Zwei wie Bonnie und Clyde: Der Lindenhof zeigt Tom Müllers und Sabine Misiornys Komödie um zwei Möchtegern-Bankräuber namens Manni und Chantal. Die zwei Pechritter wollen sein wie das berühmte US-Verbrecherduo Bonnie und Clyde aus den 1930er Jahren. Sie träumen von Geld, Freiheit und Las Vegas, schaffen es aber trotz mehrerer Anläufe nicht, einen einzigen anständigen Bank-Überfall über die Bühne zu bringen – eine Orgie des Scheiterns in ungefähr drei Akten.

Auch in der Räuber-Romantik-Branche wird am Personal gespart, und so wird im Stück das Mittel der indirekten Erzählung gewählt. Das Publikum sieht also leider nicht, wie Carola Schwe­lien und Bernhard Hurm mit Strümpfen überm Kopf in die Geldhäuser eindringen und dort alle schalou machen. Sie tauchen jeweils erst dann vor den Zuschauern auf, wenn sie mal wieder freudetrunken und siegessicher im Versteck ankommen und ihre Heldentaten rekapitulieren.

So plappern, streiten und tanzen sie den ganzen Abend in einem offenbar als Depot genutzten Kellerversteck: Überall stehen geheimnisvolle Schuhkartons herum auf der von Claudia Rüll Calame-Rosset, die auch für Regie und Kostüme verantwortlich zeichnet, gestalteten Bühne. Aber statt ihre Beute zu sichten oder wenigstens zu schauen, was in den Kartons ist, wird erstmal ausgiebig gefeiert. Und im Radio gelauscht, ob sie schon so berühmt sind wie Bonnie und Clyde. Die Lokalnachrichten berichten allerdings nur von einem Gaunerpärchen, das statt der erhofften Geldbündel die Einkäufe einer Oma erbeutet habe.

Ein Gaunerpärchen

Die zwei kriegen sich nicht mehr ein vor Schadenfreude – bis sich herausstellt, dass sie es waren, die die Tüten verwechselt haben. So sind die beiden wahrhaft dümmer als die Polizei erlaubt, was in den darauf folgenden 100 Minuten ausgiebig vorgeführt wird: Carola Schwelien als geistig schwerfällige und naive Gangsterbraut, die sich mit ihrer Wortklauberei selbst im Weg steht. Immer wieder macht sie jedoch gute Miene zum bösen Spiel, wenn Bernhard Hurm als Tretmine Manni mal wieder losbrüllt und böse zu ihr ist.

Immer wieder ein neuer Plan

Aber wer gerne mal scheitert, braucht einfach nur immer wieder einen neuen Plan. Und so steigern sich auch diese beiden Stehaufmännchen sofort in die nächste Euphorie hinein, bevor wieder alles in die Hose geht – in einer Endlosschleife gefangen.

Lustig ist die Banalität der Umstände, an denen sie scheitern. Dass die beiden ihren jeweils nächsten Coup immer und immer wieder durchspielen, entwickelt sich allerdings zu einer recht zähen Angelegenheit. Der Witz des Stücks, nämlich dass die jeweiligen Pannen immer nur scheibchenweise ans Licht kommen, verbraucht sich währenddessen schnell.

Aber Schwelien und Hurm spielen tapfer ihre Szenen durch und versuchen, wenigstens das wechselvolle Gefühlsleben ihrer Protagonisten mit viel Herzblut und Improvisation zu verkörpern.

Deshalb tanzen, streiten und versöhnen sich die kriminellen Traumtänzer was das Zeug hält in dieser Inszenierung, leben von Luft, Liebe, Kaffee, Phantasien und vermeintlich genialen Plänen. Manni und Chantal sind stets intensiv im Hier und Jetzt, auch wenn sie durch Eigeninitiative nie auf einen Grünen Zweig kommen.

Eigentlich tragisch, permanent gegen sein Schicksal anzurennen, ohne jemals etwas zu erreichen. Sisyphus kann ein Lied davon singen. Schweliens Chantal erträgt es mit Fassung und Würde – ein kurzes emotionales Gedächtnis kann auch ein Segen sein. Hurm dagegen lässt seinen Manni mit der Knarre herumfuchteln und alle erdenklichen emotionalen Facetten durchleben als eine Mischung aus herrschsüchtigem Lederjacken-Obermacker und so bockigem wie begeisterungsfähigem Kleinkind. Weil seine Chantal so grandios einfach gestrickt ist, gerät Manni mehrfach an den Rand des Wahnsinns.

Bis sie die Erfahrung machen, dass sie den Schatz – wie so oft in der Literatur – direkt vor Augen haben. Am Ende sehen wir „Bonnie, heute im Kleid“ – und Clyde im Glück.

Weitere Termine im Dezember und Januar


„Zwei wie Bonnie und Clyde“ zeigt das Theater Lindenhof in der Scheune wieder am Donnerstag/Freitag, 5./6. Dezember, sowie am 15. und 30. Dezember, jeweils 20 Uhr, am 31. Dezember um 16.30/19.30 Uhr – mit Sektempfang – und am 4./5./6. Januar.