Reutlingen Therapie als zweite Chance

Um Drogenhandel mit harten Drogen ging es vor dem Reutlinger Amtsgericht.  Archivfoto:
Um Drogenhandel mit harten Drogen ging es vor dem Reutlinger Amtsgericht. Archivfoto: © Foto: Ralph Bausinger
Reutlingen / Alexander Thomys 02.01.2019
Ein 40-jähriger Mann aus einer Neckargemeinde wird vor dem Reutlinger Amtsgericht wegen Drogenhandels verurteilt. Gehandelt hatte er mit Kokain und Kiloweise Marihuana.

Äußerst erfolgreich ging die Rauschgift-Ermittlungsgruppe am Polizeipräsidium Reutlingen im vergangenen Jahr gegen mehrere Männer vor, die voneinander Drogen gekauft und diese anschließend zum großen Teil auch weiterverkauft hatten. Als die Ermittler auf zwei Drogenhändler aufmerksam wurden und diese unter anderem per Telefonüberwachung beobachteten, kamen sie weiteren Männern auf die Spur. Nun saß ein 40-Jähriger aus einer Neckargemeinde vor Gericht, der einem Mann mehrfach Drogen beschafft hatte, welche dieser ebenfalls weiterverkaufte.

Die Beamten kamen den Männern hauptsächlich durch die Telefonüberwachung auf die Schliche. Und merkten bald, welche Codewörter verwendet wurden. Ein „Eiscafe“ stand da für Kokain, „Zum Italiener gehen“ für Marihuana. Mit einer „Tischbestellung“ wurden Termine zur Übergabe vereinbart.

Am Ende griff die Ermittlungsgruppe zu: Als ein Handel stattfand, nahmen die Beamten den Käufer mit 42 Gramm frisch erworbenem Kokain fest, gleichzeitig setzten Polizeibeamte den nun angeklagten Mann auf seiner Arbeitsstelle fest. Parallel wurde seine Wohnung durchsucht, wo nach Polizeiangaben „in jeder Ecke“ Drogen oder Utensilien zum Drogenhandel entdeckt wurden. Es wurde eine lange Liste: Unter anderem fanden die Beamten 7,2 Gramm Kokain, 500 Gramm Amphetamine, 130 Ecstasy-Tabletten und 460 Gramm Haschisch. Hinzu kamen fast 10 000 Euro Bargeld.

Die von der Staatsanwaltschaft Tübingen angeklagten zwölf Fälle von unerlaubtem Handel und Besitz von Betäubungsmitteln, welche die Ermittlungsgruppe durch die Telefonüberwachung nachgewiesen hatte, gab der Angeklagte gleich zu Beginn des Prozesses unumwunden zu. Zugleich betonte der Angeklagte, den Drogenhandel nur auf Wunsch seines Abnehmers durchgeführt zu haben. Dieser, ein „ehemaliger Arbeitskollege“ habe ihn mehrfach darauf angesprochen.

Von Staatsanwältin Nicole Luther auf seine eigenen Bezugsquellen angesprochen, wurde der 40-Jährige dagegen recht einsilbig. Dazu wolle er „besser nichts sagen“, erklärte der Mann, der nach eigenen Angaben mit seiner Vergangenheit „abschließen“ möchte. Seit seiner Inhaftierung vor einem halben Jahr sei er in Untersuchungshaft drogenfrei geblieben. „Mir ging es beim Entzug furchtbar. Jetzt fühle ich mich wieder gut und fit. Ich war damals in hohem Maße Drogenabhängig und in einem jämmerlichen körperlichen und psychischen Zustand“, erklärte der Mann, der bis zu seiner Inhaftierung als Vorarbeiter auf dem Bau tätig gewesen ist.

Vor rund zehn Jahren war der Angeklagte bereits wegen Drogenhandels zu drei Jahren Haft verurteilt worden – er machte dann eine Therapie und kam wieder auf die Beine. „Ich habe nur gelegentlich bei Festen konsumiert“, berichtete der 40-Jährige. Dann verstarb einer seiner besten Freunde. „Ich war durcheinander, habe es in mich reingefressen.“ Die Lösung fand der Facharbeiter in den Drogen. „Ich war so unter Druck, dass ich nur aufgeputscht zur Arbeit gehen konnte. Abends platzte dann schier mein Kopf, also brauchte ich etwas um wieder runter zu kommen.“ Teilweise will der Angeklagte in dieser Phase mehrere Tage am Stück nicht geschlafen haben. Was nicht ohne Folgen blieb: Auf dem Bau kam es zu Blackouts, manchmal verlor der Mann plötzlich das Bewusstsein. „Gegenüber den Kollegen und dem Chef habe ich natürlich nichts eingestanden. Auch ich selbst habe in meinem Drogen-Kopf an eine andere Ursache geglaubt und bin von Arzt zu Arzt gelaufen“, erklärte der geständige Angeklagte.

Ein Kreislauf, der sich wohl fortgesetzt hätte, wäre die Polizei nicht eingeschritten. Bis zum Beginn des Prozesses war der Angeklagte in der Justizvollzugsanstalt Villingen-Schwenningen in Untersuchungshaft, nahm dort auch Kontakt mit der Drogenberatungsstelle auf. Die Finanzierungszusage eines Therapieplatzes könnte in diesem Monat erfolgen. „Ich will mein Leben wieder in den Griff kriegen“, erklärte der Angeklagte glaubhaft.

Richter Eberhard Hausch und die beiden Schöffinnen Annette Jung und Ute Seitz wollten dem Angeklagten diese Chance nicht verwehren und verurteilten ihn zu zwei Jahren und sieben Monaten Haft – und befürworteten, dass dieser statt der Haftstrafe auch eine Therapie angehen kann, zumal die Untersuchungshaft angerechnet wird. Fast 30 000 Euro, die der Angeklagte durch den Verkauf von Drogen erhalten hat, werden dem Mann eingezogen. Ebenso trägt der 40-Jährige die Kosten des Verfahrens.

Staatsanwältin Luther hatte zwei Jahre und zehn Monate Haft für den unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln gefordert und den Einzug des Geldes beantragt. Verteidiger Thomas Rall dagegen zwei Jahre und fünf Monate Haft. Rall hielt auch die Einbehaltung von nur 6000 Euro für angemessen. Am Ende akzeptierten beide Seiten das Urteil, das damit noch im Gerichtssaal rechtskräftig wurde.

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