Riedlingen Auf Flohmarkt verkaufen, weils Spaß macht

Riedlingen / WALTRAUD WOLF 21.05.2012
Es war ein Flohmarkt wie im Bilderbuch. Tausende strömten bei tollem Wetter am Samstag nach Riedlingen, um mit Händlern zu feilschen. Die kamen auch aus Zwiefalten, Hayingen und Münsingen.

Zum zweiten Mal gehören die "Afro Beats" um Gerold Hofmaier aus Zwiefalten dazu. 2011 wollten sie damit ihre Rom-Reise mitfinanzieren. Eltern wurden animiert, Entbehrliches zur Verfügung zu stellen. Wenn der Erlös auch nur für ein Eis gereicht hat, es machte großen Spaß und so sind sie auch am Samstag wieder mit dabei. Gut, dass die Fellmütze bald verkauft wird, ansonsten wär sie ihrem Träger wohl zu warm geworden. Zwei Euro werden bezahlt. Als absolutes Highlight preist Hofmaier in der Fußgängerzone Großvaters Nachthemd an.

"In zweiter Generation" präsentieren sich die "Vier Zylinder" Andreas Burgmaier, Philipp Ott, Tobias Hilsenbek und Sebastian Bayer aus Baach und Sonderbuch auf dem Stadthallen-Vorplatz. "Kruscht und Krempel für jeden Sempel" haben sie im Angebot, Kleines wie Schnapsgläschen, um die sie gerade mit zwei Damen feilschen, und Großes wie ein Sofa, Sessel, eine Standuhr und ein Klavier. 100 Euro soll es kosten, ob der Interessent von morgens wiederkommt?

Egal, für den Zug durch die Riedlinger Wirtschaften nach dem Flohmarkt reicht der Erlös allemal. Vorher aber wird der Stand fürs nächste Jahr reserviert. Die jungen Herren und ihre Handelleidenschaft sind bekannt, deshalb wird ihnen immer wieder Ware angeboten. Und: Sie gehen rund um Zwiefalten auf Sammeltour.

"Perlen der Lust" und lange Unterhose erstanden

Von Sammlerstücken trennt sich Peter Kalmus aus Hayingen. Modell-Lastwagen mit Namenszügen von Getränken oder Süßwaren sind es, immer noch feinsäuberlich eingepackt. 3000 hatte er einst, jetzt gibt er sie nach und nach ab. Mancher Sammler steuert den Stand bei der Stadthalle an, aber auch "Kinder bekommen ganz große Augen". Die kriegen Rabatt. Haben Peter Kalmus und seine Frau Simone Randecker das Gefühl, dass Wiederverkäufer vor ihnen stehen, geht der Preis hoch. Ansonsten bieten sie Gegenstände aus Haushaltsauflösungen an, seit 20 Jahren schon. Sie freuen sich an den Menschen, die vorbeikommen und mit ihnen plaudern.

Das gilt auch für Simone Geiselhart. Zusammen mit Christine Grunert und Sieglinde Bart hat sie am Morgen schon ein Glas Sekt und eine Butterbrezel genossen, das gehört dazu, wenn die drei Familien aus Hayingen Handel und Wandel auf dem Riedlinger Flohmarkt treiben. Die Kinder haben Spiele, Bücher und Plüschtiere herausgerückt. Sohn Felix Grunert will sich von ferngesteuerten Autos trennen. Aus seinen Einnahmen hat er bereits ein Spiel für seine Playstation erworben. Man habe noch genug Spielsachen daheim, bestätigen die Mütter, die "absolut zufrieden" sind. Es sei ein "ganz entspannter Markt" und die Leute begegneten ihnen sehr freundlich.

Herbert Fischer aus Zwiefalten hat seinen Stand in der Lange Straße und freut sich, wenn alte Schulkameraden aus Riedlingen zu einem Plausch auftauchen. Die Begegnungen sind es, die für ihn den Reiz des Marktes ausmachen. Ein alter Schmalztopf, Most- und Bierkrüge gehören zu seinem Angebot. "Da bleibt das Bier lange kühl", wirbt er. Ohne Erfolg. Anders ergeht es ihm mit seinen Wanderstöcken, zum Teil mit vielen Plaketten bestückt. Roland Bayer aus Hayingen interessiert sich dafür, handelt und bezahlt für drei schließlich fünf Euro. Fischer gefällts, wenn gefeilscht wird, schließlich ist Flohmarkt. Die Standgebühr, Essen und Getränke müssen "drin" sein, dann ist der Tag gelungen, lacht er.

Im Jahr 2000 waren Ute Eckhardt und Gerda und Georg Mutschler aus Auingen das erste Mal beim Riedlinger Flohmarkt. Sie hatten Bauernhäuser aufgelöst und ein außerordentlich attraktives Angebot, auch wenns vielleicht nur alte Schräubchen waren. Seither sind sie dabei, weils Spaß macht. Viermal verkaufen können hätten sie eine in ihren Augen sehr kitschige Schlafzimmerlampe in Pink, erinnern sich die Frauen. Auch ein Bild von Onkel Hans, das fast schon im Mülleimer gelandet war, habe einen Käufer gefunden. Sie zahlen den Markterlös auf ein Sparbüchlein ein. Wenn"s reicht, wird eine Reise gemacht.

Bärbel Fundel aus Hayingen hat ihren Stand in der Storchengasse am Rande des Marktes aufgeschlagen. Ein guter Platz, findet sie. Hier sei alles entkrampft und dennoch seien Geschäfte zu machen. Mit Kennerblick prüft ein Flohmarkt-Bummler ein edles Teil, 80 bis 90 Jahre alt und vielleicht einst als Reagenzglashalter im Chemieunterricht benutzt. Seine Frau entdeckt derweil einen Fleischwolf. Sorgsam wird er zusammengeschraubt. Auch die Vorrichtung für das Spritzgebäck ist dabei. Fünf Euro will die Hayingerin. Die Kundin strahlt überglücklich und bezahlt. Vor 30 Jahren schon sei sie als Einkäuferin über den Markt gebummelt, verrät Bärbel Fundel. Irgendwann wurde sie dann selber zur Verkäuferin, "weil man so viel hatte und sich der Geschmack verändert hat". Haushaltsauflösungen innerhalb der Familie haben ihr Mottenkugeln von anno dazumal beschert, aber auch eine Zigarettenspitze "weiße Mäuse".

Ihr gefällt die Atmosphäre des Riedlinger Flohmarktes, die Freundlichkeit der Marktmeister, die offenen und häufig auch originellen Kunden, wie das junge Paar, dem sie in Flohmarktstimmung als Kompaktangebot das Buch "Perlen der Lust" und Urgroßvaters lange Unterhose plus Nachthemd verkaufte.