krönen ließ, führten die Nachfolger einen ganz anderen Stil ein. „Es ging ihnen um echte Fürsorge und substantielle Verbesserungen für die Menschen“, so Ulli Stegmann. Auch Marlene-Sophie Haagen, die Katharina verkörpert, schildert uns gegenüber die Königin als „spannende und sehr vielseitige Frau“.

Wilhelm I., der von Dominik Weber gespielt wird, legte bekanntlich nicht nur den Grundstein für die Araberzucht im Marbacher Landgestüt, sondern ließ auch Rinder und Schafe aus dem Ausland importieren, um neue Züchtungen zu ermöglichen. Im November 1818 gründete er die „Landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt“ in Hohenheim.

Im selben Jahr gab seine Frau, die zuvor schon den Aufbau von Wohltätigkeitsvereinen in den Gemeinden auf den Weg gebracht hatte, den Anstoß zur Gründung der Württembergischen Landessparkasse. „Die Menschen sollten sich für Notzeiten eine Reserve zurücklegen“, erzählt die Autorin weiter. Und: Das Hauptziel bestand darin, ihnen Arbeit zu verschaffen, anstatt Almosen zu geben. Auch für den Bau des Katharinenhospitals legte sie mit einer Spende aus ihrem russischen Vermögen den Grundstock.

„Das Königspaar verknüpfte drei Visionen mit dem landwirtschaftlichen Fest, das erstmals am 28. September 1818 ausgerufen und dann jährlich stattfinden sollte“, so Stegmann. Zum einen war dies der Wunsch, die Menschen, von denen 80 Prozent auf dem Land lebten, in dem zusammengewürfelten Königreich näher zusammenzubringen. „Das Vergnügen sollte zeigen, dass die schwierigen Zeiten überwunden waren“. Zugleich aber wollte Wilhelm I. auch für die Ausbreitung neuer Methoden und Ideen bei den Bauern sorgen und so gehörte bald eine Ausstellung landwirtschaftlicher Gerätschaften dazu.

Die Spielfilmszenen werden am PC nach den Worten von Bernhard Stegmann wie ein „Puzzle“ zusammengesetzt. So werden die Marbacher Reitkomparsen, zu denen neben Fred Probst auf dem Kutschbock auch die Auszubildenden Simon Schietinger, Markus Wallner und Leo Stroppel im Sattel gehörten, im Film vor Stuttgarter Gebäuden zu sehen sein. „Wir müssen diese historisch anpassen“, so Stegmann. Dank Computertechnik werden aus 50 jubelnden Komparsen  im Film übrigens mehrere tausend Menschen.

Zu Wort kommen im Film zudem Historiker und Mitglieder aus dem Hause Württemberg. So wurde auch ein Interview mit dem kurz darauf bei einem Unfall tödlich verunglückten Friedrich Herzog von Württemberg geführt. Aus dem Gesamtbudget von 350 000 Euro entstehen neben dem 90-minütigen Hauptfilm auch zwei 45-minütige Streifen sowie mehrere kurze Magazinbeiträge, um alle Sendeplätze nutzen zu können, erläutert Stegmann.

Info Der eineinhalbstündige Dokumentarspielfilm „Jahr ohne Sommer“ wird am 23. September um 21 Uhr im SWR-Fernsehen ausgestrahlt.

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