Albklinik „Die Hoffnung stirbt zuletzt“

Das Hebammen-Team an der Albklinik hat dem Reutlinger Landrat Thomas Reumann vorgeschlagen, mit einer Verlegung aller Geburten im Landkreis, die mit einem Kaiserschnitt gemacht werden müssen und risikolos sind, die Zeit bis zum Start der geplanten Hauptabteilung für Geburtshilfe zu überbrücken.
Das Hebammen-Team an der Albklinik hat dem Reutlinger Landrat Thomas Reumann vorgeschlagen, mit einer Verlegung aller Geburten im Landkreis, die mit einem Kaiserschnitt gemacht werden müssen und risikolos sind, die Zeit bis zum Start der geplanten Hauptabteilung für Geburtshilfe zu überbrücken. © Foto: Archiv/dpa
Münsingen / Von Ralf Ott 10.04.2018

Die Bürgerinitiative für die Albklinik ist wieder erwacht: Im Gasthof Herrmann nahmen am Montagabend rund 50 Interessierte an einer Diskussion über die aktuellen Entwicklungen bei der Geburtshilfe an der Albklinik Münsingen teil. Dort leisten die beiden Belegärzte Bernd Angermann und Dr. Gerhard Schnitzer gemeinsam mit einem engagierten Team von Hebammen seit vielen Jahren eine überaus erfolgreiche Arbeit. So erfolgreich, dass immer mehr Frauen sich für eine Geburt in Münsingen entschieden haben und die beiden Gynäkologen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht haben (wir haben berichtet). Die Suche nach einem weiteren Belegarzt verlief zwar erfolglos, doch der Landeskrankenhausausschuss gab überraschend schnell grünes Licht für die vom Landkreis parallel dazu beantragte Einrichtung einer Hauptabteilung. Die für den regulären Betrieb erforderlichen fünf Frauenärzte lassen sich jedoch nicht von heute auf morgen finden. Daher ruhte die Hoffnung von Anfang an auf der Bereitschaft der beiden Gynäkologen, ihre Arbeit als Belegärzte noch bis Ende des Jahres und damit bis zum angedachten Start der Hauptabteilung fortzuführen.

Beide Ärzte hatten nach mehreren Gesprächen mit Landrat Thomas Reumann und Norbert Finke, Geschäftsführer der Reutlinger Kreiskliniken, allerdings signalisiert, dass sie die enorme Arbeitsbelastung und die daraus resultierenden Nachteile für ihre Praxen nicht mehr länger tragen können und wollen.

Von seinem „Amt als Sprecher der BI nicht abgesetzt“, gab der Münsinger Arzt und stellvertretende Bürgermeister Dr. Eberhard Rapp das Motto „die Hoffnung stirbt zuletzt“ als Leitmotiv des Abends aus. Die Anzahl der Geburten in Münsingen sei über die Schwellenzahl von 500 gestiegen. „Nun steht die Hauptabteilung für Münsingen im Bedarfsplan“, sagte Rapp. Entscheidend sei jetzt, die beiden Gynäkologen dazu zu bewegen, vielleicht doch weiterzumachen und ihr Lebenswerk nicht zu gefährden. „Ende 2018“ nannte er „als realistischen Zeithorizont“ für den Start der Hauptabteilung.

„Die Hebammen an der Albklinik haben volles Verständnis für den Schritt der beiden Frauenärzte“, betonte Antje Buck, Teamleiterin der Münsinger Hebammen. Angesichts der laufend gestiegenen Geburtenzahl sei der zeitliche Aufwand und der Dauerbereitschaftsdienst enorm. „520 Geburten sind viel zu viel für ein Belegarztsystem mit zwei Gynäkologen“, betonte Buck, „auch dieses Jahr werden die Zahlen wieder zunehmen“. Sie warnte vor längeren Anfahrtswegen, wenn an der Albklinik keine ärztlich begleitete Geburt mehr möglich sei. „Wir kämpfen für die schwangeren Frauen und in zweiter Linie auch um unsere Arbeitsplätze“, sagte sie. Zwar habe der Kreis die Übernahme aller Hebammen am Standort Reutlingen angeboten, doch für einen Teil ihrer Kolleginnen, die in Blaubeuren, Ulm oder Laichingen wohnen, sei das keine Option. „Unser Ziel ist ein nahtloser Übergang vom 30. April auf den 1. Mai“, unterstrich Buck. Geht es nach dem Wunsch der Hebammen, geschieht dies gemeinsam mit den beiden Belegärzten. Funktioniert das nicht, haben die Hebammen eine Möglichkeit entwickelt und Landrat Reumann vorgestellt, um den Betrieb der Geburtshilfe in der Übergangszeit nicht einstellen zu müssen. Von Mai bis Dezember sollten „alle risikolosen Kaiserschnitte“ im Kreis in Münsingen vorgenommen werden. Das ließe sich an ein oder zwei OP-Tagen bewerkstelligen. „Auch dieses Modell würden wir am liebsten mit den beiden Gynäkologen umsetzen“, betonte Buck. Neben der Planbarkeit würde dies auch eine zeitliche Entlastung bedeuten. Der Reutlinger Landrat habe ihnen für den 20. April eine Antwort angekündigt, sagte Buck.

Bis zur Einrichtung der Hauptabteilung könnten, so die Idee am Montag, Ärzte im Ruhestand oder zum Beispiel Ärztinnen, die derzeit in einer Teilzeitanstellung arbeiten, die beiden Münsinger Belegärzte unterstützen und zu deren zeitlicher Entlastung beitragen. Der Kreis müsste die betreffenden Ärzte anstellen. Eine in der Diskussion vorgeschlagene Vertretung von Angermann und Schnitzer durch Frauenärzte des Reutlinger Klinikums scheitert dagegen am Belegarztmodell, erläuterte der frühere Chefarzt für Münsingen und Urach, Dr. Siegfried Hahn. Rapp warb dafür, die Hauptabteilung gegebenenfalls auch schon mit zwei Ärzten an den Start gehen zu lassen, um die Übergangszeit möglichst kurz zu halten.

Neben dem Wunsch, dass „die beiden Belegärzte ihre über alles geschätzte Arbeit fortsetzen“, so Rapp, appellierte die BI an den Kreis, die Angebote an die Ärzte noch einmal nachzubessern. Ziel: Eine sofortige Verringerung der Arbeitsbelastung und ein annehmbares Angebot zur Lösung des Dilemmas zwischen Anstellung und Selbstständigkeit.

Deutlich wurde am Montagabend auch, dass die Kapazitäten mit Blick auf den Kreißsaal im Reutlinger Klinikum bei 2150 Geburten im vergangenen Jahr „völlig ausgelastet“ sind. Auch wenn ein Teil der 520 „Münsinger“ Geburten dann vermutlich in Blaubeuren, Ehingen oder Nürtingen stattfände, müsste Reutlingen mit schätzungsweise rund 300 zusätzlichen Geburten rechnen. Und: „Die Frauen brauchen eine Anlaufstelle in Münsingen“, betonte eine Zuhörerin.

Info Das nächste Treffen der BI Albklinik zum Thema Geburtshilfe findet am Montag, 23. April, um 19 Uhr im Gasthof Herrmann statt.