Konzert Das Erlebnis ganz anderer Klangwelten

Die estnische Pianistin Kadri-Ann Sumera begeistert ihre Zuhörer in der Zehntscheuer.
Die estnische Pianistin Kadri-Ann Sumera begeistert ihre Zuhörer in der Zehntscheuer. © Foto: Sabine Graser-Kühnle
Sabine Graser-Kühnle 13.11.2017

Mit einem außergewöhnlichen Konzertprogramm gastierte die estnische Pianistin Kadri-Ann Sumera in der Zehntscheuer. Das Publikum war gänzlich gefangen im Bann ihrer berückend schön dargebotenen Musik. Mit Werken von Komponisten aus Sumera‘s estnischer Heimat ragte dieser Abend aus der Konzertreihe der Gesellschaft der Musikfreunde Münsingen heraus.

Mit der estländischen Musik erlebten die Zuhörer ganz andere Klangwelten, als sie in der westlichen Klassik angesiedelt sind. Die Künstlerin war mit ihrem Programm der Ewigkeit auf der Spur, indem sie dem Geheimnis des Wassers nachspürte. Wasser als das Element, das ständig in Bewegung ist, sich immer wieder neu formiert und damit als ununterbrochener Prozess ein Sinnbild der Ewigkeit darstellt.

Das Wasser in seiner Urform, der des Meeres – mit weiblicher Finesse und Intuition eroberte die Pianistin Kadri-Ann Sumera Ester Mägi‘s „Drei Meeresbilder“: Das stete Auf und Ab wogender Wellen im Allegro, ein Schwelgen im sanft wiegenden Adagio und dem berauschenden Leben voller Dynamik im dritten Satz. Da drängte sich das Bild von Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ auf.

Den Ursprung des Lebens erforschte die Pianistin in Mari Vihmand‘s „Water Tree“, die in ihrem Werk eine aus einem Baum entspringende Quelle beschreibt. Meditativ, so erzählte Kadri-Ann Sumera, wollte es die in Bad Urach lebende und beim Konzert anwesende Komponistin, gespielt haben, gehört habe sie es dann von einem Pianisten ganz dramatisch. Anders die Estin: mit weiblicher Neugierde nimmt sie jede Klangnuance dieses Werks wahr und servierte ihrem Publikum im verklärten Spiel eine mystisch-suggestive Melange.

Wie passt da der Franzose Clude Debussy ins Programm? Auch in den auserwählten Werken des frühen Debussy „Pagodes“, „La Soirèe dans Grenade“ und „Jardins sous la pluie“ spielt das Wasser in seinen Formen von Regen, Brunnen und Tränen eine Rolle. Sumera nahm sich dieses sich immer Neuerfinden in Debussys Werken mit den vielen, sich wiederholenden Melodiefragmenten an. Überaus feinfühlig und mit intensiver Ausdruckskraft interpretierte sie diesen Begründer des Impressionismus, dessen Werke von sich reibenden Dissonanzen und einer aufbrechenden Harmonik leben.

Einer, der die klassische Kompositionslehre noch mehr aufzubrechen verstand, ist der Este Mart Saar. Mit einer Auswahl aus seinen Präludien, quasi Miniaturen, erlebten die Zuhörer wie das klassische Harmoniegefüge außer Kraft gesetzt wird, sich neu erfindet. Hervorzuheben das letzte vorgestellte Werk, „Vivave“, Präludium Nr. 28 Es-Dur. Ein Kleinod feinster Klangfragmente, geschnürt wie eine kunstvolle Perlenkette, von Sumera dargeboten in einer Transparenz wie funkelnde Diamanten.

Für ihre virtuose Interpretation erntete die Pianistin begeisterten Applaus. Das Konzert gipfelte in der Darbietung dreier Präludien des Franzosen Olivier Messiaen. Seine spirituell geprägte Musik bezeichnete die Pianistin als „überirdisch schön“. Dem folgte ihr Publikum spätestens nach dem Präludium Nr. 6, „Glocken der Traurigkeit und Tränen des Abschieds“: Trancecharakter hat der Unisono-Klang der Glocke eingangs mit den ihm gegenübergestellten Akkorden, zum Träumen schön die sich hernach in wundervolle lyrische Passagen auflösenden Akkorde, die in eine fast verwirrende Metrik münden. Das Publikum horchte bald jedem Ton wie verzaubert nach. Mit begeistertem Beifall feierten die Zuhörer Kadri-Ann Sumera, die das wiederum belohnte mit dem Werk „Piece from the year 1981“ aus der Feder ihres Vaters Lepo, der Komponist und vier Jahre lang Kultusminister von Estland war.