Raus mit dem Gole heißt es in Riedlingen am Mittwoch vor dem glombigen Donnschtig und damit beginnt die heiße Phase der Fasnet, die ihre Krönung am Dienstag, 13. Februar, mit dem Froschkutteln-Essen und dem Abrutschen der Männer vom Rathaus hat. Unter ihnen ist seit mehr als vier Jahrzehnten Winfried Kretschmann. Auch das höchste Amt im Ländle hält ihn davon nicht ab. Meistens zieht der 2009 zum Riedlinger Mohr Gewaschene sogar am Nachmittag ab 14 Uhr mit dem Gole und seiner närrischen Begleitung durch die Gassen der mittelalterlichen Altstadt und freut sich, „alte“ Bekannte aus seiner Schulzeit in der Donaustadt zu treffen und der Fasnet sowieso. Welch hohen Stellenwert sie bei dem Ministerpräsidenten besitzt, wurde bei seiner Auszeichnung des Ordens „wider den tierischen Ernst“ in Aachen deutlich, trug er dort doch voller Stolz den Froschkuttel-Orden, wofür man, so seine humorige Aussage, nicht mehr tun müsse, als 25 Mal mit dabei gewesen zu sein.

Das zweite Mal mit von der Rutschpartie gegen 11.15 Uhr wird in diesem Jahr Regierungspräsident KlausTappeser sein. Weit häufiger schon hat der einstige ranghöchste Offizier der Bundeswehr, General a.D. Wolfgang Schneiderhan, Froschkutteln im Riedlinger Rathaus genossen, das an diesem Tag zur Narrhalla wird. Wie all die anderen mehr oder minder prominenten Männer ist der Befehlsinhaber von einst an diesem Tag ein Befehlsempfänger, wenn die „Weiber von der Stadt“ nach ihrem Froschkutteln-Essen im Sportheim ohne Pardon auffordern „Rutschet ronter, rutschet ronter, rutschet ra, ra, ra“ und hämisch hinzufügen, „mol gucka, wer noch laufa ka“, wird den Herren der Schöpfung doch mindestens ein Schoppen Wein zu den Innereien serviert.

Der Gang der Maskenträger und „Froschkuttla-Fresser“, zu denen auch Sparkassenverbandspräsident Peter Schneider und Alt-Landrat Dr. Wilfried Steuer zählen, führt in Begleitung der „Weiber von der Stadt“ um den Stock herum zum „Kreuz“ und dort unter dem Spalier der Frauen mit den weißen Häubchen und Nachthemden durch. Egal, ob schlichter Narr oder hoher Politiker, alle müssen in die Knie.

Besondere Aufmerksamkeit gilt in diesem Jahr zwei Masken, der Gelbsucht und den Löwen, gehören sie doch genau seit 200 Jahren zur Riedlinger Fasnet. Anton Hierlinger, ein lediger Metzger und Wirt soll die Maske mit dem asiatischen Einschlag aus Bad Waldsee in die Donaustadt gebracht haben. Die Maske ist geprägt von starken Backenknochen, einer niederen Stirn und einem schwarzen Bart. Bekleidet ist die Gelbsucht mit einem gelb-braunen Waffenrock mit Gürtel, einer gleichfarbigen Hose sowie schwarzen Schaftstiefeln. Die Gelbsucht gehört zu der Gruppe der Gole.

Auch einen Löwenkopf führte Hierlinger vor 200 Jahren in Riedlingen ein. Nach der „Mohrenwäsche“, als Riedlinger Waschfrauen vergeblich versuchten, einen Schwarzen weiß zu waschen, entstand um 1885 die Gruppe um den Mohren, dem heute vier Löwen zugeteilt sind, zwei davon führt er an der Kette. Ihr Anzug ist aus beigefarbigem Plüsch gefertigt. Die Köpfe der Löwen sind mit bartartigen, hellen oder schwarzen Fransen besetzt, welche die Maskenhaube bilden. Die „Mohrenwäsche“ hat übrigens 2005 zu einer weiteren Gruppe geführt, jene der Waschweiber mit dem Laufmohren, zu dem eine sorgsam verschnürte Mohrenlarve führte, deren Träger man bei Recherchen auf Fotos im Fasnetszug im Jahr 1938 erkannte.

Die Waschweiber sind die Hauptakteure bei der Mohrenwäsche am Mittwoch nach der Befreiung der Masken aus dem Goleheim. Als größtes Geheimnis gewertet wird jedes Jahr, wer zum Mohren gewaschen wird, es muss jemand sein, der sich um die Riedlinger Fasnet verdient gemacht hat, wie neben Kretschmann zum Beispiel Rolf Baader von Zwiefalter Klosterbräu.

Ihre Kreativität ausleben können die Riedlinger Fasnachter bei  den Bällen, dem Narrenball am „Glombigen“ und dem Zunftball, der am Fasnets-Sonntag, 11. Februar, mit identischem Programm folgt. Beide finden in der Stadthalle statt und beginnen um 20 Uhr. Der Einzug der Masken zu Beginn ist immer ein bewegender Moment. Mit Pep dabei sind das Gole-Ballett, das heuer an einen Palmen-Strand einlädt, und das Männer-Ballett, das Mary Poppins in die Donaustadt einschweben lässt. Gabi Seifried bringt als Büttenrednerin auf den Punkt, was in und um Riedlingen geschieht oder auch nicht. Teuflisch gut ist sie und lässt sich bei ihrem Auftritt auch von kleinen Teufelchen begleiten, „Weibern von der Stadt“, die „Wahnsinn“ intonieren. Die Waschweiber schenken Einblick in ihren „Stammtisch“, der Fanfarenzug überrascht mit einem Casting von Supertalenten und der Narrenrat mit seinen Vorschlägen für das Stadthallen-Areal. Punkten kann die Narrenzunft Gole seit Jahren mit ihren Ansagern. Christoph Selg und Frank Steinhart bilden ein geniales Team und führen mit witzigen und hintersinnigen Sketchen von Programmpunkt zu Programmpunkt.

Der Turn- und Sport-Verein und hier insbesondere Claudia Brendler kümmert sich seit vielen Jahren um den Narrensamen. In diesem Jahr lädt er noch am Fasnetssonntag, 11. Februar, 15 Uhr, in der Stadthalle in die Zirkus-Manege.

200


Jahre alt sind die Masken der Gelbsucht und des Löwen in der Riedlinger Narrenzunft Gole. Der Metzgermeister Anton Hierlinger hatte sie aus Bad Waldsee in die Donaustadt gebracht.