Wittlingen Eine ungewöhnliche Seilschaft

20 Minuten verweilten die beiden Bergsteiger auf dem Gipfel, danach folgte der Abstieg.
20 Minuten verweilten die beiden Bergsteiger auf dem Gipfel, danach folgte der Abstieg. © Foto: Privat
Wittlingen / Simon Wagner 15.09.2018

Die eine oder andere Abkühlung dürfte sich wohl so manch einer im zurückliegenden Rekord-Sommer gewünscht haben. Den Trip, den allerdings die beiden Bergsteiger Martin Grossmann und Florian Storkenmaier hinter sich gebracht haben, wäre für die meisten dann vermutlich doch etwas zu extrem ausgefallen.

Der 64-Jährige aus Wittlingen und sein 18-Jährige Neffe vom Bodensee, waren im August dreieinhalb Wochen im Grenzgebiet zwischen Kirgistan und Tadschikistan unterwegs. Als  generationenübergreifende Seilschaft erklommen sie dort, in eisiger Kälte und schneidendem Wind, den „Pik Lenin“, der mit seinen 7134 Metern der höchste Gipfel der Transalai-Kette im nördlichen Teil des Pamir-Gebirges ist.

War es für den 18-Jährigen die erste Bergtour der extremen Art, wusste er mit Martin Grossmann einen erfahrenen Begleiter an seiner Seite. Immer wieder zieht es ihn zu Abenteuern der besonderen Art. Sei es, als er 2016 die Seidenstraße auf rund 2400 Kilometern befuhr oder während verschiedenen Bergtouren nicht nur in heimischen Gefilden. In Nepal etwa bestieg er schon mehrfach 6000er, nun kann er sich seinen ersten 7000er ans Revers heften. Froh, diese Herausforderung gemeistert zu haben, geht es ihm gleichwohl nicht darum, Trophäen zu sammeln, wie er betont, sondern darum, seine Träume zu leben – auch im vergleichsweise hohen Alter.

In den verschiedenen Lagern, die die beiden Abenteurer während ihres etappenweisen Aufstiegs absolvierten, zog das ungleiche Paar jedenfalls die verwunderten Blicke der übrigen Gipfel-Aspiranten auf sich. Auch weil sie sich ganz ohne Unterstützung von Führern und Trägern auf den Weg machten. Die Mischung aus erfahrener Gelassenheit und jugendlichem Eifer schien jedoch gestimmt zu haben. Denn den Gipfel erreichen tatsächlich nur rund 30 Prozent derer, die dorthin aufbrechen.

Viele Gefahren und Unwegsamkeiten ließen auch die beiden hinter sich. Um sich an die Höhen zu gewöhnen, liefen sie die Teiletappen zweimal ab, getreu dem Bergsteiger-Motto: „Go High, sleep down“ (Hoch steigen, tief schlafen). Sie überquerten, mit Blick in 20 Meter tiefe Gletscherspalten, wacklige Leitern, vor allem aber befolgten sie die eiserne Regel, mindesten sieben Liter Wasser am Tag zu trinken. In der lebensfeindlichen Höhe dickt ansonsten das Blut ein. Eine Umkehr wäre in diesem Fall obligatorisch.

Stattdessen haben sie sich Zeit gelassen, auf sich und ihre Körper geachtet. Lediglich beim letzten Aufstieg auf den Gipfel, sagt Grossmann, sei er an seine Grenzen gekommen. Auf der sieben Kilometer langen Schlussetappe hatten sie sich mitten in der Nacht um halb drei gemacht. Gegen 14 Uhr erreichten sie den Gipfel. Bei minus 18 Grad und schneidenden Winden kamen Grossmann die letzten 500 Meter allerdings wie Kilometer vor. In sein Tagebuch notierte er: „Ich werde immer langsamer, aber ich will nicht aufgeben.“ Den Moment, als schließlich der Gipfel erreicht war, so erzählt er, habe er erst gar nicht realisiert. Ein bisschen habe er sich wie in Trance gefühlt. 20 Minuten verweilten sie dort, wo eine Lenin-Büste die Ankömmlinge begrüßte. Kurz war der Aufenthalt auch deswegen, weil jeder Bergsteiger weiß: Ein Berg ist erst dann bestiegen, wenn man wieder unten angekommen ist.

Auf dem Rückweg gab es denn auch noch mehrere brenzlige Situationen zu überstehen, so wurde ihr Zelt etwa von einer Windböe erfasst. Nur in letzter Sekunde bekamen sie es noch zu fassen. Risiken, die trotz vorheriger Planung, freilich nicht ausgeschlossen werden können. Akribisch hatten sich die beiden vorbereitet. Angefangen beim wochenlangen Ausdauertraining, über einen ausgefeilten Aufstiegsplan, bis hin zur prall bestückten Packliste, die von Steigeisen über Eispickel bis hin zu Nahrungsmittel reichte. Als sie aufbrachen, hatten die Männer insgesamt 90 Kilogramm Gepäck auf ihren Rücken.

90

Kilogramm hatten Martin Grossmann (64) und Florian Storkenmaier (18) als Gepäck dabei, als sie im August den 7134 Meter hohen Gipfel des „Pik Lenin“ bestiegen.

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