Die neue Sonderausstellung im Albmaler Museum im Alten Lager ist einem herausragenden Künstler gewidmet, der es jedoch im Unterschied zu beispielsweise Lothar Schall oder HAP Grieshaber nie zu einer Bekanntheit auf dem Kunstmarkt geschafft hat – aus dem einfachen Grund weil Eduard Niethammer dies gar nicht wollte. Der am 2. November 1922 in Gächingen geborene Maler, Zeichner und Autor von Gedichten lebte ab 1954 zurückgezogen von der Welt in einem Holzhaus im Tiefentäle zwischen Gomadingen und Gächingen. Dort oben hatte Niethammer auf einem Grundstück der Familie eine Feldscheune zum Wohnhaus ausgebaut mit Winterstall neben der Diele, die einen offenen Kamin hatte, einem Wohnzimmer, Küche sowie Schlafräumen im ersten Stock. Auf Strom verzichtete Niethammer und anstatt eines Wasseranschlusses grub er eine Zisterne. Im Garten hat er Gemüse angebaut, außerdem Hafer für die Pferde.

Einer, der den 2001 verstorbenen Künstler so gut kannte, wie kaum ein Zweiter, ist der Gomadinger Rentner sowie Kunstliebhaber Hans Blankenhorn. Er war es auch, der dem Geschäftsführer des Albmaler Museums, Martin Rath, vorgeschlagen hatte, die nächste Sonderausstellung Niethammer zu widmen. „Es war klar, dass wir von ihm genügend Werke für eine große Schau haben“. Ein paar davon wird Blankenhorn selbst beisteuern, doch das Gros der Arbeiten des Künstlers stammt von Niethammers Tochter Agnes Thumm. Ihr hatte er nahezu sein komplettes Œuvre vermacht. Da Agnes Thumm seit einigen Jahren in Ungarn lebt, fuhren Rath und Blankenhorn kurzerhand zu ihr in die Puszta und luden Bilder, Skizzen, Zeichnungen und Holzschnitzereien ins Auto. Rund 200 bis 250 Werke aus der Hand von Niethammer werden ab 30. November im Albmaler Museum zu sehen sein.

„Das Besondere an Niethammer ist die Perfektion, mit der er gearbeitet hat“, betont Blankenhorn im Gespräch mit unserer Zeitung. Seine Liebe galt den Pferden – das spiegelt sich auch in einer Vielzahl von Pferdebildern und Schnitzarbeiten. Ebenso wichtig sind die Darstellung von Erlebnissen aus dem Krieg und Landschaftsbilder mit bäuerlichen Szenen, die das ursprüngliche dörfliche Leben zeigen. Niethammer blickte mit wachem Auge auf die sich entwickelnde Nachkriegsgesellschaft, deren Wirtschaftswunder-Mentalität und vorwärtsgerichtetem Blick er sich entzog. Niethammer kann letztlich als „erster Grüner“ gelten, denn er hat schon in den 50er Jahren davor gewarnt die „Natur kaputt zu machen“ und den „Wahnsinn der Industrialisierung“ angeprangert, erzählt Blankenhorn, der als kleiner Junge jede freie Minute genutzt hat, um den Freund seines Vater in dessen Holzhaus aufzusuchen und ihm über die künstlerische Schulter zu schauen. „Das hat mich wirklich fasziniert“, berichtet er. Die meisten Menschen hat Niethammer jedoch abgelehnt und nicht an sich herangelassen. „Er war durch den Krieg traumatisiert“, weiß Blankenhorn. Bei einem Angriff auf eine russische Stellung erlitt Niethammer einen Lungendurchschuss und wurde von den Kameraden im Durchein­ander zurückgelassen. Erst nach einer Nacht, in der Niethammer bei Minus 40 Grad schwer verletzt auf dem Boden lag und seine sämtlichen Fingerkuppen erfroren sind, wurde er geholt und ins Lazarett gebracht. Doch angesichts seines schlechten Zustands kümmerte sich dort zunächst auch niemand um ihn. Erst als er zwei weitere Tage überlebt hatte, erhielt er ärztliche Hilfe. „Er hat sich öfters mit mir und meinem Vater darüber unterhalten“, erzählt Blankenhorn. Mit diesen Erlebnissen lasse sich Niethammers Scheu vor anderen Menschen erklären. Auf der anderen Seite sei die Kunst für ihn der Weg gewesen, seine traumatischen Kriegserfahrungen zu verarbeiten.

Vielleicht konnte sich Niethammer deshalb nur sehr schwer von seinen Arbeiten trennen? „Er hat nur im Notfall ein Bild verkauft“, erinnert sich Blankenhorn – und litt unter chronischem Geldmangel. Die Rente war niedrig und wenn er ab und zu ein Pensionspferd versorgen konnte, brachte dies auch nicht viel Geld ein. Es waren sein Schulfreund Alfred Munz aus Upfingen, Lehrer in Hundersingen und später Onstmettingen, sowie die Familie Bassler aus Böblingen, die Niethammer regelmäßig unterstützten. „Außerdem war er oft bei uns zuhause“, so Blankenhorn, „hat das neueste Bild gezeigt und dann mittags mit uns gegessen oder abends gevespert“. Er könne seine Bilder nicht verkaufen, die seien wie Kinder für ihn, habe Niethammer immer gesagt. Im Dorf galt er angesichts seiner Lebensweise als Sonderling. Nach der 1955 geborenen Tochter Agnes kam ein Jahr später sein Sohn Friedrich zur Welt. Seine Frau Eva-Maria lebte anfangs mit ihm im Tiefentäle, doch es zeigte sich, dass die einfachen Verhältnisse eine Familie mit Kindern überforderten. So zog sie mit den Kleinen nach Strohweiler und unterrichtete dort. Viele Jahre lebte sie dann in Kirchheim, bevor sie 1990 nach Gächingen zog. „In den Ferien waren Agnes und Friedrich aber immer da“, so der heute 68-jährige Blankenhorn.

Niethammer war nicht nur ein herausragender Künstler sondern auch ein genauer Beobachter des Zeitgeschehens. Seine Werke entstanden in Öl, Tempera und Kohle und er schuf eine Vielzahl von Federzeichnungen. „Er hat etwas gesehen und es später aus der Erinnerung heraus gemalt“, so Blankenhorn. Zudem verfasste er Gedichte und Erzählungen. Zusammen mit seinem Freund Alfred Munz hat Niethammer einen Jahresbildband mit Federzeichnungen und Aquarellbildern auf den Weg gebracht – den Munz allerdings erst zwölf Jahre nach Niethammers Tod fertigstellen konnte. Das Buch „Wandlung und Widerkehr – Ein Jahreslauf“ erschien 2013 im Wiedemann Verlag in Münsingen.

Niethammer im Albmaler Museum


Die Ausstellung mit Werken von Eduard Niethammer ist vom 30. November bis 29. April zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr.