Es ist ein kalter Wintermorgen. In der Nacht hat Schneefall eingesetzt, sodass nun am frühen Morgen das Vorankommen nicht ganz leicht ist. Auf der Bundesstraße nach Bad Urach hatten die Autofahrer den Schnee plattgewalzt, bevor der Räumdienst aktiv werden konnte. In einem Hof in der Pfählerstraße sind die Mitarbeiter eines Handwerksbetriebes schon bei der Arbeit, beladen ihre Transporter und befreien sie vom Schnee. Aktiv sind an diesem Morgen um halb acht aber auch schon Ehrenamtliche: Ursula und Helmut Röken treffen gut gelaunt ein. Das Ehepaar aus Hengen engagiert sich für den Uracher Tafelladen.

Unter dem Dach der Diakonie können in der Uracher Tafel Menschen mit geringem Einkommen, die etwa Sozialhilfe beziehen oder als Asylbewerber in der Stadt leben, günstig Lebensmittel einkaufen. „Um bei uns Kunde zu sein, muss man sein Einkommen offen legen“, erklärt Susanne Bauer von der Diakonischen Bezirksstelle. Insgesamt sind 229 Kunden registriert, die in der Tafel einkaufen können. Nach einem strengen Zeitplan: Die Kunden sind in fünf Gruppen eingeteilt, deren Einkaufszeiten sich abwechseln, sodass jede Gruppe ab und an in den Genuss kommt, als erstes Einkaufen zu können. Ein entscheidender Vorteil: Denn am Ende des Tages kann es schon einmal vorkommen, dass manche Produkte nicht mehr zu finden sind. „Wir kaufen nichts ein“, erklärt Bauer. Alle Lebensmittel, die in der Tafel angeboten werden, sind Spenden von örtlichen Supermärkten und Bäckereien, die übrig gebliebene Waren an die Tafeln abgeben.

Ein eingespieltes Team

Dafür sind Ursula und Helmut Röken da. Mit dem Transporter der Uracher Tafel gehen sie an diesem Donnerstag auf Tour – begleitet von mir als Redakteur der Südwest Presse. „In die Läden kann ich sie nicht mitgehen lassen“, sagt Ursula Röken gleich zu Beginn entschuldigend. Nicht alle Spender sehen es gerne, wenn Journalisten ungefragt in die Betriebsräume schauen würden. Für mich ist das kein Problem, geht es doch heute um die Uracher Tafel. Das Ehepaar ist derweil ein eingespieltes Team: Der 70-jährige Helmut fährt den Transporter auch bei Schnee und Eis routiniert, seine 68-jährige Frau dokumentiert die Lebensmittelspenden. „Den großen Transporter würde ich nie im Leben selber fahren“, sagt Ursula Röken und lacht.

Insgesamt gibt es bei der Uracher Tafel derzeit drei Fahrerteams, die sich mit der Abholung der Lebensmittel abwechseln. „Wir sind ein Rentner-Klub“, sagt Susanne Bauer, die zusammen mit Silke Goller die Ehrenamtlichen koordiniert und unterstützt. Die allermeisten der im Tafelladen Engagierten sind im Rentenalter, sie teilen sich die Arbeit in drei Teams auf: Die Fahrer kümmern sich um die Abholung der Lebensmittel, das Vorbereitungsteam prüft die Qualität und übernimmt die Warenauslage, während das Verkaufsteam die Preise festlegt und die Kundschaft betreut. Und auch wenn der Tafelladen inzwischen etabliert ist, tut sich die Kundschaft immer noch schwer. „Das erste Mal kommen die meisten im Gedanken zu uns: jetzt reicht es wirklich nicht mehr und ich muss doch in die Tafel“, sagt Bauer. Es sei ein Gefühl des Scheiterns.

Zurück auf der Straße. Helmut Röken kennt die Schleichwege, um durch den Berufsverkehr zügig nach Dettingen zu kommen. Im dortigen Industriegebiet liegen die ersten Stationen. Von uns nimmt zunächst niemand Notiz, die Waren für die Tafel stehen schmucklos im Eingangsbereich bereit. Sechs Kisten voller abgepackter Brötchen wandern in den Tafel-Transporter. Die Rökens freuen sich, denn sie wissen: Brötchen und Weißbrot sind bei den Kunden begehrt. Vor allem die ausländischen Einkäufer können mit Schwarz- und Vollkornbrot nur wenig anfangen. Und ich wundere mich das erste Mal, wie viele Lebensmittel tagtäglich in Deutschland übrig bleiben. Zwar ist mir die Tatsache längst bekannt – es selbst zu sehen ist aber deutlich eindrücklicher.

Die Tafeln haben somit nicht nur eine soziale Funktion, sondern helfen auch im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung. Das wird bei der nächsten Station deutlich: Im Hinterhof eines Supermarktes stehen die nächsten Spenden bereit. Ziemlich unsortiert. Ursula und Helmut Röken prüfen Obst, Gemüse und die anderen Artikel schon vor Ort, vieles wird aussortiert. „Was wir mitnehmen, muss gegebenenfalls von der Tafel entsorgt werden“, sagt Ursula Röken. Deshalb schauen sie genau hin.

Ich prüfe ein Netz Orangen. Eine Frucht hat Schimmel angesetzt, die anderen sind tadellos. Unverkäuflich für den Supermarkt. Später gibt es Mandarinen aus Spanien, drei Netze, alle einwandfrei. Aber im Discounter durch eine Palette frischerer Früchte ersetzt. Cornflakes gibt es an diesem Morgen auch. Die Umverpackung aus Karton ist gerissen, der Inhalt luftdicht verschlossen. Was die Kundschaft im Laden zum Normalpreis meidet, wird in der Tafel gerne mitgenommen.

Toastbrote als Zufallsfund

Nur durch Zufall entdeckt die 68-Jährige, dass an einer anderen Stelle im Bereich des Lagers noch weitere Spenden warten. Sie war dorthin gegangen, um verbeulte Pfirsichdosen wegzuwerfen. Die können auch im Tafelladen nicht verkauft werden, denn die innere Kunststoffhüle könnte beschädigt sein und das Metall der Dose mit dem Inhalt reagieren. Nun ruft sie Helmut und mich zu sich – mit mehreren Kisten voller Toastbrot gehen wir wieder zum Transporter. Mir tun inzwischen die Hände weh – Minusgrade am Morgen. „Das man Handschuhe braucht, lernt man bei uns schnell“, sagt Helmut Röken schmunzelnd. Apropos lernen: Die beiden Eheleute waren vor ihrem Ruhestand als Lehrer tätig. „Wir haben gesagt, wenn wir beide im Ruhestand sind, engagieren wir uns zusammen ehrenamtlich“, erzählt Ursula Röken. Eine Zeitungsanzeige machte sie vor sechs Jahren auf die Tafel aufmerksam. „Einen Monat fuhren wir dann gemeinsam mit einem erfahrenen Fahrer mit, dann haben wir selbst Touren übernommen.“

Spargel aus Peru

Diese führt uns an diesem Morgen bis nach Metzingen, wo bei einem Discounter unter anderem Erdbeeren und Spargel – aus Peru – auf uns warten. Und Berge von Paprika. Den Geruch von Obst und Gemüse nehme ich an diesem Morgen deutlicher als sonst war. Die Perspektiven verändern sich. „Man geht selbst bewusster einkaufen“, sagt Helmut Röken dazu. Meine Eingangsfrage, weshalb sich die beiden für die Tafel engagieren, kann ich inzwischen selbst beantworten: Mit jeder Kiste Lebensmittel, die im Transporter verstaut wird, steigt das befriedigende Gefühl, Gutes zu tun. Selbst wenn dabei die Finger frieren.

Dennoch bleibt zu Beginn ein komisches Gefühl. Lebensmittel mitzunehmen, ohne dafür zu bezahlen. Gelegentlich bekomme ich das Gefühl, als Bittsteller die Abläufe in den Läden zu stören, auch wenn die Mitarbeiter – sofern wir welche zu Gesicht bekommen – meistens freundlich sind. Und die Lebensmittel nicht für uns, sondern für Bedürftige gesammelt werden. „Man gewöhnt sich schnell daran, dann ist das alles Routine“, sagt Helmut Röken pragmatisch.

Bei einer Großbäckerei hinter Metzingen haben wir die letzte Station erreicht. Zwischen stattlichen Lkws platziert Helmut Röken den Tafel-Transporter an einem Ladetor. Für die Rökens die beste Station des Tages: Hier sind alle süßen Stückchen, Berliner, Brote und Brötchen für uns perfekt verpackt in Transportboxen, die die Bäckerei dem Tafelladen ausleiht. Wir bringen die leeren Boxen zurück und nehmen die gerade Mal einen Tag alten Backwaren mit. „Für die Uracher Tafel“, steht auf einem großen Hinweisschild geschrieben.

Mit einem gut gefüllten Transporter geht es nun zurück nach Bad Urach. Auf der Fahrt erzählen die Rökens, dass früher deutlich mehr Lebensmittel auf sie warteten. „Das Sortieren bei einem Laden hat einmal eine ganze Dreiviertelstunde gedauert“, erinnert sich Ursula Röken. Inzwischen planen auch die Supermärkte besser. Weggeworfen wird dennoch viel. Initiativen wie die Tafel helfen, die Lebensmittelverschwendung in der Konsumgesellschaft zu mindern. Und unterstützten gleichzeitig bedürftige Mitmenschen.

Vom Engagement überzeugt

Eine Arbeit, von der alle ehrenamtlichen Helfer zutiefst überzeugt sind, wie ich schnell feststelle. Zurück im Tafelladen sind die Fahrzeuge des Handwerkbetriebs längst verschwunden, im Tafelladen herrscht dagegen emsiges Treiben. Das Vorbereitungsteam ist an allen Ecken und Enden des Ladens beschäftigt, um den Verkauf vorzubereiten. Zunächst wurden die Waren aus dem eigenen Kühlraum geprüft, nun bringen wir Nachschub. Die Regale im Tafelladen füllen sich. Mal mehr, mal weniger voll.

Hier begrüßt mich Lutz Wörz mit einem kräftigen Händedruck. Wörz ist für die Organisation des Verkaufsteams zuständig. Er erklärt das weitere Prozedere: Ist alles eingerichtet, beginnt von 14.30 bis 16.30 Uhr der Verkauf – jeweils dienstags und donnerstags. Die registrierten Kunden zeigen ihre Kundenkarten vor, bekommen dann zwischen einem und drei Einkaufskörben. Je nachdem, wie viele Menschen im jeweiligen Haushalt versorgt werden. „Hinter den 229 registrierten Kunden stehen 640 Familienangehörige“, weiß Susanne Bauer.

Beim Verkauf selbst gelte es dann, den Überblick zu bewahren. Und auch einmal einzuschreiten. „Bei begehrten Waren müssen wir die Käufer manchmal schon kräftig ausbremsen“, erzählt Wörz. Denn schließlich soll nach Möglichkeit jeder Kunde die Chance bekommen, auch einmal Kosmetikprodukte, Zucker, Öl oder Mehl zu bekommen. Allesamt Waren, die ein langes Mindesthaltbarkeitsdatum haben. Und deshalb in den Supermärkten meist verkauft werden, bevor diese die Waren aus dem Regal nehmen und sie der Tafel spenden. „Dann gibt es davon nur eine Packung und nicht alle zehn“, sagt Wörz bestimmt.

Verschiedene Kirchengemeinden in der Region sammeln regelmäßig solche Langzeitwaren für die Tafeln, auch einige Privat­spender gibt es. Mitunter erhalten die Tafeln auch einmal eine große Charge, wenn bei einem Unternehmen etwa die Etikettierung fehlerhaft ist. „Die Tafeln sind gut vernetzt, solche Waren werden dann verteilt“, erklärt Bauer. Und doch bleiben manche Produkte Mangelware.

Keine Mangelware sind glücklicherweise die Ehrenamtlichen, die mit ihrem Engagement die Uracher Tafel am Laufen halten. Insgesamt sind es derzeit 35. Doch auch die Helfer suchen Verstärkung. „Zwei weitere Fahrer wären gut“, sagt Susanne Bauer. Jedes Team fährt für gewöhnlich einmal in der Woche; es geht allerdings früh am Morgen los. Aber auch das geht, wie Ursula Röker voller Überzeugung erzählt: „Wir stehen sonst auch nicht so früh auf. Aber einmal in der Woche geht das gut.“

Helfende Hände gesucht

Auch in der Tafel selbst wäre jede helfende Hand gern gesehen. Damit in der Pfählerstraße Nummer fünf auch in Zukunft denen geholfen werden kann, die finanziell am Rand der Gesellschaft stehen und die sich freuen, wenn der Einkauf einmal nicht ganz so teuer ausfällt. Gleichzeitig helfen die Tafeln, die Lebensmittelverschwendung zu begrenzen. 18 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jährlich weggeworfen, lautet die Bilanz der Umweltorganisation WWF.

Eindrücklicher als diese schwer zu fassende Zahl ist, selbst bei der Tafel vorbeizuschauen. Wer einmal mithilft, einen Transporter voller Lebensmittel vor der Tonne zu retten, geht mit einem anderen Blick einkaufen.

Die Bad Uracher Tafel unterstützen


Wer bei der Uracher Tafel mithelfen möchte, kann sich an die Diakonische Bezirksstelle wenden. Die Telefonnummer lautet (0 71 25) 94 87 61, die E-Mail: diak.werk@kirche-reutlingen.de. Spenden für die Tafel gehen an DE84 6405 0000 0000 3011 32, Stichwort Bad Uracher Tafel.