Kunst „Ich versuche die zerfallende Welt zu kitten“

Freut sich auf die Ausstellung im Café Kunstgalerie Sphäre in Ehestetten: Edgar Braig zeigt dort ab 6. Januar Objekte und Leporellos unter dem Titel „Unterschlupf – für kleine Dinge“.
Freut sich auf die Ausstellung im Café Kunstgalerie Sphäre in Ehestetten: Edgar Braig zeigt dort ab 6. Januar Objekte und Leporellos unter dem Titel „Unterschlupf – für kleine Dinge“. © Foto: Ralf Ott
Ehestetten / Ralf Ott 04.01.2018

Es sind Dinge, die viele Menschen erst einmal gar nicht wahrnehmen, weil sie scheinbar wertlos sind, ohne Sinn – und vor allem aus der Zeit gefallen. Alte Schachteln, Dosen, Spielfiguren aus Plastik und Holz, kleine Stangen, Holzreste, ein Stück von einem Mostfass in Kombination mit der einstmals schicken Holzschale, die unbenutzt als reines Dekostück ihren angestammten Platz in der nussbaumfurnierten Wohnzimmerschrankwand der Großeltern einnahm: All das also mag manchem Blick entgehen, nicht jedoch dem des Münsinger Künstlers Edgar Braig. Er fertigt daraus seit mehr als einem Vierteljahrhundert Objekte und Montagen, verwendet sie als Vorlagen für Leporellos und Collagen, kombiniert phantasievoll Dinge miteinander und verhilft ihnen zu einer neuen Existenz als Kunstobjekt. Einer Existenz übrigens, die sich jeglicher durch den Künstler vorgegebenen Definition entzieht. „Wer sich die Ausstellungstücke betrachtet, dem gehören sie in diesem Moment“. Raum für Interpretationen also.

Unter der Überschrift „Unterschlupf – für kleine Dinge“ zeigt Braig ab dem morgigen Samstag in der Kunstgalerie Sphäre in Ehestetten, die auch Café und Verkaufsstätte für liebevoll restaurierte alte Möbel ist, eine Auswahl aus seinem schier unerschöpflichen Fundus. „Er hat eine unglaubliche Auswahl, da war es sehr schwer, einzelne Stücke  auszusuchen“, erzählt Sphäre-Macherin Maria Tress. In seinen Objekten in Schachteln, Blechboxen, Holzrahmen oder Kartons setzt Braig Dinge neu zusammen, bietet die Chance, Sichtweisen zu verändern.

Seinen Fundus hat er in zwei insgesamt 240 Quadratmeter großen Schuppen am Hungerberg gelagert. „Vom Bauschutt, über Second-Hand-Ware und Flohmarktartikeln bis hin zu vielen Alltagsgegenständen aus Haushaltsauflösungen findet sich dort alles“, so Braig. Ein Beispiel: Der hölzerne Kochlöffel aus der mütterlichen Küche oder der von seinem Vater aus drei defekten Geräten neu zusammengebaute Rasierapparat „Braun Sixtant 6006“ – der Klassiker seiner Zeit – harren dort ihrer Transformation in Kunst.

Seine Leporellos bringen es – aufgefaltet – auf 2,50 Meter Länge. Sie erzählen eine Geschichte, falls der Betrachter sie sieht. Braig kombiniert Collagetechnik mit Zeichnungen und Stempeln. Sie sind im Nebenzimmer des Café auf Regalen aufgebaut. „Und sie dürfen angefasst und in Ruhe aus der Nähe betrachtet werden“, versichert Braig. Bleiben davon sichtbare Spuren zurück, freut er sich sogar, denn dies ist für ihn ein Stück Authentizität und damit etwas, das in der modernen Welt verloren geht. „Ich baue an der Gegenwelt, versuche die zerfallende Welt in ihren verschiedenen Ebenen wieder zusammen zu kitten“, betont Braig, der im vergangenen Jahr mit dem Förderpreis der Kreissparkasse Neu-Ulm/Illertissen ausgezeichnet wurde, und räumt ein: „Das ist natürlich nur ein Versuch“.

Bei der Vernissage am Samstag, 6. Januar, um 15 Uhr, führt die Kunsthistorikerin Zita Hartel in Braigs Werk ein und Achim Tress sorgt am Saxophon für die musikalische Begleitung.

Info Die Ausstellung von Edgar Braig ist in der Sphäre bis zum 11. März zu sehen. Öffnungszeiten: samstags, sonntags und feiertags von 14 bis 18 Uhr – bei Veranstaltungen bis 24 Uhr.

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