Zwiefalten „Das kommt einer Revolution gleich“

Zwiefalten / Von Ralf Ott 17.05.2018

Im Regelfall mussten schwer psychisch erkrankte Menschen sich bislang bei einem stationären Aufenthalt in einer Klinik behandeln lassen – oder sie verweigerten sich diesem Schritt, sofern keine richterliche Anordnung auf Einweisung bestand. Die Gründe dafür, den Aufenthalt in der Klinik abzulehnen, können nach Erfahrung der psychiatrischen Ärzte vielfältig sein. In diesen und anderen Fällen eröffnet die Stationsäquivalente Behandlung (StäB) jetzt ganz neue Perspektiven – und so wertet Professor Dr. Gerhard Längle, Regionaldirektor Neckar-Alb im ZfP (Zentren für Psychiatrie) Südwürttemberg, das neue Modell schlicht als eine „Revolution in der psychiatrischen Versorgung“.

Doch was steckt hinter dem leicht sperrigen Begriff? Kurz gesagt: Psychisch Erkrankte werden in ihrem gewohnten Umfeld durch medizinische Teams genauso versorgt wie bei einem klinischen Aufenthalt. Dazu können sie jedoch weiter zu Hause wohnen oder beispielsweise in der vertrauten Atmosphäre ihres Pflege-, Alten- oder Jugendwohnheims bleiben. Als „Speerspitze“ hat das ZfP Südwürttemberg – mit den Standorten unter anderem in Zwiefalten und Reutlingen – als erster Klinikverbund in Deutschland die neue Behandlungsform bereits flächendeckend eingeführt.

Nicht zuletzt aufgrund ihrer Vorreiterrolle haben die ZfP jetzt die zweite „Südwestdeutsche StäB-Tagung“ mit rund 250 Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet ausgerichtet. Zudem haben Mitarbeiter aus Kliniken in Berlin, Essen, Köln und München einige Tage lang in den ZfP-Kliniken hospitiert, um praktische Erfahrungen zu sammeln und sich ein Bild davon zu verschaffen, wie die theoretischen Rahmenbedingungen und Vorgaben sich in der neuen Behandlungsform konkret umsetzen lassen. Denn: „Wir sind bundesweit schon einen Schritt weiter“, sagte Längle jetzt bei einem Pressegespräch.

Vor dem Start am 1. Januar haben sich die Akteure in den ZfP intensiv mit den Möglichkeiten, „StäB“ zu realisieren, befasst. Etwa eineinhalb Jahre lang hat sich eine 25-köpfige Arbeitsgruppe mit Mitarbeitern aus allen Fachbereichen und der Klinikleitung das Thema schrittweise erarbeitet. „Das war mit einem enormen Arbeitsaufwand verbunden“, erinnert sich Ralf Aßfalg, Pflegedirektor des ZfP Zwiefalten. „Gesetzliche Rahmenbedingungen mussten umgesetzt und Modalitäten für die Abrechnung erstellt werden“, berichtet Projektkoordinatorin Melanie Gottlob. Die Höhe der Pflegesätze wiederum müssen die Kliniken individuell aushandeln, erläuterte Längle.

„Im Vorfeld mussten wir auch klären, welche Patienten überhaupt für eine solche Behandlung in Frage kommen“, berichtet Dr. Hubertus Friedrich, Ärztlicher Direktor am ZfP Zwiefalten. Die dabei erarbeiteten Kriterien dienen künftig als Leitfaden zur Beurteilung. Zusammen mit Aßfalg oblag ihm die praktische Umsetzung. Für die Behandlung wurde ein eigenständiges „StäB“-Team mit zehn bis zwölf Mitarbeitern auf die Beine gestellt, so Aßfalg. „Das stärkt die Identifikation mit der neuen Aufgabe“, betont der Pflegedirektor. In einem Team finden sich Ärzte, Pflegefachkräfte, Sozialarbeiter, Kunst- und Ergotherapeuten sowie Psychologen. Vorgesehen ist die begleitende Forschung in Form von zwei Doktorarbeiten.

Laut Aßfalg müssen die StäB-Akteure umdenken, wenn sie den Patienten zu Hause aufsuchen. „Dort gelten dessen Regeln, und wenn er zum Beispiel im Bett rauchen möchte, können wir das nicht verbieten“. Ziel ist es für das ZfP in Zwiefalten, im Schnitt sieben Patienten nach dem neuen Modell zu behandeln. Die selbe Anzahl wird bei der Bettenanzahl auf den Stationen abgezogen. Die Patienten müssen in maximal 30 Minuten Fahrzeit erreichbar sein. Mindestens eineinhalb Stunden sind als tägliche Kontaktzeit definiert, wobei dies je nach Aufgabe in der Summe durch verschiedene Mitarbeiter erfolgt. Zum Portfolio kann aber auch der abendliche Anruf gehören. „Der Aufwand ist organisatorisch und personell immens“, betont Friedrich, „aber zugleich ist es ein Schatz, die Patienten zu Hause zu erleben“. Aus dem Umfeld und den persönlichen Lebensverhältnissen lassen sich viele wichtige Rückschlüsse für die Diagnose und Behandlung ziehen. Und vor allem sei es möglich, Menschen zu erreichen, die sich einem Klinikaufenthalt entziehen – zum Beispiel weil eine alleinerziehende Mutter ihr Kind sonst nicht mehr betreuen kann, ein Haustier nicht versorgt wäre oder die auf einer Station unvermeidliche Nähe zu anderen Menschen nicht toleriert wird.

Eine wichtige Voraussetzung für StäB ist das Einverständnis der Mitbewohner. Bislang sind die Erfahrungen allerdings ausnahmslos positiv. „Die Angehörigen nehmen es positiv auf und liefern uns zudem weitere wichtige Informationen“. Das gilt auch für die Patienten, die Friedrich „dankbar, wertschätzend und freundlich“ den Teams gegenüber schildert.

Grundlagen und Rahmenbedingungen

Als Grundlage für die Umsetzung der StäB dient eine Vereinbarung zwischen dem Spitzenverbänden der gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Dort sind Grundsätze festgelegt, die sich auf die Patienten, die häusliche Umgebung – zu der auch Pflegeeinrichtungen gehören – und die Behandlung sowie die Dokumentation beziehen. Der gesetzliche Rahmen wurde im neuen Psychiatrie-Versorgungs- und Vergütungs-Gesetz (PsychVVG) im August 2016 geschaffen.