Apfelstetten Die Sprache der inneren Bilder lesen

"Das Selbstbewusstsein und Ich-Kräfte werden gestärkt": Linde von Keyserlingk, Gastgeberin der "4. Sommerakademie für Sandspieltherapie", die morgen in Apfelstetten beginnt.
"Das Selbstbewusstsein und Ich-Kräfte werden gestärkt": Linde von Keyserlingk, Gastgeberin der "4. Sommerakademie für Sandspieltherapie", die morgen in Apfelstetten beginnt. © Foto: Gudrun Grossmann
Apfelstetten / GUDRUN GROSSMANN 04.07.2014
Das "Sandspielhaus in Apfelstetten" ist ein Magnet: Für die 4. Sommerakademie sind 30 Teilnehmer angemeldet. Erwartet werden sie von einer außergewöhnlichen Gastgeberin: Linde von Keyserlingk.

Apfelstetten - . Namhafte Referenten, breit angelegte Themen und eine Umgebung, die keine Wünsche offen lässt. Keine Frage, die Sommerakademie für Sandspieltherapie in Apfelstetten ist beliebt. Insgesamt 30 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, Polen, der Schweiz und Afrika werden erwartet. Die meisten arbeiten in einem "heilenden Grundberuf", es sind Ärzte, Analytiker und Heilpraktiker oder sie absolvieren gerade eine Ausbildung zum Sandspieltherapeuten, sind dadurch schon mit ihren Lehrmeisterinnen Linde von Keyserlingk und der mitveranstaltenden Monika Heinzel-Junger, Tübingen, vertraut.

Die Sandspiel-Therapie ist ein anerkanntes tiefenpsychologisches Heilverfahren. Ein zentraler Lehr- und Lernort liegt am Dorfrand von Apfelstetten. Wie es dazu gekommen ist und was den Kern der Therapie ausmacht, beantwortet Linde von Keyserlingk im Vorfeld der Sommerakademie.

Sie sind in einem Schloss aufgewachsen und haben viele Jahre in Stuttgart gelebt und gearbeitet. Was hat Sie auf die Alb geführt?

VON KEYSERLINGK: Ich bin ein Landkind. Als mein Mann (Anmerkung: der Regisseur Hartmut Kirste) und ich pensioniert waren, wollten wir nochmals die Natur genießen. Das Haus hier haben wir durch Zufall entdeckt, es hat offenbar sechs Jahre auf uns gewartet, so lange stand es leer. Wir wussten gleich: Das ist es. Die Entfernung nach Stuttgart und damit zu meinen Klienten, war nicht zu groß. Der Raum im Erdgeschoss bot sich für die Therapie an und ist einmalig schön. Von drei Seiten schaut der Garten herein. So ist das: Man findet was und macht was draus. Es hat sich alles wunderbar entwickelt.

Und wie klappt es mit den Älblern?

VON KEYSERLINGK: Wir sind vielleicht anders, bunte Vögel. Aber wir sind nicht abgeschottet, wir fühlen uns hier nicht mehr fremd, sondern gut aufgenommen und zuhause. Die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit. Das ist sehr angenehm, wenn man kein Fremdkörper bleibt. Diese unglaubliche Ruhe hier ist sehr schön, dadurch, dass viele Besucher kommen, wird es auch nicht zu einsam. Es ist irgendwie zauberhaft.

Das finden auch die bisherigen Teilnehmer der Sommerakademie, die nicht selten privat auf die Alb zurückkehren. Was macht den Reiz aus?

VON KEYSERLINGK: Die Teilnehmer sehen das Sandspielhaus als Gesamtkunstwerk. Sie genießen die schöne, liebliche Umgebung, den herrlichen Ausblick, einfach das besondere Flair. Auch die zukünftigen Sandspieltherapeuten, die sich hier ausbilden lassen, schätzen das Haus, Garten und Umgebung, die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und die Weite zu genießen.

Wie und von wem wurde das Sandspiel entwickelt?

VON KEYSERLINGK: Begonnen hat es mit dem "Weltspiel" der Londoner Ärztin Margret Lowenfeld, die in ihrer Kinderklinik bemerkte, dass die Kinder etwas anregendes brauchten - einen Sandkasten, Wasser, Figuren. Im stillen Spiel zeigten sie so den Erwachsenen ihre innerlichen Befindlichkeiten. So wurde das "Weltspiel" zur Brücke zwischen ihrem inneren "Seelengarten" hin zum Verständnis der Erwachsenen.

Und dann wurde die Wissenschaft darauf aufmerksam.

VON KEYSERLINGK: Ja, Donald Winnicott, Charlotte Bühler, Erik Erikson, es gab eine umfassende Wirkungsforschung. C .G. Jung bat seine Schülerin Dora Kalff die Therapiemethode zu erlernen und für die Kinderanalyse nutzbar zu machen. Sie entwickelte das sogenannte Sandspiel, indem sie es mit der Tiefenpsychologie C. G. Jungs, der Weisheit der Weltreligionen und auch mit der Symbolik von Mythen und Märchen verband. Jeder Mensch hat ein tiefes Bedürfnis nach Religiosität oder Spiritualität und das, so sagt sie, zeigt sich auch in den Sandbildern.

Wie entstehen eigentlich die inneren Bilder und was bewirken sie?

VON KEYSERLINGK: Was so leicht und spielerisch aussieht, hat eine erstaunliche Tiefenwirkung. Nach C. G. Jung gibt es ein persönliches und kollektives Unbewusstes. Dadurch sind alle Menschen und alle Zeiten miteinander verbunden. Das Sandspiel ist wie die Kunst ein projektives Verfahren. Ich baue ein Sandbild und drücke so etwas aus, was ich mit Worten nicht erzählen kann. So teile ich es dem Therapeuten mit und mache es zugleich mir selbst bewusst. Es ist für jedermann leicht, ein Sandbild zu machen. Wir erinnern uns der Vergangenheit in Bildern, wir stellen uns die Zukunft in Bildern vor. Wir denken in Bildern. Und wie hat schon Erhart Kästner in "Das Zeltbuch von Tumilat" geschrieben: Was ist der Mensch? Ein Träger von Bildern. Die Seele ernährt sich von Bildern.

Welche Rolle spielt der Therapeut dabei?

VON KEYSERLINGK: Er behütet das Ganze und macht es dadurch wahr und wirklich. Er ist Zeuge des Geschehens. Therapeuten lernen in der Ausbildung viel über die Bedeutung von Symbolen. Sie lernen nichts in die Bilder hineinzudeuten, sie lernen sie zu lesen, so wie man Hieroglyphen liest. Das ist wichtig.

Dora Kalff sprach vom freien und geschützten Raum. Wie geht das zusammen?

VON KEYSERLINGK: Ich sage, ist der Raum geschützt, fühlt der Klient sich frei, seine inneren Bilder zu zeigen, denn er kann sich so geben, wie er ist. Vertrauen und eine gute Beziehung zum Therapeuten ist Voraussetzung, sonst geht es nicht. Die Chemie muss stimmen.

Durch die innerlichen Prozesse werden also Verbindungen zur äußeren Lebenssituation geschaffen.

VON KEYSERLINGK: Dass man sich traut, sich auszudrücken, das ist doch ganz enorm. Wenn ich mein Innerstes darstellen kann und der Andere ist ein liebevoller Zeuge, der mich versteht, dann fühle ich mich richtig. Es wird ein Prozess durchgemacht, in dem sich alles allmählich ändert.

Und das ohne konkrete Ratschläge wie beispielsweise in der Verhaltenstherapie.

VON KEYSERLINGK: Ja, es gibt keine Interaktion. Das Sandspiel wirkt intrapsychisch, es geht um die Seele des Klienten, seine Identität, um seine Selbstheilungskräfte. Ich nehme ihn aber an die Hand und gehe eine Weile mit ihm durch den dunklen Wald seiner Seele.

Um Positives zu entdecken?

VON KEYSERLINGK: Ja, aus einer Leidensgeschichte wird eine Heldengeschichte.

Wo sind die Ressourcen, wie können sie eingesetzt werden?

VON KEYSERLINGK: Man stärkt das Selbstbewusstsein und die Ich-Kräfte. Jedes Bild ist ein Kunstwerk auch das Schreckliche. Das ist wie in der Malerei. Ein wichtiger Aspekt ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar auch die des Kindes und des Kranken. Der Klient bestimmt selbst über sich. Wenn man sich innen gut fühlt, kann man sich außen ganz anders verhalten. Das ist der Prozess. Die Verwandlung, sie ist ein bisschen wie die Verwandlung im Märchen.

Sie sind seit vielen Jahren auch schriftstellerisch tätig. Mit großem Erfolg. Ihr Buch "Sie nannten sie Wolfskinder" und der Folgeband "Die Rettung der Wolfskinder" sind vielbeachtete Jugendromane, ihre "Geschichten für die Kinderseele" sind ein Klassiker. Mehr als 30 Titel sind bisher erschienen. Wie sehen Ihre Pläne aus?

VON KEYSERLINGK: Ich bin viel unterwegs gewesen. In Lettland gibt es nun eine große Sandspielgemeinde, die sich nach Litauen und Russland ausdehnt. In Polen habe ich mit einer Ärztin das erste Buch über Sandspiel-Therapie in der Landessprache herausgebracht, es ist in jeder Bibliothek dort zu finden. Jetzt reise ich nicht mehr. In Zukunft könnte mein Geist wieder mehr reisen. Ich würde gerne über das "Sandspielhaus in Apfelstetten" schreiben, verbunden mit der Botschaft der friedlichen Verständigung und Versöhnung. Auch habe ich Lust, wieder für Kinder zu arbeiten, ein Bilderbuch zu gestalten, eins wie "Matthis und der Troststein". Ebenso gibt es die Idee, über mein Leben zu reflektieren.

In Form einer Biographie?

VON KEYSERLINGK: Nein, ich denke mehr daran, wie man die Welt sieht, wenn man älter ist, wie sich die Wahrnehmung mit den Jahren verändert. Eine neue Dimension.

- Info Im Rahmen der "4. Sommerakademie für Sandspieltherapie (sie geht bis 9. Juli) findet am Sonntag, 6. Juli, ein Konzertvortrag in der Münsinger Zehntscheuer statt. Der Berliner Musiker und Therapeut Dr. Jörg Rasche spielt "Waldszenen op.82" von Robert Schumann und spricht über ". . . ein Bild für Wandel und Verwandlung". Beginn ist um 19.30 Uhr. Erwachsene zahlen 10 Euro Eintritt, Jugendliche 2 Euro.

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