Gomadingen "Albkorn hat Pionierarbeit geleistet"

Gomadingen / REINER FRENZ 27.03.2015
Die Erzeugergemeinschaft Albkorn hat mit einem Festakt am Mittwoch in Gomadingen ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert. Mehrere Redner lobten die Jubilarin, deren Gründer Pionierarbeit geleistet hätten.

So voll war es im Sitzungssaal des Gomadinger Rathauses wohl noch nie: Zahlreiche geladene Gäste hatten sich am Mittwochabend eingefunden, um zusammen mit den Akteuren der Erzeugergemeinschaft Albkorn das 20-jährige Bestehen des Zusammenschlusses von Landwirten, Bäckern, Mühle und Brauerei zu feiern.

Gomadingens Bürgermeister Klemens Betz erinnerte sich noch gut daran, wie er vor 20 Jahren gefragt wurde, ob in seinem Rathaus die Albkorn-Gründungsveranstaltung stattfinden könne. Viele hätten der Erzeugergemeinschaft keine Aussicht auf Erfolg gegeben. Es sei anders gekommen. Vor 20 Jahren habe man noch keine regionalen Produkte gehabt, das habe sich geändert, auch dank Plenum und Biosphärengebiet. Betz unterstrich die Bedeutung der Bäckereien vor Ort, die Standortfaktor par excellence seien.

Landrat Thomas Reumann erklärte, dass die Albkorn-Akteure ihrer Zeit weit voraus gewesen seien, so etwas wie Vordenker waren. Sie hätten Mut und Tatkraft bewiesen, als sie Pionierarbeit weit über die Grenzen des Landkreises hinaus leisteten.

Albkorn-Mitbegründer Wolfgang Sautter sprach von einem großen Freudentag, nannte Albkorn eine Erfolgsgeschichte. Er erinnerte an die Anfänge. 1993 habe man im Tal die Eninger Mühle verloren. Er habe damals mit Erwin Luz aus Buttenhausen gesprochen, ihn gefragt, ob er nicht ein oder zwei Bauern finden könne, die für seine Bäckerei Getreide produzieren könnten. Aus diesem Gespräch sei Albkorn entstanden: "Wir haben am Anfang von niemanden Unterstützung gehabt", betonte Sautter.

Es sei zunächst ein schwieriger Weg gewesen, habe für die beteiligten Landwirte große Umstellung bedeutet. Mit 21 Bauern und sieben Bäckereien habe man begonnen, heute seien es 23 Landwirte und elf Bäckereien. Sautter strich die Vorzüge der Bäckereien gegenüber den Discountern hervor, die etwa im direkten Kontakt zu den Kunden bestünden.

Der frühere Landesinnungsmeister hatte aber auch bedenkliche Zahlen parat. So habe sich seit 1995 die Zahl der Bäckereien in den Landkreisen Reutlingen und Tübingen von 168 auf 40 reduziert. In den Bäckereien werde heute nur noch 32 Prozent des Brotes verkauft, wusste Sautter. Das Kaufverhalten der Menschen habe sich verändert. Diese gingen in die Supermärkte. Wohl dem, der dort einen Vorkassenladen habe, freilich erkauft durch hohe Mieten.

Erwin Luz erklärte, dass bei Albkorn die Zielsetzung gewesen sei, weniger zu spritzen und zu düngen, was allen zugute komme, letztlich auch zu besserem Trinkwasser führe. Das führe freilich auch zu einem höheren Mehlpreis. Inzwischen werden in der Mühle mehr als 2000 Tonnen Getreide jährlich gemahlen, von denen zwei Drittel an die Bäcker gehen. Die Getreidemühle habe zuletzt zwei Millionen Euro in neue Silos investiert und baue jetzt eine neue Trocknungsanlage.

Landwirt Helmut Holzschuh, ebenfalls Albkorn-Gründer, bekräftigte, dass die Landwirte mit Herzblut dabei seinen. Gleich zu Beginn habe er sich stark dafür gemacht, dass die Produkte der Bauern von neutraler Seite aus kontrolliert würden. Die Wertschätzung aller Akteure untereinander sei groß, berichtete Holzschuh, man sehe sich nicht als Konkurrenten.

Ulrich Zimmermann, Chef der Berg-Brauerei, ist sich sicher, dass Albkorn "eine gute Zukunft haben wird". Bäckermeister Klaus-Dieter Glocker wusste, dass es die Kunden sind, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, wichtig sei es, Vertrauen aufzubauen. An die politischen Mandatsträger richtete er den Appell, der zunehmenden Bürokratie Einhalt zu gebieten. Sorge bereitet ihm, dass immer weniger junge Leute das Bäckerhandwerk lernen wollen. Umrahmt wurde das Programm mit den Lautertalmusikanten und einem humorvollen Beitrag mit Bräuwirtin Antonia und Bierkutscher Gottlieb. Im Anschluss an den Festakt konnten sich die Gäste an gebackenen Spezialitäten erfreuen - und die Zeit für Gespräche nutzen.

Fakten zu Albkorn

Die Erzeugergemeinschaft Albkorn ist ein Zusammenschluss von derzeit 23 landwirtschaftlichen Betrieben auf der Reutlinger, Münsinger und Ehinger Alb, elf Bäckereien auf der Alb und im Vorland, der Getreidemühle Luz in Buttenhausen und der Berg-Brauerei in Ehingen. Die Landwirte erzeugen das Albkorn-Getreide in integrierter, durchgehend kontrollierter Produktion nach den Richtlinien des Qualitätszeichens Baden-Württemberg. Auf 280 Hektar Fläche werden für Alkorn vorwiegend Weizen (90 Prozent), Roggen und Dinkel angebaut. Die jährliche Ernte von 2200 Tonnen Getreide wird zu 1200 Tonnen Albkorn-Mehl vermahlen. Etwa 70 Prozent davon verarbeiten die Albkorn-Bäcker, die anderen 30 Prozent gelangen in den Handel. Auf weiteren 60 Hektar wachsen jedes Jahr 250 Tonnen Braugerste für die Berg-Brauerei. Das Getreide wird komplett von der Geteidemühle Luz verarbeitet. Die Bäcker haben sich verpflichtet, ausschließlich Albkorn-Mehl für ihre Backwaren zu verwenden.

SWP