Engstingen Aus Engstingen nicht wegzudenken

Engstingen / REINER FRENZ 12.10.2015
Für die Freie Waldorfschule auf der Alb war der Samstag ein besonderer Tag. Im Beisein vieler Gäste wurde das 25-jährige Bestehen der Schule gefeiert. Nach dem Festakt gab es ein buntes Mitmach-Programm.

Im Namen des Kollegiums nahm Franziska Berreth die Begrüßung der etwa 300 Gäste vor, unter ihnen viel Prominenz mit Landrat Thomas Reumann, den Abgeordneten Michael Donth, Klaus Käppeler und Karl-Wilhelm Röhm und Bürgermeister Mario Storz an der Spitze. Gekommen waren aber auch viele Ehemalige - Schüler wie Eltern und Lehrer.

Mit den Worten, die bei der Grundsteinlegung um Jahr 1997 besprochen wurden - es waren die gleichen, die Waldorf-Gründer Rudolf Steiner vor hundert Jahren bei der Grundsteinlegung der ersten Waldorfschule in Stuttgart gewählt hatte ("Es walte, was Geisteskraft in Liebe . . ."), begann sie ihre Einführung. Es seien Worte, die altertümlich klingen würden, aber damals wie heute sei man an der Waldorfschule verpflichtet, den Inhalt dieser Worte auszufüllen: "Wir wollen die Kräfte der Kinder stärken und entfalten, damit sie mit diesen Kräften in der Welt wirken können und selbstbewusst durch das Leben gehen können", sagte Berreth.

Die Festansprache selbst geriet zum Dialog, zum Gespräch zwischen dem Reutlinger Journalisten Bernd Steinhilber und der "Mutter der Initiative" Gisela Weigle. Eine Schule falle ja nicht vom Himmel, betonte Steinhilber, sondern man habe Menschen gebraucht, die von der Idee begeistert waren, die anpacken konnten und wollten. Als vor 30 Jahren die Idee der Schulgründung entstand, habe es buchstäblich nichts gegeben, vor allem keine finanziellen Mittel. Die Schulkeimzelle seien die Eltern gewesen, die im September 1987 den kleinen Waldorfkindergarten im Reutlinger Kammweg gegründet hatten, blickte Gisela Weigle zurück. Nur vier von ihnen hatten indes die Zusage für einen Schulplatz an der Freien Georgenschule.

Parallel habe sich auf der Alb ein Netzwerk aufgebaut, so Weigle, hätten sich viele junge Eltern gefunden, die einen anderen als den üblichen Schulweg für ihre Kinder wollten. Bereits bei der ersten Sitzung des damals entstandenen Arbeitskreises "Zukunft" habe der Schulgründungsgedanke im Raum gestanden. Bis die Schule vor 25 Jahren freilich Realität wurde, galt es noch manchen Stein aus dem Weg zu räumen. Das größte Hindernis war die Novelle des Privatschulgesetzes mit dreijähriger Wartezeit und der Streichung des Baukostenzuschusses. Weigle: "Das hat uns niedergeknüppelt". Die Waldorfinitiative reichte damals eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht ein, die zumindest in Teilen erfolgreich war. Das Land hatte den Zuschuss für die Baukosten weiter zu zahlen.

"Zum Glück bekamen wir damals von der Georgenschule die Zusage, die ersten beiden Klassen aufzunehmen", erinnerte sich Gisela Weigle. Nachdem die "Staufenburg" in Unterhausen, für die schon der Kaufvertrag mit dem Landkreis vorlag, für die Unterbringung von Flüchtlingen benötigt wurde, rückte Engstingen ins Blickfeld für einen Schulstandort, wobei einiger Widerstand im Ort auszuräumen war. Ein leerstehendes Fabrikgebäude in der Grieserstraße wurde erster Standort der neuen Schule. Es wurde Platz für vier Schulklassen und drei Kindergartengruppen geschaffen - weitgehend in Eigenleistung der Eltern. Die packten dann auch auf der Haid an, wo man danach unterkam, ehe die Schule an ihrem jetzigen Standort im Freibühl entstand. Mit jeder neuen Waldorfschule werde die Welt ein bisschen besser, meinte unter Beifall Bernd Steinhilber.

In seinem Grußwort erklärte Landrat Thomas Reumann, dass es deutlich geworden sei, was Menschen mit Leidenschaft und Visionen schaffen könnten. Er äußerte "großen Respekt" davor, dass die Initiative das Ziel der Schulgründung erreicht habe, gratulierte zu einer 25-jährigen Erfolgsgeschichte. Die Waldorfpädagogik habe mit ihrem ganzheitlichen Ansatz viele Impulse gegeben, meinte der Landrat.

Bürgermeister Mario Storz blickte zurück auf die Diskussionen und Auseinandersetzungen in der Gemeinde im Vorfeld der Schulgründung: "Das war überaus spannend". Es habe harte und sehr kontrovers geführte Diskussionen gegeben. Vor der Entscheidung im Gemeinderat am 21. Februar 1990 sei sogar ein Bürgerentscheid im Raum gestanden, der aber aus rechtlichen Gründen nicht zustande kam. In der Sitzung hätten die Plätze für die Zuhörer nicht ausgereicht, sodass man ins Floriansstüble der Feuerwehr ausweichen musste. Es sei zu einem richtigen Showdown gekommen, an dessen Ende 14 Räte für die Schulansiedlung votierten und acht dagegen.

Heute könne man sagen, dass diese nicht nur eine richtige, sondern auch eine vorausschauende Entscheidung gewesen sei, so Storz, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Stärkung des Schulstandorts Engstingen. Die Initiative für Waldorfpädagogik und die Waldschule seien in der Gemeinde "angenommen und angekommen", parallel dazu habe sich auch ein Wohnprojekt entwickelt. Ihn beeindrucken immer wieder die Abschlussfeiern an der Schule, sagte Storz. Schüler, Eltern und Lehrer würden eine ganz besondere Schulgemeinschaft bilden. Er sprach von einem "Campus", der sich im Bereich Freibühl gebildet habe, hob die städtebaulichen Akzente hervor, die die Schule setzt. Das kleine Schuldorf sei aber keine Welt für sich, sondern durch Veranstaltungen immer wieder Gastgeber zum Beispiel im kulturellen Bereich oder unterstütze andere Projekte, aktuell den Flüchtlingskreis. Storz: "Die Waldorfschule ist aus unserer Gemeinde nicht mehr wegzudenken, leiste einen wichtigen Beitrag für deren Attraktivität.

Die Glückwünsche der Freien Georgenschule richtete Michael Röck aus: "Es ist sehr beeindruckend, was die Initiative hier geleistet hat. Einfach bewundernswert."

Umrahmt wurde der Festakt durch musikalische Beiträge von Mareike Haarmann-Thiemann und Christian Eichhorn, die die Sonatine D-Dur von Franz Schubert vortrugen, von einer Eurythmiedarbietung von Schülern der 11. Klasse, dem Kollegiums- und Mitarbeiterchor, der Rachmaninows "Bogorodice Djewo", die in russischer Sprache sangen und schließlich von Svenja Haarmann-Thiemann, Aron und Christian Eichhorn mit einem flotten Klezmer-Stück.

Viel einfallen lassen hatte man sich für das bunte Mitmach-Programm. So konnten die Besucher ihren eigenen Namen tanzen, erhielten zur Belohnung ein Foto. Im Schulhof gab es Fadenspiele, wurde getanzt. Rasant ging es bei den Bobbycar-Rennen zu. In der Schreinerei konnte man Einblick nehmen in die Schulgeschichte und im "Saftladen" trafen sich Ehemalige zum Austausch, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

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