Riedlingen "Es hätte brutal scheitern können"

Nach dem offiziellen Akt tauschten sich Bürgels Bürgermeister Christian Nitsch, Andrea und Hans Petermann als Gastgeber, der evangelische Pfarrer Martin Elässer, Generalmajor a.D. Peter Nagel als Festredner und Stadtrat Werner Blank (von links) im Gespräch aus. Foto: Waltraud Wolf
Nach dem offiziellen Akt tauschten sich Bürgels Bürgermeister Christian Nitsch, Andrea und Hans Petermann als Gastgeber, der evangelische Pfarrer Martin Elässer, Generalmajor a.D. Peter Nagel als Festredner und Stadtrat Werner Blank (von links) im Gespräch aus. Foto: Waltraud Wolf
Riedlingen / WALTRAUD WOLF 05.10.2012
Die Erinnerung an künftige Generationen weitergeben: Es war wieder eine beeindruckende Feier im Riedlinger Rathaus am Tag der Deutschen Einheit mit neuen Einblicken in die Geschichte.

Generalmajor a.D. Peter Nagel bescherte den interessierten Zuhörern im voll besetzten Rathaussaal neue Einblicke in die Geschichte und entführte sie in die Zeit der Wende, als er im Verteidigungsministerium Bonn in der militärpolitischen Abteilung und als Berater beim Verteidigungsausschuss des Bundestages tätig war. 1995 wurde er als Brigadekommandeur nach Sachsen-Anhalt berufen, später als Militärattaché an die Deutsche Botschaft nach Moskau und von 2003 bis 2006 fungierte er als Abteilungsleiter Militärpolitik beim Verteidigungsministerium in Berlin. Der gebürtige Oberschwabe lebt jetzt in Naumburg an der Saale und spricht von sich schon als "Sachsen-Anhalter".

Die Deutsche Einheit sei heute schon Geschichte, resümierte er und fand sich dabei im Einklang mit Riedlingens Bürgermeister Hans Petermann und seinem Amtskollegen aus dem thüringischen Bürgel, die beide bedauerten, wie wenig Aufmerksamkeit diesem Nationalfeiertag auf kommunaler Ebene geschenkt werde. Gegen das Vergessen redete dann auch Nagel an.

Die Politik sei völlig unvorbereitet auf die Ereignisse am 9. November 1989 gewesen, als die Mauer fiel. Vordergründig sei alles relativ geordnet abgelaufen. Aber: "Es hätte brutal scheitern können". Er nannte den am 28. November 1989 von dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl aufgestellten Zehn-Punkte-Plan den Befreiungsschlag, der als Ziel die Deutsche Einheit formulierte. Niemand sei davon unterrichtet gewesen.

Dies sei vielleicht die bedeutendste, folgenreichste Regierungs-Erklärung in der deutschen Geschichte gewesen. Danach hätte die bilaterale Arbeit beginnen können. Was seinen Tätigkeitsbereich nach dem Einigungsvertrag am 31. August 1990 anging, nannte er die Entscheidung, was mit den 170 000 Angehörigen der nationalen Volksarmee geschieht und berichtete von einer aggressiven Stimmung. Letztlich sei allen angeboten worden, für zwei Jahre in die Bundeswehr übernommen zu werden. Als Berufs- und Zeitsoldaten taten dies 15 000.

Nagel gehörte auch einer Delegation von Bundestagsabgeordneten an, die in das Thema des Abzuges der sowjetischen Streitkräfte einbezogen war. 340 000 Soldaten waren es, plus Familien. Sie seien vor den Trümmern ihrer Lebensplanung gestanden und hätten erwogen, Asylantrag zu stellen. 15 Milliarden Deutsche Mark seien in einen "Abzug in Würde" geflossen, zum Beispiel für Lebensmittel und Wohnungsbau. Auch das, so Nagel, "hätte fürchterlich schiefgehen können". Sein Ausblick: Das politische Ziel könne nur ein geeintes Europa sein, wirtschaftliche und finanzielle Überlegungen seien nachrangig.

Bürgermeister Petermann unterstrich, für wie wichtig er es halte, die Erinnerung an dieses einmalige geschichtliche Ereignis in künftige Generationen weiter zu tragen. Bürgel und Riedlingen tun dies auf Beschluss der Gemeinderatsgremien wechselseitig. Begründet ist die Freundschaft auf kommunaler Ebene auf Begegnungen der evangelischen Kirchengemeinden, als diese noch im Geheimen stattfinden mussten.

Sein Amtskollege Nitsch, der mit einer fünfköpfigen Delegation angereist war, stellte nach einem internen Austausch auf kommunalpolitischer Ebene fest, dass in Bürgel und Riedlingen sich die Probleme ähneln, aber auch das Vorgehen von Bürgern gegen Entscheidungen. Er sei froh, dass die Einheit stattgefunden habe und dankbar für die Verbundenheit zwischen den Menschen in Thüringen und in Riedlingen. "Wir sind ein Deutschland." Ein Bläserensemble der Stadtmusik umrahmte die Feier musikalisch.

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