Mägerkingen - Als Rashad Yahia und sein Vater Mohammed in Ägypten an Bord eines Bootes gehen, wissen sie nicht wohin die gefährliche Reise führt. Über Italien kommen sie nach Deutschland, in die Erstaufnahmestelle nach Karlsruhe. Dort erfahren die Syrier, wo sie untergebracht werden - in Mägerkingen. Wo ist das? Sie googeln den Ort und sind nicht wenig entsetzt: Das Ende der Welt. Inzwischen haben sie die positive Erfahrung gemacht, dass die Menschen in der kleinen Albgemeinde weltoffener und fortschrittlicher sind, als viele andere Deutsche, die vielleicht in Großstädten leben und sich gerade von den Organisatoren einer fremdenfeindlichen Bewegung aufhetzen und blenden lassen. Die Mägerkinger haben geschaut, wer zu ihnen kommt, sie haben sich Lebensgeschichten erzählen lassen, haben Anteil genommen an schweren Schicksalen - und gehandelt. Ganz im Sinne einer Willkommenskultur, die soziale Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander miteinbezieht.

Die Trochtelfinger Teilgemeinde mit seinen 1200 Einwohnern war aus diesem Grund ein gut gewählter Ort für das neue Gesprächsformat "Visionen Raum geben". Das gemeinsame Projekt von Kirche und Landkreis "soll Entscheidungsträgern im Land dazu dienen, sich über Erfahrungen und Erwartungen aus erster Hand zu informieren und mit allen Beteiligten ins Gespräch zu kommen". Zum Auftakt konnten gestern Landrat Thomas Reumann und Lothar Heissel, erster Vorsitzender der Bezirkssynode, Pfarrer Martin Rose und Ortsvorsteher Martin Herrmann aus Mägerkingen, Bürgermeister Friedrich Bisinger, Trochtelfingen, und die Abgeordneten Beate Müller-Gemmeke und Andreas Glück die Stuttgarter Integrationsministerin Bilkay Öney in einer großen Runde begrüßen. Am "runden Tisch" in der Kirche nahmen weitere Vertreter der Kirchen, der Schulen, Kommunalpolitiker und vor allem Ehrenamtliche und Asylbewerber Platz. Bevor musikalisch (Oboentrio der Musikschule Burladingen) das vielstimmige Gespräch eröffnet wurde, schaute sich Bilkay Öney "das Mestri" an, das Haus, in dem zurzeit 27 Asylbewerber aus Bosnien, Mazedonien und Serbien leben. Eine syrische Familie ist vor kurzem ausgezogen. Mensud Hrvic, seine Frau Merisa und die Kinder Ervin und Maida freuen sich über den ungewöhnlichen Besuch. Der gelernte Logopäde beeindruckt mit seinen Deutschkenntnissen ("Wir lernen zuhause jeden Tag"). Er würde lieber heute als morgen arbeiten, hat auch schon die Zusage einer Firma in der Tasche, aber bis jetzt keine Erlaubnis bekommen.

Gabriele Zaia, Vorsitzende des Kirchengemeinderats, erzählt von ersten Begegnungen, Bürgermeister Bisinger verweist auf die vielen "stillen" Helfer, darauf, dass Asylbewerber in Trochtelfingen mit offenen Armen aufgenommen werden, eine Nachbarin ("Sie nennen mich Oma"), schildert herzerfrischend wie es einmal zur "Notaufnahme" in ihrer Wohnung gekommen ist, Pfarrer Martin Rose berichtet "vom alltäglichen Umgang", klammert dabei Probleme nicht aus: Flüchtlinge seien auf günstige Fahrscheine für den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, die Verhandlungen verliefen jedoch erfolglos, die Werdenbergschule werde nicht ausreichend unterstützt, Asylbewerber dürften die Kreisgrenzen nicht verlassen ("da brauchen wir dringend etwas durchlässigere Regelungen"). Hervorragend sei die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Landratsamts. Aktuelle Zahlen lieferte Amtsleiter Dr. Hendrik Bednarz. So wurden vergangenes Jahr 678 Flüchtlinge im Kreis aufgenommen, 920 Plätze stehen zur Verfügung, 835 sind momentan belegt. In Baden Württemberg wurden letztes Jahr 26 000 Neuankömmlinge gezählt. "Diese Zahl hat sich dynamisch entwickelt", sagt Bilay Öney. Nicht überall gebe es eine solche Unterstützung. Humanität, Nächstenliebe, Engagement für Flüchtlinge, das seien auch schwäbische Tugenden. Die Verbesserungen durch das neue Flüchtlingsaufnahmegesetz, die Möglichkeiten der Kommunen durch ein Bauförderprogramm ("die Anträge können jetzt gestellt werden") griff sie ebenso auf wie den Wunsch nach beschleunigten Verfahren. Angestrebt werde außerdem, dass der Schlüssel für Sozialarbeiter (bisher 1:500) auf einhundert "heruntergebrochen" wird. Ein gutes Stichwort für Landrat Thomas Reumann, "denn das haben wir schon gemacht". Dieses "Ja zur sozialen Teilhabe" habe immer auch mit Ressourcen zu tun, mit Menschen, die sich einsetzen. Die vielen Fragen könnten allein durch das Asylrecht nicht beantwortet werden. "Wir brauchen dringend ein rechtliches Instrumentarium," fordert Reumann. Ob das nun als Zuwanderungsgesetz oder anders bezeichnet werde, sei zweitrangig.