Drei Jahre ist es her, da lief auch in Bad Urach - fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit - ein hoch gelobter Dokumentarfilm mit dem Titel "More than Honey". Rolf Geigle, seine Frau Lonie und die beiden Söhne haben ihn sich angeschaut und den wenigen anderen Kinobesuchern ihr Fazit mitgeteilt: "In Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer."

Dabei hat Filmemacher Markus Imhoof sein Publikum nicht geschont. Der Schweizer erklärt das komplexe Wechselspiel zwischen Biene und Pflanze und zeigt auf, welche Folgen es hat, wenn dieses Gleichgewicht zerstört wird. Ein Drittel der Lebensmittel würde es ohne diese wichtigen Nutztiere nicht mehr geben. Wenn der weltweite Völkerkollaps, kurz auch CCD (Colony Collapse Disorder) genannt, nicht gestoppt wird, hat dies fatale Folgen. Einen düsteren Blick in die Zukunft kann man schon mal in China werfen, wo Wanderarbeiter mit in Pollen getauchte Wattestäbchen sich von Ast zu Ast hangeln und eine Blüte nach der anderen betupfen. In Amerika werden Tiere mit Antibiotika behandelt, damit sie durchhalten und über tausende Kilometer transportiert werden können - von den Mandel- zu den Kirschen- und Apfelplantagen. Fast gleichzeitig wird in großem Umfang gespritzt, was den angeschlagenen Beständen den Rest gibt. Ein globales Geschäft, weit entfernt von dem Bild, das man sich von der Imkerei macht. Rolf Geigle lobt den Film: "Er sollte an allen Schulen gezeigt werden."

Noch bevor sein Vater Eugen 1948 ein Familiendomizil gebaut hat, stand im Garten ein kleines Holzhaus für die Bienen. "Er brannte für sein Hobby und hat sich schon als Kind von einem blinden Imker in die Feinheiten einweisen lassen." 1983 starb Eugen Geigle unerwartet. Sein Sohn musste schnell entscheiden, was er mit den 15 Bienenvölkern des Vaters anstellt. "Ich hatte mitgekriegt, wie es funktioniert, aber trotzdem wenig Ahnung." Aber: "Ich war infiziert." Er wagt es, macht die üblichen Anfangsfehler, holt sich Ratschläge und setzt eigene Ideen um. Mit durchschlagendem Misserfolg. Erstmals hatte sich die Varroamilbe bemerkbar gemacht. Nach zwei Jahren waren alle Völker tot. Rolf Geigle gab nicht auf. "Jetzt erst recht", sagte er sich und startete einen zweiten Anlauf. Heute ist er mit seinem System (Zweireihige Hinterbehandlungsbeute und Blätterstock) zwar ein Außenseiter, aber trotzdem offen für die üblichen Methoden (Magazinen, die in freier Natur aufgestellt werden). "Seit drei Jahren experimentiere ich auch damit." Aus Rolf Geigle ist ein leidenschaftlicher Imker geworden. Wenn er von seinem Hobby erzählt, gerät er trotz der großen Sorgen ins Schwärmen. Sein Bienenhaus steht inmitten eines traumhaften Gartens, den seine Frau Lonie oft und gerne der Öffentlichkeit zugänglich macht. Viele Gäste, die das Museum der Familie, die große Grammophonsammlung, besuchen, interessieren sich auch für Kräuterführungen, Workshops und das Leben im Bienenstand. Sie sehen bei der Honigernte zu, bestaunen Waben, hören vom Fachmann, auf was geachtet werden muss.

Oft überträgt sich die Begeisterung. Rolf Geigle freut sich über jeden Jungimker, der sich trotz der schwierigen Voraussetzungen für dieses zeitaufwendige Hobby begeistert. Wer sich in eine "heile Welt" flüchten will, wird enttäuscht, denn die Lage ist ernst.

In diesem Frühjahr haben nach Einschätzung des Deutschen Imkerverbundes 30 Prozent der Bienenvölker nicht überlebt. Das würde bedeuten: Von den rund 750 000 Völkern sind 225 000 eingegangen. In der Region seien die Verluste zum Teil sogar noch höher, weiß Rolf Geigle, "sie lagen bei 30 bis 80 Prozent".

Er selbst hatte einigermaßen Glück. Von 19 Völkern sind 15 auf der Alb über den Winter gekommen "und im Ermstal habe ich immerhin noch zwei". Der normale Verlust liege bei zehn Prozent, aber schon seit fünf, sechs Jahren werde dieser Wert nicht mehr erreicht. "Es geht deutlich in Richtung schlecht."

Über die Gründe brauche gar nicht viel spekuliert werden. Oft werden die milden Winter angeführt, die die Varroamilbe begünstigen. Vor 30 Jahren wurde sie von Asien eingeschleppt und stellt seitdem eine Bedrohung dar. Sind die Bienen stark und vital, so erklärt es Geigle, könnten sie vor den gefährlichen Milben gerettet werden, sind sie angeschlagen, gebe es kaum eine Chance.

"Die Fehler sind hausgemacht", sagt er. Gerade auf der Alb sind Monokulturen mit Mais und Raps auf dem Vormarsch. "Jede Biogasanlage braucht Biomasse und das in keinen kleinen Mengen." Ein weiteres Problem sind die Pflanzenschutzmittel. Bestimmte "Neonicotinoide", kurz Neonics genannt, wurden wegen dem Bienensterben vom Markt genommen. Im Dezember endet ein Moratorium. Dann wird entschieden, ob die Mittel innerhalb der EU auf der roten Liste bleiben oder wieder eingesetzt werden können. Geigle hofft auf ein dauerhaftes Verbot. Und darauf, dass die Landwirte die Vorschriften einhalten. Denn oft sei der Einsatz der Pestizide streng geregelt, "aber was nützt das, wenn man sich nicht daran hält". Nicht selten beobachtet er, dass am helllichten Tag auf Wiesen und Felder gespritzt wird, obwohl die Schädlingsbekämpfung nur frühmorgens oder abends erlaubt ist. Bienen, die eh sensibel auf Luftverschmutzung reagieren, werden durch das Gift zusätzlich geschwächt.

Noch weiß niemand, wie die Entscheidung ausfällt. Große Agrarchemiekonzerne wie Syngenta und Bayer haben Klage gegen das Verbot ihrer Pestizide eingereicht, weil sie hohe finanzielle Verluste befürchten.

"Ich lebe in der Hoffnung, dass die politische Seite Druck ausübt und es angesichts des dramatischen Bienensterbens zu einem Umdenken kommt", sagt Rolf Geigle. Er wünscht sich Blütenstreifen an den Äckern - "sie sollten dauerhaft subventioniert werden" - mehr Vielfalt auf den Wiesen und in den Gärten. Ebenso sollten Kunden beim Kauf von Honig auf die regionale Herkunft achten. "Jeder sollte ihn sich beim Imker seines Vertrauens holen."

Info Am Sonntag, 7. Juni, 11 bis 17 Uhr, veranstalten Rolf und Lonie Geigle einen "Tag der offenen Tür" in ihrem Garten in Hengen, Böhringer Straße 26, und stellen dabei auch ihre Imkerei vor. Infos unter Telefon: 0 71 25/32 41, E-Mail: geigle.urach@t-online.de oder im Internet unter www.naturgarten-geigle.de. Wer sich für die Imkerei interessiert, kann sich an ein Fachgeschäft in Dettingen wenden. Infos unter www.imkereibedarf-haas.de.