Schnee, Regen, Nebel, Kälte: Das augenblickliche Wetter ist so gar nicht nach Karina Aßfalgs Geschmack. Schon beim Anflug einer Erkältung wird sie nervös. Nicht, dass die gebürtige Russin sich an den Temperaturen oder an der Jahreszeit stören würde - es ist ihre Stimme, um die sie sich sorgt: "Draußen ist es nasskalt, drinnen läuft die Heizung, ich merke das schon wieder im Hals", sagt sie.

Die ausgebildete Opernsängerin hat dafür ein sehr feines Gespür entwickelt. So achtet sie vor Auftritten auch genau darauf, was sie trinkt. Säfte sind tabu, stattdessen greift sie zu Wasser oder trinkt Tee. Um jeden der hustet oder schnupft mache ich einen großen Bogen. "Ein Geiger kann immer noch brillant spielen, wenn er erkältet ist, als Sängerin dagegen muss ich topfit sein", sagt sie. Die 46-Jährige weiß, wovon sie spricht. Ihr Vater war Chorleiter und auch ihre Mutter war musikbegeistert. Mit sechs Jahren begann sie in St. Petersburg mit Klavierunterricht, mit 14 Jahren nahm sie die ersten Gesangsstunden und stieg nach kurzer Zeit zur Solistin im Kinderchor auf. "Dass ich dafür allerdings den Klavierunterricht geschwänzt habe und durch die Prüfung gefallen bin, erfuhr meine Mutter erst bei meinem ersten Auftritt", verrät die gebürtige Russin.

Nach dem Abitur folgte die Ausbildung zur Opernsängerin, sie besuchte die Meisterklasse im St. Petersburger Konservatorium, war danach Mitglied des Chores im weltberühmten Mariinskij-Theater für Opern und Ballet und sang zusätzlich im Chor der St. Petersburger Kapelle. In dieser Zeit lernte sie auch Anna Netrebko kennen. Doch anders als diese blieb Karina Aßfalg nicht beim Gesang. "Meine Eltern sagten mir immer: ,Du weißt nicht, was mit deiner Stimme alles passieren kann und rieten mir, eine Ausbildung zur Sekretärin zu machen." Außerdem brauchte die mittlerweile Alleinerziehende von einem Sohn mehr Geld und arbeitete in mehreren Jobs gleichzeitig. Die Liebe führte sie dann schließlich aus der Millionenmetropole St. Petersburg ins beschauliche Zwiefalten. "Vor sieben Jahren lernte ich im Türkei-Urlaub meinen Mann kennen und schon nach kurzer Zeit war klar, dass wir heiraten würden", erinnert sie sich genau. Das bedeutete einen großen Umbruch in ihrem Leben. Mit 39 Jahren die Zelte in der Heimat abbrechen, den Sohn vorerst aus Rücksicht auf Schule und Freunde bei den Großeltern zurücklassen - eine der schwersten Entscheidungen in ihrem Leben, wie sie klarmacht: "Das war ein großes Risiko."

Inzwischen ist Karina Aßfalg in ihrem neuen Leben angekommen, auch dank dem Gesang. "Ich konnte kaum Deutsch und ging das erste halbe Jahr zu einem Sprachkurs in Riedlingen. Ansonsten hatte ich Zeit und ich hasse es, zu Hause rumzusitzen. Daher habe ich im Internet geschaut, wo es Chöre gibt. So kam ich zum Daugendorfer Kirchenchor. Als mich dort der Leiter hörte, fragte er mich verwundert: ,Warum wollen Sie hier singen? Ich antwortete ihm: ,Weil es mir Spaß macht."

Doch natürlich wurde der Sopranistin Daugendorf bald zu klein. Je mehr sie sich an ihrem neuen Wohnsitz heimisch fühlte, desto mehr wuchs auch wieder ihre Leidenschaft für das Singen - und umgekehrt. Es folgte ein Benefizkonzert für die Sturmopfer auf Haiti im ZfP, bei dem sie mittlerweile als Sekretärin arbeitet, sowie weitere lokale Auftritte, dazu Engagements in Ulm und, ganz aktuell, am Staatstheater in Stuttgart.

Rund hundert Mal stand Karina Aßfalg schon auf der Bühne, trotzdem hat sie immer noch vor jedem Auftritt Lampenfieber. Das sei zwar nervig, aber auch unverzichtbar, sagt die Künstlerin: "Dadurch kommt meine Energie, ich lebe das, würde es nicht so sein, wäre es Routine. Ich danke meinem Mann, der es schafft, mich jedes Mal zu beruhigen, wenn ich so furchtbar aufgeregt und nervös bin." Eigentlich muss sie das nicht sein, schließlich übt Karina Aßfalg bei jeder Gelegenheit, sie sucht die Perfektion: "Ich bin nie zufrieden. Ich arbeite an meiner Stimme jeden Tag, im Auto, in der Küche oder unter der Dusche - die hat eine gute Akustik. Musik ist mein Leben, ich kann nicht ohne."