Briefmarkensammler genießen einen zweifelhaften Ruf. Ihr Hobby gilt als dröge und wenig spektakulär. In der Tat ist die Atmosphäre in der Trochtelfinger Werdenberghalle am Briefmarkentauschtag ruhig und konzentriert - Showeffekte sucht man vergebens. Stattdessen türmen sich auf den bereitgestellten Tischen schmucklose Pappkartons, Kisten und dicke Ordner. Stumm beugen sich Köpfe darüber, Finger durchlaufen flink die kategorisierten Ordner. Hin und wieder hält man inne, schaut und taxiert genauer.

Es könnte dies der Anfang einer erfolgversprechenden Verhandlung sein. Denn deswegen sind sie ja schließlich hier. Die Jäger und Sammler mit der Pinzette und der Lupe in der Hand bieten hier nicht nur die Ergebnisse ihrer oft jahrzehntelangen Sammelleidenschaft an, sondern sind auch stets auf der Suche nach Stücken, die ihre Sammlungen vervollständigen könnten. Und die offenbaren sich oft genug erst bei einem genauerem Blick - sie wollen in Ruhe erforscht statt bloß gekauft werden.

Durchhaltevermögen und Geduld ist nicht nur in Trochtelfingen gefordert. Sie ist vielmehr eine generelle Notwendigkeit, die sich der Briefmarkensammler stellen muss. Nicht selten bedarf es Jahrzehnte, um die gewünschten Marken aus aller Welt, aus vergangenen Epochen oder zu bestimmten Themengebieten zusammenzutragen. Ist es gelungen, gleichen die schlicht gehaltenen Kunststoffordner einem zeitgeschichtlichen Nachschlagewerk.

Da erinnern nicht nur Marken, sondern auch Postkarten, Münzen oder alte Reklamezettel an längst vergangene Zeiten. Dabei sind die verschiedenen Sammelgebiete oft auf individuellen Erlebnissen begründet.

Wie etwa die des in der DDR aufgewachsenen Herbert Pleil. Er, seit 40 Jahren aktiver Sammler und seit 20 Jahren Mitglied im Briefmarkensammlerverein Trochtelfingen-Gammertingen, hat sich auf Berliner Marken während der Besatzungszeit spezialisiert. Der Nennwert seiner Sammlung: 12 000 Euro. Viel wichtiger als der zählbare, ist ihm allerdings der ideelle Wert: "Der wird nicht in D-Mark oder Euro berechnet."

Trotz seiner langjährigen Sammelleidenschaft, wird der 75-jährige Gammertinger sein "Steckenpferd" wohl bald aufgeben. Und damit ist er nicht alleine. Die Mehrheit der Mitglieder seines Vereins ist über 80 Jahre alt. Ein Umstand, der unter anderem auch zu einem Preisverfall führt, da viele Sammlungen derzeit aufgelöst werden und auf den Markt kommen. Wie in den Vorjahren sorgen sich die Philatelisten um Nachwuchs. Herbert Pleil wäre deshalb schon mit einem Bruchteil zufrieden, der ihm seine sorgfältig gehegte Sammlung einbringen würde.

Dass die Sammler aber nach wie vor für Überraschungen sorgen und die Lebendigkeit ihres Hobbys demonstrieren können, zeigte die angeschlossene, umfangreiche Briefmarkenschau in Trochtelfingen. Hier waren nicht nur Korrespondenz aus der Ur- und Frühgeschichte der Briefmarken zu sehen, sondern auch Skurriles und Außergewöhnliches aus heutiger Zeit.

Wo sonst als in Frankreich sind Postwertzeichen mit echter Spitze versehen? Wo sonst als in der Schweiz riechen sie nach Schokolade, wenn man an ihnen reibt? Thematisch sortiert zeigten die Vitrinen die Bandbreite und vielfältige Erscheinungsformen: von der lila Kuh und Engelsmotiven über liebevoll gestaltete Stempel bis hin zu Thema Fußball-Frauen WM, samt Autogrammen der Bundeskickerinnen.

Heinrich Walter, Schriftführer des Vereins, zeigte sich zufrieden mit der Resonanz auf den Briefmarkentauschtag, aber er will nichts unversucht lassen, um mehr Menschen für das Hobby zu interessieren. Zur Disposition deshalb auch der traditionelle Veranstaltungstermin am Dreikönigstag um Terminkollisionen zu vermeiden. Zudem sein Angebot: jeder der vermeintliche Schätze in heimischen Schubladen taxieren lassen möchte, ist eingeladen - auch Nichtmitglieder.

Info Infos und Kontakt unter: www.briefmarkensammlerverein.de