Mörsingen Dem Himmel etwas näher

Mörsingen / ALEXANDER THOMYS 24.10.2014
Rund 100 Einwohner hat Mörsingen derzeit. Und allesamt sind sie daheim im Süden: Der Zwiefaltener Ortsteil ist der südlichste Flecken im Landkreis Reutlingen und geprägt von der starken Dorfgemeinschaft.

Dabei präsentiert sich das 1972 nach Zwiefalten eingemeindete Dorf auf den ersten Blick dreigeteilt: Historisch gewachsen mit dem "Kapf" an der höchsten Stelle: Dort steht bis heute die Sankt Gallus-Kirche, die derzeit saniert wird, und das Pfarrhaus. Auf dem darunterliegenden "Berg" stand früher die Schule, im eigentlichen Dorf darunter das Rathaus und die Zehntscheuer - einst gehörten die Mörsinger Höfe zum Kloster Zwiefalten.

Für die drei Teile Mörsingens waren früher auch drei eindrückliche Namen geläufig: Himmel, Fegefeuer und Hölle. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert, die Dorfgemeinschaft hält zusammen und nur noch rein optisch sind die drei Ortsteile getrennt.

"Beim ersten Mal bin ich gar nicht bis ganz nach oben gekommen, sondern früher umgedreht", erzählt Susanne Lukacs-Ringel schmunzelnd. "Ich dachte, da geht es nicht mehr weiter." Ging es doch. Und so wohnt die in Bietigheim-Bissingen geborene Keramik-Künstlerin inzwischen im Haus Mörsingen 84 - Straßennamen gibt es in dem Flecken nicht.

Und wie lebt es sich im südlichsten Örtchen des Landkreises? "Man fühlt sich hier in Mörsingen wie im Urlaub", meint die Künstlerin. "Das ist ein besonderer Ort. Die Milane fliegen über den Häusern, man ist dem Himmel irgendwie näher." Sie sagt aber auch: "Hier ist man schon arg weit vom Schuss, man muss das Landleben auch wirklich mögen."

Einer, der das Leben in Mörsingen liebt, ist Otto Waidmann. Der 76-Jährige hat sein ganzes Leben in Mörsingen verbracht. "Hier hält man noch richtig zusammen", erzählt Waidmann, der bedauert, dass "wir langsam immer weniger werden". Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Mörsingen noch 200 Einwohner. Inzwischen gibt es in dem sehr gepflegt wirkenden Dorf auch einige Ferienhäuser. "Deren Besitzer haben keinen großen Bezug zum Ort", bedauert Waidmann.

Positiver blickt dagegen Hans Schäfer in die Zukunft. Als Vorsitzender des Vereins Dorfgemeinschaft Mörsingen kümmert er sich mit 85 Mitgliedern - nicht alle leben im Ort - um das Dorfgemeinschaftshaus, das den Mörsingern als Treffpunkt dient, seit das letzte Wirtshaus im Ort dicht gemacht hat.

"Es wird was mit der Jugend", sagt Schäfer. "Einige junge Leute sind geblieben, eine Familie sogar neu hergezogen." Und die Integration in die Dorfgemeinschaft? "Die klappt einwandfrei." So sei der Familienvater schon in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten, die ihren Anhänger in einer Garage im Dorfgemeinschaftshaus unterbringt. Ein eigenes Fahrzeug hat die kleine Wehr nicht.

Ohnehin: Mörsingen stand schon viel schlechter da. 904 als "Villa Merigisinga" erstmals erwähnt, beschreibt eine Notiz aus dem Jahr 1275 das kleine Dorf als unbewohnt. "Locus desertus est." Nicht einmal die Kirche war davor gefeit: Es wisse niemand, wer Kirchherr sei, hieß es damals.