Die Wüstenexpedition wird vorbereitet. Rund 10 000 Mann mit ebenso vielen Kamelen und Pferden ziehen los. "Alles geht so lautlos in dem Sande vor sich, dass man glaubt, Gespenster ziehen ihre Straße. Nur ab und zu hört man das Klappern einer schlecht verschnürten Last, das Schnauben eines Pferdes oder den monotonen Gesang eines Kameltreibers." Die Nächte sind kalt, tagsüber brennt die Sonne. Viele sterben an Hitzschlag "oder bleiben eben liegen, ohne dass sich ein Mensch weiter darum kümmert". Ein großes Problem ist das salzige Wasser, das Bückle als "die reinste Jauche" bezeichnet. Feindliche Flieger erschweren den Zugang, einige Brunnen wurden von Engländern zugeschüttet. Ein uralter Beduinenbrunnen ist noch offen, auf ihn stürzen sich alle.

"Jegliche Disziplin und Ordnung bei der türkischen Infanterie hörte vollständig auf. Wer schon einmal gesehen hat, wie sich eine durstige Schafherde ohne Rücksicht auf den Schäfer auf das Wasser stürzt, der kann sich einen schwachen Begriff von diesem Bild machen. Es war gerade, als hätte man einen Haufen Irrsinnige aufeinander losgelassen..." Es entsteht ein regelrechter Kampf. Am Ende ergattert Bückle drei Fässchen und tritt den Rückzug an. Es kann aber nur für die Pferde verwendet werden. Zum Glück werden sie von Beduinen an eine Wasserstelle geführt, die eine Stunde entfernt liegt. Plötzlich erscheint ein englischer Flieger. Sofort wird das Feuer eröffnet. "Für meine Kameltreiber war das kein kleiner Schrecken, die meisten hatten so einen großen Vogel noch nie gesehen und versteckten sich im Sande oder rissen aus. Ich hatte meine liebe Not bis ich sie mit Hilfe eines Knüppels alle wieder beieinander hatte."

Gut 25 Kilometer sind es bis zur Wasserstelle Magebre, sie brauchen zwölf Stunden. "Ich glaube, von der türkischen Infanterie ist mindestens ein Drittel unterwegs liegen geblieben." Viele Nachzügler kommen noch halb verhungert und halb verdurstet an, wieder sind die Brunnen zugeschüttet und müssen erst wieder hergestellt werden. Ludwig Bückle muss nach Bir-el-Abd zum Proviantempfang. Der deutsche Depotführer verlangt, dass sie mit Wein und Zigarren nicht sparen sollten, wenn sie Rationen bekommen wollen. Auf dem Rückweg schenken sie Beduinen Zwieback. "Wir warfen einige Säckchen voll in einem weiten Bogen im Kreis herum, um uns an den Balgereien der Kinder zu freuen." Im Lager besucht worden sei Fritz Frank, ein schwäbischer Kolonist. "Derselbe ist schon seit Kriegsbeginn bei den Beduinenstämmen und macht Kundschafterdienste. Er ist auch von einem Beduinen nicht zu unterscheiden und hat eine ganz gefährliche Aufgabe." Beim nächsten Proviantempfang kommt es zu einem Zwischenfall. Englische Flieger werfen Bomben ab. Drei Männer sterben, etliche sind schwer verwundet. Eintrag am 27. Juli 1916: "Leider musste ich beim Zurückkommen erfahren, dass an der Wasserstelle Cholera ausgebrochen war und dass unser bester Mann in der Kompanie, ein Schütze namens Claß aus Stettin gebürtig, dieser Seuche schon zum Opfer gefallen ist. Heute Mittag haben wir ihn auf einer Sanddüne begraben mit drei Ehrensalven." Das ganze Lager wird sechs Kilometer vorverlegt.

Der Proviantmeister lässt sie später nicht mehr in seine Nähe kommen. Das mitgebrachte Wasser leert er aus. "Dafür war er in der Abgabe von Schnaps und Wein absolut nicht kleinlich. Von der Kompanie wurde ich mit Sehnsucht erwartet; die mitgebrachten Getränke wurden sofort ausgegeben und jeder widmete sich zunächst dem stillen Suff, denn inzwischen waren in der Kompanie weitere acht Türken an Cholera gestorben. Das waren recht traurige Aussichten für uns."

Nachts pirschen sie sich an einen von Engländern besetzten Palmenhain heran. Ohne entdeckt zu werden. "Englische Flieger besuchen uns auf allen Lagerstellen der letzten Tage und warfen auch Bomben, aber bis jetzt ohne Erfolg. Die Dinger haben in dem weichen Sand keine große Wirkung und dazu schmeißen sie fast immer daneben." Ein Aufmarsch wird geplant, Bückle muss den Proviant sichern. "Ich komme bald nicht mehr aus dem Sattel, während die anderen auf der Bärenhaut liegen."

3. August 1916: Kurz nach Mitternacht wird Bückle aufgeweckt. Ein Kamel ist in einen Brunnen gefallen, die Öffnung misst nur eineinhalb Meter im Quadrat. Er kann es nicht fassen. "Tatsächlich sehen wir aber beim Schein einer Kerze so ein Biest ganz verdreht in dem etwa vier Meter tiefen Schacht stecken. Das Wasser war etwa eineinhalb Meter tief. Von den drei eingeteilten Posten bekam jeder zunächst seine Tracht Prügel, dann beratschlagten wir, was zu tun sei." Sie versuchen es mit Stricken. Kein Erfolg. Dann wird die Schalung auf einer Seite freigelegt. "Nur dadurch, dass wir die Stricke oben immer um einen Stamm nachziehen konnten, gelang es uns nach vieler Mühe und Not, das halb verendete Tier herauszuziehen...,. das Kamel wird ein Stück von dem Brunnen weggeschleppt. Da es keine großen Lebenszeichen mehr von sich gab, holte ich meine Pistole um das Biest vollends zu erschießen, doch wie ich zurückkomme ist das Tier inzwischen aufgestanden und wieder zum Leben gekommen."

Am nächsten Tag treten sie "in der größten Hitze" den Weitermarsch an. Ludwig Bückle legt sich mit einem Offizier in türkischer Uniform an (es handelt sich um einen Deutschen namens Moers) und greift zu seiner Pistole. Wenn der Herr noch einen Versuch unternehme, ihn vom Brunnen wegzudrängen, "dann schieße ich ihn vom Gaul herunter", droht er.

Erlebnisse, die den Nachkommen eine Lehre sein sollen

August 1914. Die Mobilmachung läuft, vier Jahre später sind 17 Millionen Menschen tot, die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" verändert die Welt. Ludwig Bückle schildert, wie er als Soldat den Krieg erlebt. Spätere Generationen, schreibt er, sollen aus dem "unsinnigen Völkermorden" eine Lehre ziehen. Sein Tagebuch veröffentlichen wir in Auszügen.

SWP