Region Am Kirchturm weht die Weiße Fahne

Region / GUDRUN GROSSMANN 17.10.2015
Der mutige Junge von damals ist heute 86 Jahre alt. Karl Rösch wird diese Situation nie vergessen, als sich Amerikaner und Deutsche in Feldstetten gegenüberstehen und es fast zur Katastrophe kommt. Es war kurz nach seinem 80. Geburtstag als Karl Rösch seine Geschichte aufschreibt.

Der mutige Junge von damals ist heute 86 Jahre alt. Karl Rösch wird diese Situation nie vergessen, als sich Amerikaner und Deutsche in Feldstetten gegenüberstehen und es fast zur Katastrophe kommt.

Es war kurz nach seinem 80. Geburtstag als Karl Rösch seine Geschichte aufschreibt. In erster Linie sollte es eine persönliche Biografie für seine vier Kinder sein, geworden ist daraus ein berührendes Buch, das Einblicke in das Leben eines Unternehmers gibt, der mit Herzblut eine Steinbruchfirma aufgebaut und sich für das Allgemeinwohl in seiner Gemeinde eingesetzt hat. Titel: "In Krieg und Frieden mit den Menschen und Felsen unseres Landes". Nach drei Jahren beendet er die handschriftlichen Aufzeichnungen. Darin enthalten ist auch ein Kapitel, das ausführlich die dramatischen Stunden am 21. und 22. April 1945 in Erinnerung ruft.

Die Stimmung ist gedrückt. Im Ort sind viele Obdachlose, Menschen, die vor den Bomben in den Städten geflohen sind. "Stationierte Russische-Wlassowtruppen im Feldstetter Lager werden zu gefährlichen Verbündeten", schreibt Rösch. Er schildert die Angst der Einwohner, das Näherrücken der Front, die Einstellung der Feldarbeit. Erste Gebäude werden in Brand geschossen. Die "Frauenfeuerwehr", allesamt junge Mädchen, stehen an "glimmenden Brandherden, immer die Angst im Nacken durch die luftbeherrschenden feindlichen Jagdbomber." Soldaten sind auf dem Rückzug: "Hunger, Durst, schweißgebadet mit zerrissenen Wehrmachtsklamotten und halb zerstörten Schießgeräten durchqueren sie unsere Ortschaft aus allen Himmelsrichtungen."

21. April 1945: Es ist ein sonniger schwüler Samstag. Der Kriegsdonner wird stärker. Die Menschen handeln. "Was an das Dritte Reich erinnert wird vernichtet, vergraben und so gut wie möglich verborgen." Angst vor dem Gegner macht sich breit. Gerüchte sind im Umlauf. Karl Rösch erzählt von seiner Tante Marie, der Lindenbäuerin, die auf dem Heimweg vom Backhaus ist. Er möchte ihr helfen und muss zusehen wie "hungrige Soldaten und Zivilpersonen wie Hyänen über die Brotfracht herfallen, wobei Handgreiflichkeiten nicht ausbleiben".

Gegen 16 Uhr: "Der aufwirbelnde Staub setzt sich auf die nassgeschwitzten Gesichter und Körper ab, die Knobelbecher der Soldaten rauchen. Gewehre werden bereits weggeworfen, Panzerfäuste an Jugendliche verschenkt, welch ein Durcheinander." Ein Gewitter zieht auf, es blitzt und donnert. "Es ist Nacht, versprengte Soldaten huschen verstohlen und ängstlich durch die Finsternis. Geschossen wird auf jeden, der sich bewegt, es ist geisterhaft." Seine Mutter, die Großeltern und seine Schwester und Nachbarn verkriechen sich in einem Gewölbekeller. Unter ihnen sitzt René, ein französischer Kriegsgefangener. "Auf ihm liegen unsere Hoffnungen auf Verschonung durch die kommenden Eroberer." Sie rücken aus Richtung Westerheim an, das "in hellen Flammen steht". Letzte versprengte Soldaten, Angehörige einer Feld-Flackabteilung, irren durch die leeren Gassen, dem Inferno gerade noch entkommen. "Das Rasseln der Panzerketten ist hörbar. Die ersten Gebäude brennen bereits. . ." Der Fünfzehnjährige wagt sich aus seinem Versteck. Ein Nachbar gibt ihm den Auftrag, die Besitzer des brennenden Hauses, die in einem Keller von Verwandten sitzen, zu informieren, was nicht ungefährlich ist. Rösch bekommt mit, wie der "Drechslerbauer" aus einem Kellerfenster einem flüchtenden deutschen Soldaten etwas nachruft. Dieser antwortet mit einem tödlichen Schuss.

Die Panzerspitze rollt näher. Eine amerikanische Einheit setzt sich im Oberdorf fest, ab dem Gasthaus Lamm. Das Unterdorf bleibt in der Hand versprengter Restsoldaten. "Einige verblendete Offiziere drohen mit Erschießungen bei Verweigerung."

Am nächsten Morgen schneit es. Rösch wagt sich aus dem Keller. Er beobachtet drei "verstörte ältere Männer" (Georg Harscher, Jakob Baumann und Christian Eckle), die beim Schulhaus die "mächtige gepanzerte Armada der amerikanischen Truppen im Auge behalten". Von Osten her kommt ein deutscher Stoßtrupp mit 15 bis 20 Mann, stark bewaffnet mit Sturmgewehren und Panzerfäusten. Ein Leutnant wird von Georg Harscher aufgefordert das "unsinnige Unternehmen" zu unterlassen. Es sei schon genug Blut vergossen worden. Die Antwort: Er soll still sein, sonst werde er auf der Stelle erschossen. Rösch mischt sich ein, bittet um Vernunft. Tatsächlich: "Er steckt die Pistole in die Tasche und zieht in Richtung Kirchgasse ab."

Im Pfarrhausgarten liegt eine weiße Fahne, diese soll auf den Kirchturm, aber dieser ist abgesperrt. Karl Rösch soll den Schlüssel bei Josef, dem Mesner, besorgen - aber der wohnt im besetzten Teil. Er wagt es. Die Amerikaner erwarten ihn mit entsicherten Waffen. "Meine Schritte sind kurz, die Beine schwer, eine innere Unruhe und schlechtes Gewissen begleiten mich." Vor ihm liegt das "gottverlassene Restdorf", in 150 Meter Entfernung ein Gewimmel von Stahl, Motoren und uniformierten Gestalten. "Ich fühle mich, als ginge ich auf das Schafott." Der erste Wachposten ist ein Farbiger. Er erwartet ihn mit entsicherten Waffen und fragt ihn, wo er hin will. "Zur Großmutter im Oberdorf", das fällt ihm blitzschnell ein. Ein Offizier kommt hinzu, mit einem Gefolge uniformierter Soldaten. Er reicht dem Jungen die Hand, will Papiere sehen. Schließlich das erlösende: "Let's go." Er bekommt "vom Sieg beseelte Soldaten" zu sehen, ein krasser Gegensatz zu den "verwahrlosten, abgemagerten, geschlagenen zurückflutenden deutschen Kameraden". Als Hitlerjunge fühlt er sich wie ein Verräter. Aber die Fremden sind freundlich. Ein Soldat legt die Hand auf seine Schulter und schenkt ihm Schokolade: "O.k., little Boy."

"Ich sehe ein kanadisches Hoheitszeichen, das Ahorn-Blatt auf einem Panzer. Ich stelle fest, wir haben den ganzen nordamerikanischen Kontinent gegen uns." Der Mesner erschrickt, als er den Jungen sieht und muss von dem Plan erst überzeugt werden, dann überreicht er mit zitternden Händen den großen Schlüsselbund. Karl Rösch muss sich beeilen, denn die Besatzer bereiten schon ihren Weitermarsch vor. Er ist zwischen den Fronten. "Befehl ausgeführt", meldet er seinen drei Auftraggebern. Diese warten schon ungeduldig, eilen mit den Schlüsseln davon und lassen ihn zurück, "im Niemandsland mutterseelenalleine".

Bald darauf weht die weiße Fahne vom Kirchturm. Die Männer kommen zurück und bedanken sich mit Handschlag. "Es ist rührend, alle haben Tränen in den Augen. Ich bin sichtlich bewegt, wie die tapferen Alten Schwäche zeigen können. Sie wussten, was sie durch Mut und meiner Wenigkeit für das Dorf und ihre Bürger geleistet haben."

22. April, 12 Uhr: Die Amerikaner durchsuchen die Häuser, teilweise werden sie besetzt. "Der Nachschub der Alliierten ist gewaltig, wir können diese Masse an Menschen und Material kaum fassen". Die Jagdbomber kommen zurück, Bordkanonen sind zu hören.

Karl Rösch läuft mit einem Freund zum Ortsrand. Tatsächlich hatte sich dort ein "Bataillon fanatischer SS-Leute eingenistet". Sie wollen den Ort zurückerobern, was aussichtslos ist. Rösch: "Die Feinde auf der anderen Seite sind auf einmal die eigenen Leute." Nach den Angriffen marschieren sie mit zerrissenen Uniformen, zum Teil verletzt, zum Lager für Gefangene. Aus Westerheim werden schwere Zerstörungen gemeldet, mit Toten und Verletzten.

In Feldstetten aber wurde Schlimmeres verhindert. Dank eines mutigen Jungen und besonnenen Männern, die mit der weißen Fahne ein Friedenszeichen setzen - oben am Kirchturm. Der Krieg ist vorbei. Rösch: "Aus den Häusern im Dorf strahlt wieder Licht, es scheint, als wäre eine neue Zeit angebrochen."

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