Hayingen Der Bürgermeister geht von Bord

© Foto: Reiner Frenz
Hayingen / REINER FRENZ 12.05.2015
Es wird eine Punktlandung: Am Mittwoch räumt Hayingens Bürgermeister Robert Riehle sein Büro, wird abends offiziell verabschiedet. Nach genau 40 Jahren im Amt. Es endet wahrhaftig eine Ära.

Der Sinnspruch in der Einladung zur Verabschiedung von Hayingens Bürgermeister Robert Riehle hätte nicht treffender gewählt sein können: „Wähle einen Beruf, den du liebst und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten“. Das hatte Konfuzius einst gesagt, es hätte aber genauso gut von Riehle selbst stammen können, der seinen Beruf nie als Job wie jeden anderen aufgefasst hat, für den dieser Berufung und Erfüllung zugleich war.

40 Jahre Bürgermeister der Stadt Hayingen. Das mutet rekordverdächtig an und ist ganz sicher auch eine der längsten Schultes-Amtszeiten im Ländle. Seit geraumer Zeit ist Robert Riehle der dienstälteste Bürgermeister im Landkreis, einer der sein Amt kurze Zeit nach Kreis- und Gemeindereform angetreten hat, als Hayingen noch im „Dornröschenschlaf“ lag, wie er es selbst formuliert.

Blicken wir zurück: Am 14. Mai 1975 übernahm Robert Riehle als Nachfolger von Paul Burger das Ruder im kleinen Albstädtchen. Dabei hatte es vor der Wahl vor 40 Jahren gar nicht nach einem Triumph Riehles ausgesehen. Fünf Kandidaten hatten sich um Burgers Nachfolge beworben, Riehle lag nach dem ersten Wahlgang an dritter Stelle. Er war ledig und evangelisch, alles keine guten Vorzeichen – und doch setzte er sich überraschend im zweiten Wahlgang durch.

Der gebürtige Reutlinger hatte seine ersten Verwaltungserfahrungen in seinem Wohnort Unterhausen gemacht, ehe er die Verwaltungsschule in Haigerloch absolvierte, danach im Münsinger Landratsamt für Baurecht zuständig war. Nach der Kreisreform wechselte Riehle nach Zwiefalten, wurde bei Bürgermeister Karl Ragg Kämmerer. Alles Stationen auf einem steilen Weg nach oben. Als Riehle schließlich 1975 Bürgermeister in Hayingen wurde, war er erst 27 Jahre alt.

Entsprechend tatkräftig packte der junge Bürgermeister damals an, in einer Zeit, in der es auch noch Spielräume gab, als man aufbauen und gestalten konnte. Sein Credo nach dem Amtsantritt lautete: „Von innen nach außen“, so Riehle. Will sagen: Zuerst kam Hayingen dran, dann die Stadtteile.

Eine Politik, die in der Rückschau betrachtet Sinn machte, ihm in der damaligen Gegenwart aber durchaus Gegner bescherte, vor allem in den Stadtteilen: „Die haben sich vernachlässigt gefühlt, deshalb bin ich bei den Wahlen abgestraft worden“, weiß Robert Riehle. Vor allem im Jahr 1991 musste er büßen. Gerade mal 57 Prozent stimmten bei der zweiten Wiederwahl für Riehle, kein berauschender Wert für einen Amtsinhaber. Aber er hatte die Wahl nach einem turbulenten Wahlkampf – sogar Remstal-Rebell Helmut Palmer hatte zunächst kandidiert – gewonnen und sollte nun auch daran gehen, die Wünsche in den Stadtteilen zu erfüllen: Haus der Lilie, Ortsdurchfahrt, Flurbereinigung und Baugebiet in Ehestetten, Rubin in Tal in Anhausen/Indelhausen, Bürgerhaus und Flurbereinigung in Münzdorf.

1999 votierten wieder 72 Prozent der Hayinger für ihren Schultes und das bei einer Rekordwahlbeteiligung von 85 Prozent und einem Gegenkandidaten aus dem Bodenseeraum. Dass die Hayinger, auch die aus den Stadtteilen ihren Frieden mit dem Bürgermeister gemacht hatten, verdeutlichten die Zahlen des Jahres 2007, als Riehle zum immerhin fünften Mal gewählt wurde. 94,5 Prozent stimmten für ihn, ein Traumergebnis, dazu eine Traumwahlbeteiligung von 66 Prozent. Was einen guten Bürgermeister ausmache, sei die Tatsache, dass er über lange Zeiträume denke und Riehles Visionen hätten zum Ziel geführt, sagte damals am Wahlabend Schultes-Stellvertreter Dr. Christian Kübler.

Wenn man die 40 Jahre Revue passieren lässt, fällt auf, dass Riehles besonderes Geschick darin gelegen hatte, einen Riecher für Fördertöpfe zu haben, die die Finanzierung der angestrebten Projekte erst ermöglichten. Dafür gibt es viele Beispiele, angefangen von der solaren Klärschlammtrocknung in Anhausen bis hin zum Um- und Neubau des Feuerwehrgerätehauses, bei dem freilich etwas Geduld vonnöten war, bis die Gelder sprudelten.

„Viele Dinge brauchen ihre Zeit. Man muss nur lange genug warten können“, weiß Riehle. Ein langer Atem sei notwendig, wenn die Leute dann meckern würden, weil ihnen die Dinge nicht schnell genug gingen, müsse man das aushalten können.

Früh hat Robert Riehle erkannt, dass für sein Städtchen der Tourismus ein ganz wichtiges Standbein werden muss. Sieben Jahre nach seinem Amtsantritt wurde die Stadt zum Erholungsort, vier Jahre später gab es das in der Werbung enorm wichtige Prädikat Luftkurort, das sich die Stadt immer wieder verdienen muss und dies immer wieder auch geschafft hat. Meilenstein in Sachen Tourismus war der Bau des Lauterdörfles, mit dem 1980 begonnen wurde. Drei Jahre zuvor war der Fremdenverkehrsverein gegründet worden. 22 Jahre lang war Riehle dessen Vorsitzender, wurde nicht zuletzt wegen seiner großen Verdienste um den Tourismus in der Stadt jüngst zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Außerdem hat die Stadt ein Verkehrsamt, in dem Urlauber beraten werden. Ins ganze touristische Konzept passt, dass die Altstadt prächtig aufgepäppelt wurde, zuletzt durch die Neugestaltung des Karlsplatzes und durch gelungene Informationstafeln, dass zudem eine verkehrsberuhigte Zone entstanden ist.

Andere hätten nach so langer Zeit die Dinge vielleicht ruhiger angehen lassen. Das ist und war aber nie Robert Riehles Ding. Er hat allein im letzten Jahrzehnt seines Wirkens viele Projekte auf den Weg gebracht und realisiert, die die Stadt weiter spürbar aufgewertet haben. So ist die abbruchreife Kaplanei zum Schmuckstück im Städtchen geworden, eines, in dem sich häufig Brautpaare das Jawort geben. So hat das Naturtheater eine neue Tribüne und Bestuhlung erhalten. So sind Baugebiete entstanden, die gut angenommen werden, in Hayingen, Ehestetten und Anhausen. So ist das Feuerwehrgerätehaus in der Stadtmitte erneuert worden, so wurden Flurbereinigungen zum Abschluss gebracht, so ist zu allerletzt ein Fußgängersteg über die Lauter in Anhausen gebaut worden. Immer wieder ist Riehles Handschrift in der Stadt erkennbar, verfügt der Bürgermeister doch über eine sehr kreative Ader, hat Entwürfe etwa zum Ährenbrunnen am Karlsplatz oder zur Kreisverkehrsgestaltung in Form von Orgelpfeifen am Ortsausgang gefertigt. Bei der Umsetzung der Ideen ist er natürlich auf seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen, die er ausdrücklich lobt. Vor allem auf die Männer vom Bauhof lässt er nichts kommen: „Da haben wir in Hayingen ganz hervorragende Leute“. Nicht zuletzt ist er froh, dass er immer mit einem konstruktiven Gemeinderat hat zusammenarbeiten können.

„Ich glaube gar nicht, dass schon 40 Jahre rum sind“, schüttelt Riehle den Kopf. Es seien spannende und oft sehr intensive Jahre gewesen, unter dem Strich erfolgreiche und erfreuliche Jahre. Dass ihm das eine oder andere Ärgernis nicht erspart blieb, das liege bei seinem Beruf in der Natur der Sache: „Es allen recht machen ist nicht möglich“. Riehle ist überzeugt davon, dass die Stadt in den vergangenen 40 Jahren unter seiner Mitwirkung „einen großen Schritt nach vorne gemacht“ habe. Niemand wird ihm widersprechen.

Seinem Nachfolger Kevin Dorner, der ja seit ein paar Jahren als Stadtkämmerer in Hayingen tätig ist, wünscht Riehle, „dass er seinen eigenen Weg finden, die Arbeit auf seine Art erfolgreich machen wird“. Es gebe noch genug zu tun in Zukunft, angefangen von der Sanierung der maroden Turn- und Festhalle über das Thema Breitbandversorgung bis hin zur Gestaltung des Platzes um die Kirche herum, wo das Porphyrpflaster ein trauriges Bild bietet.

Robert Riehle wird nicht von einem Tag auf den anderen ins Nichts fallen, dafür ist er gar nicht der Typ. Schon am Tag nach seiner Verabschiedung wird er in der Kaplanei ein Paar trauen. Er wird weiter im Förderkreis Wimsener Mühle tätig sein, gehört dem Marketingausschuss von Mythos Schwäbische Alb an. Und hat noch viele Ideen. Eine davon ist das Hayinger Schloss, das laut Riehle in der Fassade wieder hergestellt werden könnte. Ein Innenausbau käme zu teuer, weiß der Bürgermeister. Darum könnte er sich den Einbau eines Glasbodens vorstellen. Er würde den Hayinger Altar, der in Obermarchtal steht, im unteren Bereich präsentieren, fände es schön, wenn es am Schloss in der warmen Jahreszeit ein Café gebe, damit die Autos verschwinden, die derzeit noch den Karlsplatz zuparken.

Kommen wir zur Einladung für den Festabend am Mittwoch im Haus der Lilie in Ehestetten zurück. Sie trägt eindeutig Riehles Handschrift: Vier Reden sind vorgesehen, keine 14, ausdrücklich ist deshalb auch vermerkt: weitere Ansprachen keine. Das gilt auch für die Geschenke, wobei nicht auszuschließen ist, dass sich nicht alle Gäste an diese Aufforderung halten. Nicht zuletzt aber: „Das Rauchverbot in der Halle ist für diesen Abend aufgehoben!“ Robert Riehle ohne Reval? Ausgeschlossen. Hayingen ohne Robert Riehle? Fast undenkbar.

Er bleibt den Hayingern erhalten, wird weiter im Städtchen wohnen und sich auch mehr um sein Haus kümmern und den Garten („das wird aber nicht mein großes Hobby“).

Und Zeit finden für Golfspiel auf einem künftigen Hayinger Golfplatz? „Ich habe an einem Schnupperkurs teilgenommen und bin zur Erkenntnis gelangt, dass ich untalentiert bin“, lacht Riehle, zieht kräftig an seiner Reval, ehe er sie im Aschenbecher ausdrückt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel