Engstingen / GUDRUN GROSSMANN  Uhr
Wer bei der Sozialstation St. Martin einen Pflegefall anmelden möchte, erhält eine klare Ansage: Es können keine weiteren Patienten mehr versorgt werden. Der ambulante Dienst ist selbst ein Notfall.

Für Melanie Mollitor-Volk ist die kürzlich vorgestellte Studie über Stress am Arbeitsplatz und zunehmende psychische Erkrankungen alles andere als neu. Die Geschäftsführerin der Engstinger Sozialstation St. Martin erlebt tagtäglich, wie extrem sich enormer Leistungsdruck und permanente Überbelastung auswirken. Als Betriebswirtin ist sie für die Bilanzen zuständig. Als Chefin trägt sie die Verantwortung für rund 40 examinierte Pflegefachkräfte und Pflegehelferinnen.

Und für diese schlägt sie Alarm. "Viele sind schon krank. Diejenigen, die da sind, müssen das auffangen und arbeiten am Limit. Es ist mehr als ausgereizt." Rollt jetzt noch die Grippewelle an, droht der Kollaps. Alle Versuche, neue Leute zu gewinnen, seien bisher fehlgeschlagen. Anzeigen blieben ohne Resonanz, eine ausgeschriebene Ausbildungsstelle ist nach wie vor vakant. Das ist auch deshalb schade, weil eigens eine Mitarbeiterin sich dafür fortbilden ließ.

Kirchenpfleger Hans Raach pflichtet ihr bei: "Sie verwaltet den Personalmangel." Könnten drei Stellen besetzt werden, sehe es schon besser aus. Der Pflegenotstand sei im ländlichen Raum angekommen. Ein weiterer Punkt ist die Finanzierung. "Die Entgelte für die Pflegeleistung decken nicht mehr die Kosten."

Der Beruf hat ein schlechtes Image. Es werde viel verlangt, wenig bezahlt. Melanie Mollitor-Volk macht den Missstand nicht unbedingt am Gehalt fest. "Das ist nicht die Stellschraube." Examinierte Fachkräfte und Frauen, die eine einjährige Ausbildung in der Altenpflege erfolgreich abgeschlossen haben, würden tarifgebundene Verträge erhalten. Sie hakt an einer anderen Stelle nach. Ihrer Meinung nach ist das Desinteresse auf die generell schlechten Rahmenbedingungen zurückzuführen. In kürzerer Zeit muss immer mehr geleistet werden.

Die Patienten benötigen die Dienste der Sozialstation vor allem am frühen Morgen. Es konzentriert sich auf die Stunden von sieben bis zehn Uhr. Die Touren sind knapp berechnet, zusätzliche Handgriffe sind nicht möglich. "Früher war die Pflege Berufung, heute ist es ein Job." Einen entscheidenden Unterschied aber gibt es immer noch. Viele Patienten drücken ihre Wertschätzung aus und sind dankbar für die Unterstützung. Auch Familienangehörige loben die Arbeit. Das trägt ein Stück weit. Abstriche an der Qualität sind für die empörte Engstingerin undenkbar. "Wir wollen die ordentliche Pflege, es gibt nur diesen einen sauberen Weg." Auch ist es ihr zu einfach, wenn allgemein auf die Gesellschaft gescholten wird. Die Ausgrenzung von Tod und Krankheit hat aber Folgen. Es fehlt an der Vorsorge fürs Alter. Familienstrukturen lösen sich auf, die Nachbarschaftshilfe lässt nach. Insgesamt handle es sich um viele Baustellen gleichzeitig. Alle sind gefordert: Die Politik, die Kirchen, jeder Einzelne.

Es wird viel debattiert. Melanie Mollitor-Volk verfolgt das. Wenn hinterfragt wird, was eine 400-Euro-Kraft an Sozialabgaben zahlt, wie es um die in der Werbung immer so agil dargestellte Generation 60plus in Wirklichkeit steht, was passiert, wenn dieser Anteil an der Bevölkerung immer größer wird . . . Nur für sie ist das nicht abstrakt. Anders als bei manchem Gast in einer Talkshow ist sie direkt mit den Auswirkungen konfrontiert. Wie wird es in Zukunft weitergehen? Was geschieht, wenn Menschen in der Zeit zwischen Hinfälligkeit und Tod allein gelassen werden? Verwandte sind nicht da, die Heime sind voll, das Personal für die ambulante Pflege fehlt, für die Kosten kann der Sozialstaat nicht mehr aufkommen.

Schon jetzt sieht sie sich als Managerin des Notstands. Seit Mitte Dezember können keine weiteren Klienten mehr angenommen werden. Die Absagen werden zum Teil nur schwer akzeptiert. Und treffen nicht nur die Kranken und ihre Angehörigen. Ihr und ihren Mitarbeiterinnen tut es leid, wenn sie nicht helfen können. Auch ist nicht dort alles in Ordnung, wo die Pflegekräfte hinkommen. Sie wissen von alten Menschen, die krank, einsam, unterversorgt sind und in ihrer Bescheidenheit lieber leiden, als aufzubegehren. "Diese Menschen haben keine Lobby", sagt Melanie Mollitor-Volk. Das Versorgungsnetz ist brüchig geworden. Das Bild vom Mehrgenerationenhaus, in dem die Großeltern inmitten ihrer Lieben gut aufgehoben sind, existiert immer seltener. Die Aussage einer Ärztin bei einer Podiumsdiskussion unterstreicht die Engstingerin: Eltern haben ihre Kinder aufgezogen, umgekehrt schaffen es die Kinder oft nicht, für die Eltern zu sorgen.

Die Engstinger Sozialstation wurde vor mehr als 30 Jahren von Ordensschwestern gegründet. Träger ist die Katholische Kirche. Momentan werden 240 Klienten in einem Gebiet versorgt, das bis Zwiefalten, Hayingen, Pfronstetten, Sonnenbühl und Trochtelfingen reicht. Lange Wege erschweren die Arbeit zusätzlich. Wer hilft den Helfern, wenn diese an Ihre Grenzen kommen? "Es ist ein Spagat", sagt die Geschäftsführerin. Die Pflegedienstleistung muss optimal sein, gleichzeitig dürfen die Kräfte nicht aufgerieben werden. "Ich muss meine Frauen schützen." Melanie Mollitor-Volk nimmt diese Verantwortung sehr ernst. Nicht zur Sprache kommt die Belastung für sie selbst. Aber sie ist deutlich zu spüren.

Info Die Sozialstation Engstingen sucht dringend Pflegekräfte. Auf Wünsche, zum Beispiel in Bezug auf Arbeitszeiten und Kinderbetreuung, wird Rücksicht genommen. Infos unter www.sozialstation-engstingen.de und Telefon: 0 71 29/93 27 72.