Gärsubstratunfall Alle Fragen sind derzeit noch offen

Pressekonferenz im Sitzungssaal des Engstinger Rathauses im Vorfeld des Jahrestags des Gärresteunglücks auf der Haid (von links): Anja Wolfframm, Dr. Claudius Müller,  Mario Storz, Thomas Reumann, Andreas Neft, Markus Wicht, Thorsten Ott und Tim Jakobs informierten über den aktuellen Sachstand.
Pressekonferenz im Sitzungssaal des Engstinger Rathauses im Vorfeld des Jahrestags des Gärresteunglücks auf der Haid (von links): Anja Wolfframm, Dr. Claudius Müller,  Mario Storz, Thomas Reumann, Andreas Neft, Markus Wicht, Thorsten Ott und Tim Jakobs informierten über den aktuellen Sachstand. © Foto: Ralf Ott
Engstingen / Von Ralf Ott 09.01.2018

Rund 1500 Kubikmeter stinkender, brauner Brühe aus Gärresten einer Biogasanlage, die Speiseabfälle zur Energieerzeugung verwendet, waren am 11. Januar vergangenen Jahres aus einem defekten Gärsubstratbehälter der Firma BIGA GmbH in Engstingen ausgelaufen. Morgen also jährt sich der Unfall im Gewerbepark Haid, bei dem knapp 140 Feuerwehrleute, DRK-ler, Bauhofmitarbeiter und Landwirte rund 18 Stunden lang im Einsatz waren, um die schlimmsten Folgen in einem ersten Schritt zu beseitigen. „Wir alle haben die Bilder dieses rabenschwarzen Mittwochs noch im Kopf“, sagte gestern der Reutlinger Landrat Thomas Reumann.

Das Gros der Fragen in Verbindung mit dem Unfall ist derzeit allerdings noch ungeklärt, wie in der Gesprächsrunde mit Medienvertretern deutlich wurde. So ist die Ursache des Unglücks genauso unbekannt wie die Gesamtschadenshöhe. Fakt ist aber: Die Versicherung hatte es Mitte Mai unter Verweis auf die fehlende Betriebsgenehmigung abgelehnt, für die Folgen des Unglücks finanziell aufzukommen. Damit fehlt bis heute die detaillierte Erfassung der Schäden sowie die Aufstellung eines sich daraus ableitenden Sanierungskonzepts – weil niemand zum jetzigen Zeitpunkt das Geld dafür in die Hand nehmen will. Die Versicherung selbst hatte direkt nach dem Unfall einen Sachverständigen zur Erfassung der Schäden geschickt. „Diese Informationen werden uns jedoch nicht zur Verfügung gestellt“, bemängelte Rechtsanwalt Thomas Jakobs, der die Firma BIGA GmbH juristisch vertritt. Derzeit bereitet das Unternehmen laut Jakobs eine zivilrechtliche Klage gegen die Versicherung vor. „Hätten wir vorsätzlich gegen die behördlichen Auflagen verstoßen, wäre dies ein Grund für die Versicherung, die Haftung abzulehnen“. Doch die BIGA sieht das anders. „Nach unserer Auffassung war die Befüllung keinesfalls beabsichtigt“, betonte Jakobs und verwies auf den für den 11. Januar angekündigten Besuch einer Mitarbeiterin des Landratsamtes. „Wieso hätten wir direkt davor Gärsubstrat in den nicht genehmigten Behälter einfüllen sollen?“

Klar ist, dass sich eine juristische Auseinandersetzung in die Länge ziehen wird und ihr Ausgang ungewiss ist. Sollte sich die Versicherung letztlich mit ihren Standpunkt durchsetzen, gibt es einen „Plan B“, wie Jakobs sagte. „Wir sind natürlich verpflichtet, den Geschädigten das Geld zu erstatten“, betonte Thorsten Ott, Leiter des Geschäftsbereichs Entsorgungs- und Umwelttechnik. Dafür werde derzeit ein Konzept erstellt. Allerdings sei dies einem Unternehmen von der Größe der BIGA „nicht einfach so möglich“, ergänzte Jakobs. Letztlich dankte er den Betroffenen für deren Bereitschaft, den bisherigen Weg mitgetragen zu haben. Falls die BIGA die Schäden aus eigenen Mitteln erstatten müsse, werde sich dies über einen langen Zeitraum hinweg erstrecken.

Das Hauptaugenmerk ruht letztlich also auf den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die sich eingeschaltet hatte, weil für den havarierten Gärsubstratbehälter als Folge der baulichen Veränderungen eben keine Betriebserlaubnis vorlag. Die Firma BIGA hatte ursprünglich die geplante Erweiterung der Anlage zwar genehmigen lassen, doch in der baulichen Umsetzung gab es verschiedene Änderungen. Bei der Bauabnahme Ende Oktober 2016 wurden „Mängel und Abweichungen von der Genehmigung festgestellt“, rief Andreas Neft, Technischer Leiter des Umweltamtes, in Erinnerung. Folge: Die BIGA wurde zur Revision aufgefordert und das Landratsamt stellte klar, dass eine Befüllung des neuen Behälters nicht vor der Beseitigung der Mängel erfolgen darf. Genau das aber geschah – mit gravierenden Folgen. Welche Ursache später tatsächlich zur Havarie geführt hat, steht allerdings, wie gesagt, bislang nicht fest.

Jedenfalls liefen aus dem Behälter mit einem Gesamtfassungsvermögen von 3000 Kubikmeter in der Nacht zum 11. Januar die besagten 1,5 Millionen Liter Gärsubstrat aus und verteilten sich über Straßen, Grünflächen und drangen in zwei Gebäude sowie dort in insgesamt 47 Keller ein, bilanzierte gestern der Engstinger Bürgermeister Mario Storz. Nach dem Abzug der Rettungskräfte übernahm eine Fachfirma die Reinigung und Desinfizierung der betroffenen Räume. Zudem wurde der Putz bis auf eine Höhe von 50 Zentimetern abgetragen. Ende März  zog die Spezialfirma ab und zurück blieb ein beißender Gestank – und die Kellerräume stehen bis heute leer. Im Gebäudes des Hotel-Restaurant Hydepark wurden zwei Räume probesaniert – mit Erfolg, wie dessen Inhaberin Anja Wolfframm berichtete. Doch für eine durchgängige Sanierung fehlt natürlich das Geld. Auch andernorts wartet ein Minus auf Ausgleich: Allein die Kosten für Feuerwehreinsatz, Reinigungskosten des Zweckverbands, Ausgaben der Wasserversorgung für Chlorierung und Überwachung sowie den Mietausfall bezifferte Storz auf knapp 160 000 Euro.

Durch das Gärsubstrat wurden auch die Lauchert sowie die Mägerkinger Kläranlage geschädigt. Das Landratsamt fordert hier von dem Biogaserzeuger einen Sanierungsplan, erklärte Markus Wicht, Leiter des Umweltschutzamtes. „Die Schäden sind nicht mit denen auf der Haid vergleichbar und auch nicht irreversibel“, so Ordnungsdezernent Dr. Claudius Müller.

Wie sehen Betroffene ihre Lage? Wolfframm, die im Gewerbepark das Hotel-Restaurant Hydepark betreibt, dessen angeschlossene Kellergaststätte Per Du seit dem Unfall geschlossen ist, sprach von einem „schweren Jahr, das Kraft und Nerven gekostet hat“. Aber sie blickt nach vorn, freute sich über treue Gäste und viele Hochzeiten sowie Familienfeiern, die heuer bei ihr stattfanden. „Das Hotel war nur wenige Wochen lang geschlossen“, betont sie und arbeitet derzeit an einer neuen, noch familienfreundlicheren Konzeption – „dafür suche ich noch Verstärkung im Team“, fügte sie lachend hinzu.

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