Seit vielen Jahren beklagen sich die Menschen in den Ortschaften im Lautertal über den enormen Lärm, den Motorradfahrer vor allem am Wochenende verursachen. Das Landratsamt Reutlingen hat am Mittwochvormittag im Gespräch mit den Medien angekündigt, mit Tempolimits dagegen anzusteuern. Künftig gilt auf einer Strecke von 500 Metern vor und nach den Ortschaften für Motorradfahrer von Mai bis August an Samstagen sowie Sonn- und Feiertagen die innerörtliche Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern weiter. Dazu werden in den kommenden zwei bis drei Wochen 23 Verkehrszeichen aufgestellt. Die übrigen Verkehrsteilnehmer sind davon nicht betroffen.

Appelle wirken nicht

Damit setzt die Kreisbehörde im Dreigestirn „sensibilisieren, kontrollieren und sanktionieren“ erstmals die dritte Stufe um. Die vor mehr als zehn Jahren aufgestellten „Appellschilder“ haben sich als wirkungslos erwiesen. „Unsere Anordnung erfolgt nicht im rechtsfreien Raum, sondern auf der Basis von Messdaten“, betonte Thomas Reumann, Landrat des Kreises Reutlingen. Diese wurden im vergangenen Jahr von Ende April bis Anfang Oktober mit einem neuen, verdeckt aufgestellten Schallmessgerät an 21 Standorten erhoben. Ergebnis: Auf der acht Kilometer langen Strecke zwischen Buttenhausen und Indelhausen wurden an elf Tagen mehr als 1000 Motorräder registriert, an weiteren 16 Tagen waren es mehr als 500 Biker. Unterm Strich waren in der Spitze mehr als einmal gut 1800 Motorräder im Tal unterwegs. Demgegenüber wird auf der Strecke zwischen Buttenhausen und Wasserstetten die Zahl von 500 Motorrädern nicht überschritten, verdeutlichte Reumann.

Im Raum standen weder ein Tempolimit für alle Verkehrsteilnehmer, noch Einschränkungen an sämtlichen Wochentagen oder gar ein grundsätzliches Fahrverbot für Biker. „Wir wollten passgenaue Antworten“, betonte der Landrat. Ein zentrales Ergebnis der Messungen ist, dass am Wochenende bei schönem Wetter besonders viele Motorräder die kurvenreiche Strecke im Lautertal durchfahren, erläuterte Sebastian Ritter, Leiter des Verkehrs- und Ordnungsamtes. „Diese Tatsache lag zwar auf der Hand, aber wir mussten sie mit Daten untermauern“, so Reumann. Im Regelfall sind nämlich Beschränkungen des Verkehrs nach Paragraph 45 der Straßenverkehrsordnung an eine hohe Belastung geknüpft und Tempolimits zum Schutz vor Lärm beruhen somit auf Berechnungen über das Ausmaß der absoluten Verkehrsmenge. Eine Verkehrszählung über alle Tage hinweg hätte im Lautertal einen zu niedrigen Wert ergeben und damit zu keinem Ergebnis geführt. Reumann: „Wir wollten den tatsächlichen Lebenssachverhalt ermitteln“. Damit gehe der Kreis atypisch vor. Denn ein Großteil der Motorräder überschreitet den Schwellenwert von 72 Dezibel, ist zudem nur am Wochenende oder an Feiertagen unterwegs.

Zu den Messwerten kommen die speziellen Gegebenheiten vor Ort hinzu: Die topographische Lage mit der Straßenführung in der Talsohle bewirkt die Verstärkung des Schalls durch die Hänge. Zudem gibt es auf der vergleichsweise kurzen Strecke viele Ortschaften und damit viele Beschleunigungs- und Bremsvorgänge. „In der Begründung für das Tempolimit spielt das individuelle Fahrverhalten keine Rolle, sondern es geht um die Ortschaften, die Topographie und die sehr unterschiedliche Belastung an verschiedenen Tagen“, verdeutlichte Ordnungsdezernent Dr. Claudius Müller. Damit setze der Kreis dort an, wo die Belastung sehr hoch ist. Ziel ist es, Beschleunigung und Abbremsung von den Ortslagen weg zu führen. „Wir nehmen das Thema ernst und Lärm macht erwiesenermaßen krank“, betonte Reumann.

Und auf der anderen Seite werde die „Grenze der Verhältnismäßigkeit gewahrt“, wie Ritter unterstrich. Künftig gilt in den genannten Zeiträumen für Motorräder auf fünf der insgesamt acht Kilometer Länge die Begrenzung 50 km/h.

Messungen ausweiten

Letztlich aber „ist dies ein erster Anlauf“, sagte Reumann, „wir werden die Messungen in diesem Jahr auf vergleichbare Strecken im Landkreis ausweiten“. Im Visier der Kreisbehörde sind vor allem der Abschnitt bei Dapfen und das Seeburger Tal. Aber auch im Bereich der Zwiefalter Steige könnte der Lärmschutz Tempobegrenzungen erforderlich machen.

Überdies ist das Thema „sensibilisieren“ genauso wenig vom Tisch wie Kontrollen durch Landratsamt und Polizei. In Zusammenarbeit mit Landratsämtern in Esslingen und Stuttgart wurden bereits Anträge auf Führung eines Fahrtenbuchs gestellt für jene Halter von Motorrädern, mit denen gravierende Verstöße begangen wurden, ohne dass der Fahrer festzustellen war.