Seit fünf Jahren unterstützt das „Aktionsprogramm Landärzte“ der Landesregierung jene Ärzte, die als Allgemeinarzt im ländlichen Raum arbeiten wollen. Auf der anderen Seite zieht es nach wie vor viele junge Mediziner in die Städte. Obendrein fehlt es bisweilen an der Anerkennung für diesen Beruf. „Es gibt viele Kollegen, die Landärzte belächeln“, berichtet Dr. David Scheub. Für ihn gilt das nicht und das wiederum ist ein Glücksfall für Gomadingen, denn er hat sich dazu entschieden, die Arztpraxis seines Vaters Dr. Hans Scheub, der 34 Jahre lang die Gesundheit der Menschen im Ort und der Region im Blick hatte, am Jahresende zu übernehmen. Bereits seit 2016 arbeitet er in der Praxis – und das ist ein weiterer Glücksfall, da Hans Scheub auf diese Weise eine Fülle wichtiger Informationen und Kenntnisse über die Patienten nach und nach an seinen Sohn und an dessen Kollegin Dr. Carolin Sigle, die Anfang des Jahres in die Praxis eingestiegen ist, weitergeben kann. Womit wir schon bei Glücksfall Nummer Drei wären, denn Scheub junior und die junge Ärztin führen die Praxis gemeinsam weiter. „Vor dem Einzelkämpfertum hätte ich zu viel Respekt gehabt“, räumt David Scheub ein, „denn der fachliche Austausch ist sehr viel Wert“.

Die Vorteile einer gemeinschaftlichen Praxis gelten natürlich auch in zeitlicher Hinsicht, denn so können der dreifache Vater und seine Kollegin, die zwei Kinder hat, jeweils Beruf und das Familienleben mit Ehepartner und Kindern leichter vereinbaren. Ein Punkt, den Hans Scheub über Jahrzehnte hinweg oftmals ingnorieren musste. „Zum Dienst für die eigenen Patienten von Montag 8 Uhr bis am Samstag um 8 Uhr kam alle fünf bis sechs Wochen ein ganzes Wochenende dazu – und am Montag ging es weiter“, erinnert er sich im Gespräch mit unserer Zeitung, an dem neben seinen Nachfolgern auch seine Frau Heike Schmidt-Scheub, Lehrerin und Managerin in der Praxis, teilnimmt. Ohne ihre Unterstützung und ihre Bereitschaft, ihren Beruf aufzugeben, hätte der Praxisalltag so nicht funktioniert.

Seit der Einführung der Notfallpraxen an den drei Kreiskliniken sind alle Ärzte am Notdienst beteiligt. „Man muss als Landarzt nicht mehr dauernd da sein“, betont Scheub senior. Letztlich war seine Familie in die Bereitschaft miteingebunden und musste den „Notfallpiepser“, der im Zeitalter vor dem Handy zur Benachrichtigung eingesetzt wurde, überwachen, wenn der Vater beispielsweise am Wochenende eine halbe Stunde spazieren gehen wollte.

Mit den veränderten Rahmenbedingungen entfällt aber auch ein wichtiger Faktor, der seinen Sohn ursprünglich von der Nachfolge abgehalten hat. „Ich hatte die stressige Zeit meines Vaters vor Augen und wollte eigentlich etwas anderes machen“, erinnert er sich. Auf der anderen Seite konnte ihm sein Vater offenbar aber auch die schönen Seiten des Landarztberufs vermitteln. „Der Beruf ist sehr vielseitig und variabel“, betont Hans Scheub, „man kennt die Menschen und die Familienstrukturen. Somit wird man auch zur ersten Anlaufstelle für die verschiedensten Probleme“. Als klassischer „Familienarzt“ könnten alle Altersgruppen behandelt werden. So habe er den „Landarzt“ nie als Schreckgespenst empfunden, sondern sei immer zufrieden gewesen. „Noch schöner ist es, dass die Praxis jetzt so reibungslos übergeht“, freut er sich und räumt zugleich ein, dass es ihm manchmal schwer fällt, wenngleich ihm mehr Zeit bleibt für seine Hobbys wie die Imkerei, Segeltörns, Reisen oder Ausfahrten mit der Pferdekutsche. Nach der Übernahme durch seinen Sohn und Carolin Sigle Ende des Jahres will er sich auf Akupunktur und Hausbesuche beschränken.

Vor dem Einstieg in die Praxis seines Vater hat David Scheub nach dem Medizinstudium in Hannover und Tübingen mit der Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin, Palliativmedizin und Psychosomatik seine Assistentenzeit an der Kinderklinik in Reutlingen sowie der dortigen Medizinischen Klinik und der Albklinik in Münsingen absolviert. „Die Arbeit in Münsingen hat mir Spaß gemacht, weil die Abteilung breit aufgestellt ist und man in kurzer Zeit unheimlich viel lernt“, zieht er als Fazit. Von Münsingen wechselte er dann Anfang 2015 an die Kinderklinik in Reutlingen. So konnte er den Bereich „Grundversorgung“ genauso abdecken wie spezielles Wissen durch die Arbeit im Steinenbergklinikum erwerben. Dabei sei ihm klar geworden, dass sein „Herz als Generalist schlägt“, der den Patienten ganzheitlich betrachtet und auch die Familienstrukturen im Hintergrund berücksichtigt.

Zwar wollte er die Praxis auf der Alb übernehmen, allerdings nicht allein. Bei einer Fortbildung traf er auf Carolin Sigle, die er von der Zeit am Reutlinger Kreisklinikum her kannte. Die Chemie hat gestimmt. Nach einer kurzen Hospitation, zu der auch Hausbesuche gehörten, hat sie sich für den Einstieg in die Praxis entschieden. Sie ist in Weiterbildung zur Allgemeinärztin sowie psychosomatische Grundversorgung, Sonographie, Naturheilverfahren und Akupunktur. Auch sie fasziniert die ganzheitliche Arbeit mit dem Patienten und die Möglichkeit, diesen im Unterschied zur Klinik genauer kennen zu lernen. Während in der Stadt viele Menschen gleich zum Facharzt gehen, sei der Arzt hier erste Anlaufstelle. „Die Vielfalt bereichert den Arbeitsalltag“, sind sich beide einig. Das gilt auch für die Herausforderung durch das breite Spektrum im Praxisalltag, zum dem die „kleine Chirurgie“ und Wundversorgung genauso gehören wie die neu dazugekommene Sonographie. Er und Sigle bieten im Übrigen das gesamte bisherige Spektrum weiter an und bleiben auch Lehrpraxis der Uni Tübingen. Nach der Anschaffung neuer Geräte für Hör- und Sehtests kann David Scheub bei Kindern Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen durchführen.